#reformieren! Richard Bartlett

Richard Bartlett
Richard Bartlett | © Richard Bartlett

Im Laufe des Reformationsjahres 2017 kommen in dem Dossier „Gegenwarten Reformieren“ Trendsetter und Vordenker mit ihren persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen von Wandel und Innovation zu Wort. Wo liegen Potenziale und Notwendigkeiten für gegenwärtige und zukunftsorientierte „Reformationen“?

Die feministische Bewegung ist in vielen Bereichen auf dem Vormarsch. Ich habe viele progressive Orte der westlichen Welt gesehen und dort erfahren, dass Männer das Problem des Sexismus ernst nehmen. Wenn jemand dort entsprechende Dynamiken innerhalb einer Gruppe benennt, finden sich gewöhnlich ein oder zwei Männer, die eher mit Demut reagieren als eine Verteidigungshaltung einzunehmen.

Demut ist ein guter Ausgangspunkt um Aufmerksamkeit für die Erfahrungen von Anderen aufzubringen und sexistische Programmierungen aufzuheben, um schließlich neue Gewohnheiten anzunehmen, und somit mein Verhalten und meine Werte in Einklang zu bringen.

Dazu brauchen wir auch Mut. Männer sollten sich nicht scheuen anderen Männern unverblümt zu erklären, dass und inwiefern wir alle  ohne das Patriarchat besser dran wären.

Mir sind viele Geschichten von Frauen und Transgender-Menschen zu Gehör gekommen – persönliche Erfahrungen von Unterdrückung und Widerstand.

Auch Cis-Gender Männer machen Erfahrungen damit – aber wir tauschen uns darüber nicht aus. Wie fühlt es sich an, zur Herrschaft über Andere erzogen zu werden? Wie kann man Schuld und Scham einer Komplizenschaft überwinden? Wie widersprichst Du dem Sexismus Deiner Freunde ohne sie als Freunde zu verlieren? Wie fühlt es sich an, tagtäglich eine äußerst fragile Maske der Stärke zu tragen?

Ich weiß, dass ähnliche Gespräche unter Männern stattfinden, aber es wird Zeit, sie mit feministischer Theorie und mit der feministischen Bewegung in Verbindung zu bringen.

Wie Carol Hanisch 1969 dargelegt hat, wird das Persönliche politisch, wenn wir erstens die Muster unserer individuellen Erfahrungen erkennen, zweitens die Wurzeln dieser Muster freilegen und drittens kollektive Macht entfalten, um strukturelle Veränderungen zu fordern.

Dass Männer lernen, den Mund zu halten, Freiräume zu geben und zuzuhören ist großartig. Als nächstes aber müssen wir lernen, aufzubegehren und Krach zu schlagen.

 

Biografie

Richard D. Bartlett, 1984 geboren, ist einer der Gründer von Loomio, einer Open-Source-Software aus Neuseeland, die kollektive Entscheidungsprozesse unterstützt. Außerdem arbeitet er für Enspiral, ein dezentrales Netzwerk, dem 250 Freischaffende angehören. Richard Bartlett kommt aus dem Bereich des kreativen Aktivismus und der DIY Open-Source-Hardware. Er begeistert sich für co-ownership, Selbstmanagement, collaborative governance und andere Wege etablierte gesellschaftlichen Bereiche mit anarchistischen Prinzipien zu unterwandern. Er schreibt unter richdecibels.com