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Nikita Dhawan
Österreich
Leben wir überhaupt in einem Europa, wie wir es haben wollen?

Die demokratisierenden Kräfte in Europa werden von Nationalismen, Rassismen und Ausgrenzungen ausgebremst. Das Versprechen eines postfaschistischen Europa entpuppt sich als verpasste Chance auf eine Verabredung mit der Geschichte.

Von Nikita Dhawan

Der europäische Anspruch, global eine Führungsrolle einzunehmen, gründet sich auf der Behauptung moralischer, technologischer und militärischer Überlegenheit. Diese Überzeugung geht Hand in Hand mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein, das Europäern das Gefühl vermittelt, verantwortlich zu sein für die weltweite Verbreitung von Freiheit, Recht und Gerechtigkeit. Europa als Garant für Weltfrieden und Demokratie ist die Fortsetzung der „Bürde des weißen Mannes“, jener Verpflichtung der Europäer, den Rest der Welt zu „retten“ und „aufzuklären“. Das Paradox in der europäischen Selbstwahrnehmung als „zivilisierender Kraft“ liegt vor allem darin, dass dieses positive Urteil, das Europa sich da selbst ausstellt, nur möglich ist durch eine massive Geschichtsvergessenheit, was die Kosten dieser aufklärerischen Mission anbelangt – Kosten in Form von Sklaverei, Ausbeutung, Plünderung, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit einerseits und wiederholtem Verrat an den Grundsätzen der Aufklärung andererseits, an Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschlichkeit.

Die Autorin Nikita Dhawan Foto: Daniel Vegel © Goethe-Institut Sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Postcolonial Studies als auch der Holocaust Studies ziehen den hohlen Mythos des langen europäischen Marsches zu Freiheit und Emanzipation mittlerweile in Zweifel und skizzieren eine gewisse „Ernüchterung“ in Anbetracht der europäischen Idee. Sie misstrauen der Selbstdarstellung der Europäer als Hüter der Aufklärung. Diese selbstgefällige Haltung wird dann angegangen, wenn man Europas Selbstverrohung in Form von Kolonialismus und Faschismus ans Licht holt, jenes Erbe, das bis heute Konsequenzen in Europa zeitigt.

Die demokratisierenden Kräfte, die in Europa am Werk sind, scheinen konstant von brutalen Nationalismen, Rassismen und Ausgrenzungen heimgesucht zu werden. Die Anderen Europas, darunter postkoloniale Migrantinnen und Migranten, Roma und Sinti sowie ethnische, sexuelle und religiöse Minderheiten stellen als Erinnerung an und Überbleibsel von Kolonialismus und Faschismus eine Herausforderung für Europa dar. Europa muss sich konfrontieren mit der Wahl, die es hat: Entweder, es bleibt auf den ausgetretenen Pfaden und behauptet seine moralische, ökonomische und militärische Überlegenheit – oder es wächst an der Herausforderung, ein anderes Europa zu entwickeln, und lernt, verantwortungs- und respektvoll mit Differenz und Andersartigkeit umzugehen. Wenn Europa in der Lage und willens ist, aus Kolonialismus und Faschismus, seinen historischen Verbrechen, zu lernen, wäre das Vorantreiben eines post-imperialistischen Europa eine Chance für eine demokratische Weiterentwicklung Europas. Die Europäer täten gut daran, Gandhi zu beherzigen, der auf die Frage eines Journalisten, „Was halten Sie von der westlichen Zivilisation?“, geantwortet haben soll: „Ich denke, sie wäre eine gute Idee.“
 
Weiterführende Literatur:
Chakrabarty, D. (2000). Provincializing Europe. Postcolonial Thought and Historical Difference. Princeton/Oxford: Princeton University Press.
Derrida, J. (1992). The Other Heading: Reflections on Today’s Europe. Bloomington: Indiana University Press.
Fanon, F (1963). The Wretched of the Earth. New York: Grove Press.
Spivak, G.C. (1999). A Critique of Postcolonial Reason. Toward a History of the Vanishing Present. Cambridge, Mass: Havard University Press.

Folgefrage:
"Wie kann man weltweit für Geschlechtergerechtigkeit und gegen wirtschaftliche Ungleichheit kämpfen, ohne die europäische Vormachtstellung auf den Feldern der Entwicklungspolitik, der internationalen Zusammenarbeit und der Frauen- bzw. Menschenrechte weiter zu stützen?"

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