Gegenwarten reformieren Dacia Maraini zu Macht und Reform

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„Bereits das 13. Jahrhundert hatte seinen Luther.“

Wäre ich Zeitgenossin Martin Luthers gewesen, so hätte ich bestimmt dessen Partei ergriffen: Gegen die Korruption der Kirche, die Käuflichkeit der Ablässe, die Durchsetzung der Religion mit Waffengewalt, die Vermittlung zwischen Mensch und Gott. Luther vertrat diejenigen Gedanken und Ideen, die einst Jesus Christus verbreitet hatte. Doch während die Kirche diese mit der Zeit aus den Augen verloren hatte, wollte Luther sie ins Gedächtnis rufen und in die Tat umsetzen.

Analysiert man den Verlauf der Geschichte, so stellt man fest, dass sich der Niedergang der Ideen und Ideale stets nach dem gleichen, vorhersehbaren Schema vollzieht: Am Anfang stehen große – revolutionäre, freieizügige und geradezu umwälzende – Gedanken, die diejenigen mitreißen, welche auf der Schattenseite des Lebens nach Gerechtigkeit für Körper und Seele dürsten. Aber sobald diese großartigen und vielversprechenden Ideen, diese schönen Utopien von Liebe und Gleichheit, den Pakt mit der Macht eingehen, verwandeln sie sich zu etwas, was häufig in offenem Gegensatz zu jenem Gedankengut steht, in dem sie selbst ihren Ursprung haben.

Das Christentum hat revolutionäre Wurzeln: Es lehnt Hass und Krieg ab und fordert sattdessen Vergebung, erkennt weder den Wert des persönlichen Eigentums, noch des Geldes an (Jesus selbst besaß weder Schuhe noch eine Wohnung), verurteilt zwischenmenschliche Anmaßung, predigt und lebt Gerechtigkeit und akzeptiert und praktiziert selbst die Gleichstellung der Geschlechter. Mit wenigen Worten und Gesten, und ohne jemals in die Theorie zu verfallen, verurteilte Jesus Christus sowohl die Sklaverei als auch das Konzept der Unreinheit und Unterlegenheit der Frau. In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass der junge Jesus von Nazareth, unmittelbar nach seiner Auferstehung, zwei Frauen folgende Botschaft übermittelte: „Gehet eilend hin und sagt es meinen Jüngern, dass ich auferstanden bin von den Toten“ – eine zwar symbolische aber dennoch höchst revolutionäre Geste, wenn man bedenkt, dass Frauen seinerzeit für unwürdig erachtet wurden, als Zeugen aufzutreten. Die griechische und die jüdische Tradition definierten sie als minderwertige verantwortungslose Wesen, als ewige Kinder, die es an der Hand zu nehmen, zu schützen und zu kontrollieren galt.

Dacia-Maraini Giuseppe Nicoloro Mit wenigen einfachen Worten hatte Jesus damals das Kapitel der Diskriminierung der Frau, in diesem Fall in ihrer Rolle als Zeugin, ad acta gelegt und gleichzeitig einen frontalen Angriff auf die jahrhundertalte Tradition der patriarchalen Misogynie gestartet.

Als jedoch zu Zeiten Konstantins die Kirche des Paulus und das Römische Reich eins wurden, änderten und verzerrten sich die Machtverhältnisse. Ein Weltreich hat Bedarf an Streitkräften, Gefängnissen, Gerichten und Feinden, gegen die es Krieg führen kann.

Und so wandelte sich die Christliche Kirche von einem Verbund einfacher, mittelloser und gläubiger Menschen, die Vertrauen in Gott und ihren Nächsten hegten, zu einem Zentrum der absoluten Herrschaft, dass von oben herab verfügte, wie sich seine Untertanen zu verhalten hatten, was sie tun und lassen, wie sie beten, leben und sterben sollten. Je fester sich eine Macht etabliert, umso größer wird ihr Bedarf an Strukturen zur Selbsterhaltung, wie Waffen, Gefängnissen, Gerichten und Folterkammern (Die Folter bei Verdacht auf Häresie wurde 1252 mit der von Papst Innozenz des IV. veröffentlichten Dekretale „Ad Extirpanda“ rechtskräftig).

Und hier beginnt meiner Ansicht nach die Religion zu kränkeln, an Spiritualität zu verlieren und zum bloßen Instrument der Herrschaftsverteidigung und der Machterhaltung um jeden Preis zu verkommen.
Christus hätte sich sicher mit Grauen von der Heiligen Inquisition, den Kreuzzügen, der Folter und den Ketzerverbrennungen abgewandt - so wie es später die Heiligen Franz und Klara von Assisi getan und dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Andersdenkende und Protestler gab es innerhalb der Kirche schon immer, wie etwa die Katharer oder Albigenser, die wahrhaft unchristlichen, grausamen Massenhinrichtungen zum Opfer fielen, oder Giordano Bruno, Petrus Valdes und zahlreiche andere, die der Häresie verdächtigt und, wann immer möglich, zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurden. 

Hielt die Kirche einerseits standhaft an ihrem Reichtum und den krankhaften Bündnissen mit den herrschenden Machthabern fest, so bedurfte sie andererseits dennoch stets ihrer Kritiker, die sie zwar auszugrenzen und zum Schweigen zu bringen suchte, später aber dennoch anerkennen und , gemäß dem Motto „promoveatur ut amoveatur“ heiligsprechen musste.

Bereits das 13. Jahrhundert hatte SEINEN Luther: Sein Name war Franz von Assisi, und auch er hatte heftige Kritik an der Kirche und den mondänen Ausschweifungen des Klerus geübt. Allerdings strebte er niemals eine Spaltung der Institution an. Dies lag vielleicht an seiner bescheidenen Wesensart oder auch an der Tatsache dass er, anders als Luther, nicht auf die Unterstützung ganzer Völker zählen konnte, die in ihm die Verkörperung einer neuen Religion sahen.

Franz von Assisi hatte versucht, die Kirche von innen zu reformieren, was ihm allerdings nur teilweise gelang. Gleiches gilt für die Heilige Klara, die erste Frau die eine Ordensregel für Frauen geschrieben hatte, eine außergewöhnliche Denkerin, die ihr Gelübde der absoluten Armut mit bewundernswerter Kohärenz erfüllt und – in Konflikt mit den kirchlichen Würdenträgern - innerhalb der Klostermauern die Prinzipien der Demokratie konkret gelebt hatte.

Aufgrund ihrer außerordentlichen Beliebtheit sprach die Kirche beide unmittelbar nach ihrem Tod heilig, gleichzeitig vernichtete sie jedoch ihre Testamente, und alles verlief wieder in gewohnten Bahnen.
Trotz dieser forcierten Wiederherstellung der alten Ordnung übte das geistige Erbe der beiden Heiligen einen enormen Einfluss auf die Nachwelt aus, und ohne das Exempel ihrer authentischen Spiritualität hätte die Kirche nicht weiter existieren können.

Luther hingegen beabsichtigte keineswegs, die Kirche von innen zu reformieren: Er knöpfte sie sich direkt vor und erklärte ihr offen den Krieg. Zu seinem Glück griffen ihm große Teile der Bevölkerung helfend unter die Arme, die die Unabhängigkeit vom römischen Katholizismus forderten, und so konnte er der Verhaftung, der Verurteilung und dem Tod auf dem Scheiterhaufen entgehen, wo er ohne politische Rückendeckung zweifellos geendet wäre.

Und das Ergebnis? Italien, das während der Renaissance höchst moderne Vorstöße auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Philosophie sowie in Richtung auf das humanistische Freiheitspostulat unternommen hatte, hielt auf halbem Wege inne, um sich einer Kirche unterzuordnen, die sich erneut dominant und intolerant gebärdete. Man denke nur an Giordano Bruno, der auf dem Campo Marzio bei lebendigem Leib verbrannt wurde, oder die Demütigung Galileo Galileis, der gezwungen war, seine Erkenntnisse zu verleugnen.

Statt die Reformansätze Luthers aufzugreifen und in einen internen Erneuerungsprozess münden zu lassen, reagierte die Kirche mit einer Verschärfung der althergebrachten Regeln und berief sich auf ihre unflexiblen und autoritären Dogmen. Ich persönlich halte die Gegenreformation für eines der schlimmsten Verhängnisse, die unserem Lande je widerfahren sind.

Selbst der wunderbaren Entwicklung des Italienischen hin zu einer einheitlichen Landessprache bereitete die Gegenreformation ein abruptes Ende: In den Schulen, Universitäten, Kirchen und Gerichtssälen kehrte man zur lateinischen Sprache zurück, während Italienisch auf die ungebildeten Bevölkerungsschichten und erneut auf den nur mündlichen Gebrauch begrenzt war. Schriftliche Texte hingegen wurden ausschließlich in den Akademien und strikt in lateinischer Sprache verfasst. Und so konnte sich, über Jahrhunderte hinweg, nahezu keine Literatur in italienischer Volkssprache etablieren und verbreiten.
Luther sollte Recht behalten, auch wenn seinen Gedanken – wie es das Schicksal aller großartigen und vielverheißenden Ideen ist – im Laufe der Zeit politische und ökonomische Bedeutungen beigemessen wurden, die sie anfangs nicht hatten. Bedeutungen, die ihren ursprünglich revolutionären Charakter entstellt und zu Kriegen geführt haben, denen nicht etwa eine religiöse Motivation zugrundelag, sondern lediglich die Gier nach Reichtum, Besitz, Macht, Unterwerfung und Herrschaft.
 

BIOGRAFIE

Dacia Maraini, 1936 geboren, gilt als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Autorinnen Italiens. Ihr Werk umfasst zahlreiche Romane, Essays und Gedichte, aber auch Theaterstücke und Drehbücher. 1996 wurde sie mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik ausgezeichnet.