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Cecilia Hansson
Schweden
Wie bestimmen soziale und kulturelle Fragen die nationale und Europapolitik?

Wir können mehr auf Kunst und Literatur hören, denn sie fördern Empathie und Verständnis und sind deswegen ein Schutz gegen totalitäre Strömungen.

Von Cecilia Hansson

In diesen Zeiten, in denen das Politische in großen Teilen Europas jegliche Vernunft und Besonnenheit überflutet und der Kontinent im Begriff steht zu kentern, ist es an der Zeit, ernsthaft auf das Wissen und die Wahrheit zu hören, die in Kunst und Literatur zu finden sind. Denn noch existieren sie, die freien Künste, und sie sind ein ganz besonderer Schutzwall gegen die totalitären Unterströmungen, die Europa heute bedrohen.

Die Autorin Cecilia Hansson Foto: Marin Vallin © Goethe-Institut In Kunst und Literatur nämlich werden Erfahrungen vermittelt, die über das rein Rationale und über das rein Emotionale hinausreichen. Wenn Herta Müller die Gesellschaft der Denunzianten im kommunistischen Rumänien beschreibt oder Elfriede Jelinek das Ausgeliefertsein von Flüchtlingen, werden Zuschauerinnen und Zuschauer bzw. Leserinnen und Leser von dem ergriffen, was Aristoteles als „Furcht und Mitleid“ bezeichnet. Durch beides zusammen entsteht eine Katharsis, eine Läuterung, die uns hoffentlich zu tieferer Erkenntnis führt, zu Empathie und Verständnis. Zu Mitmenschlichkeit.

Man sollte also zuhören, wenn Herta Müller einen machtgierigen Staatsmann in Osteuropa mit dem Diktator vergleicht, an den sie sich aus ihrer Zeit in Rumänien erinnert. Oder wenn Elfriede Jelinek in den prägnantesten Gesellschaftsschilderungen, die über Österreich je zu lesen waren, die Angelegenheiten der kleinen Alpenrepublik vor den Augen der Allgemeinheit ausbreitet. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass 2016 in Wien eine Aufführung von Jelineks Stück Die Schutzbefohlenen – in allen Rollen besetzt mit Flüchtlingen – von Mitgliedern der ‚Identitären Bewegung‘ gestürmt und beschimpft wurde.

Und es gibt noch mehr Gründe, heute den Erfahrungen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Künstlerinnen und Künstlern Beachtung zu schenken. In Ungarn und Polen verlieren unabhängige Künstlerinnen und Künstler und Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit – wovon parteitreue Kolleginnen und Kollegen profitieren. Man spricht von ‚Nationalkonservatismus‘, aber es gleicht eher totalitären Zeiten. Oder was soll man sonst dazu sagen, wenn eine freie Universität wie die Zentraleuropäische Universität in Budapest das Land verlassen muss, wenn Bildung und globale Perspektiven von der autoritären Regierung als Bedrohung angesehen werden?
Und in Österreich wird zurzeit der ORF, der öffentlich-rechtliche Fernseh- und Rundfunksender, von den Rechtspopulisten angegriffen, was besonders schwer wiegt, da diese Rechtspopulisten – deren nicht diskussionswürdige Ideen diesen Text nicht besudeln sollen – mit den Konservativen die Regierung bilden.

Haben wir wirklich das postkommunistische Europa, von dem viele von uns geträumt haben? Das Europa der EU? Ja, leben wir überhaupt in einem postfaschistischen Europa? Einem Europa, wie wir es haben wollen?

Weiterführende Literatur:
Herta Müller, Herztier, Frankfurt a.M. 2007/2010 (Fischer).
Herta Müller, Der König verneigt sich und tötet, Frankfurt a.M. 2008/2010 (Fischer).
Elfriede Jelinek, Die Schutzbefohlenen. Wut. Unseres. Theaterstücke, Reinbek bei Hamburg 2018 (Rowohlt; erscheint im Oktober 2018). Auch als Audio-Book bei belleville erhältlich.
Péter Nádas, Parallelgeschichten, Reinbek bei Hamburg 2013 (Rowohlt).

Folgefrage:
"Leben wir überhaupt in einem postfaschistischen Europa, einem Europa, wie wir es haben wollen?"

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