#reformieren! Christian Stückl

Christian Stückl im Interview mit Simone Lenz
© Goethe-Institut

Im Laufe des Reformationsjahres 2017 kommen in dem Dossier „Gegenwarten Reformieren“ Trendsetter und Vordenker mit ihren persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen von Wandel und Innovation zu Wort. Wo liegen Potenziale und Notwendigkeiten für gegenwärtige und zukunftsorientierte „Reformationen“?

In Oberammergau gab es bis 1990 ein sehr eingeschränktes Spielrecht: Man musste entweder in Oberammergau geboren sein oder dort 20 Jahre gelebt haben und einer christlichen Religionsgemeinschaft angehören. Letztlich gab es also nur Protestanten und Katholiken, die mitgespielt haben. Das war für mich ein absolutes No-Go. Einen Ausschluss z. B. der Muslime, die teils in der dritten Generation in Oberammergau lebten, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Als ich 14, 15 war, wurde den Passionsspielen Antisemitismus vorgeworfen und ich habe begonnen, nachzufragen, was Antisemitismus eigentlich ist, gerade im Theater. Die Spiele liefen ganz klar im Kern auf Ausgrenzung hinaus: Dort das Alte, hier das Neue Testament; das Alte ist abgelegt. Daher muss man sich ganz klar fragen: Wo läuft die Geschichte hin und was wollen wir in der Geschichte erzählen?

Die Arbeit, die ich mache, muss mit meiner Zeit zu tun haben; man muss versuchen, in der Zeit zu sein, die Dinge vorwärtszubringen und sie in der Gesellschaft, in der wir leben, auch wieder zu verankern, ob das nun ein Stück über den IS ist oder Shakespeares Sturm. In unserem Theater [dem Münchner Volkstheater und seinem Festival Radikal Jung] liegt das Hauptaugenmerk im Gegensatz zu den anderen Münchner Bühnen ganz klar auf dem Nachwuchs. Als Intendant muss ich viele Dinge ermöglichen, selbst wenn sie in die Hose gehen. Das Theater hält so viele Möglichkeiten bereit, damit die jungen Regisseure ihre eigene Form finden können. Wenn’s funktioniert, funktioniert’s; wenn nicht, wird sich das Alte schon wieder einrichten. Die Angst vor dem Neuen hemmt uns zu sehr.