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Museumsarbeit in Seoul
„Ich habe Angst, dass die Landesgrenzen weiter geschlossen bleiben“

Besucher*innen in einer Virtual Reality-Ausstellung im ARKO Art Centre in Seoul.
Besucher*innen in einer Virtual Reality-Ausstellung im ARKO Art Centre in Seoul. | Foto (Ausschnitt): © Keun Young Lee

Wie bleiben Museen ein Ort der Begegnung und des Austauschs – auch in einer digitalen, postpandemischen Welt? Ein Gespräch mit Leeji Hong, der Kuratorin vom National Museum of Contemporary Art Seoul (MMCA).

Von Kyungeun Lim und Eva Fritsch

Vom 14. bis 30. September 2021 veranstaltete das MMCA ein Symposium, bei dem es um das Thema „Museen in einer Welt nach der Pandemie“ ging und an dem Redner*innen aus Europa und Asien teilnahmen. Welche Erkenntnisse haben Sie aus den Diskussionen gewonnen?

Leeji Hong: Die Menschen haben sich in den zwei Jahren der Corona-Krise daran gewöhnt, über Bildschirme zu interagieren. Zunächst waren die meisten darauf fokussiert, wie sie diese Veränderung „überwinden“ können. Das war eine verwirrende Zeit für alle. Aber in diesem Jahr haben wir uns an die Umstände angepasst und überlegt, wie man mit dem Coronavirus koexistieren und in der Kulturwelt umgehen kann. Das war auch das Thema vieler Redner*innen.

Auch wenn ich während des Symposiums, das im MMCA, also in einem Kunstmuseum stattfand, das Verlangen spüren konnte, Kultur wieder ohne ein Reservierungssystem genießen zu können und zu alten Strukturen zurückzukehren, müssen wir uns bewusst sein, dass Dinge, die zuvor selbstverständlich waren, verloren gehen könnten.

Welchen Wandel erwarten Sie für Museen in einer Zeit nach der Pandemie?

Leeji Hong: Ich denke, das bedeutet Veränderungen verschiedenster Art. Da für viele Mitarbeiter*innen aus dem Museumsbereich zunächst schwer vorstellbar war, dass öffentliche Einrichtungen nicht wieder öffnen würden, brauchte es einige Zeit, bis sie akzeptieren konnten, dass auch digitale Interaktion im Kunstbereich möglich ist. Die Tatsache, dass wir keine Gäste vor Ort empfangen konnten, brachte viele Herausforderungen mit sich, die nicht nur die Angestellten betrafen, sondern auch die Rolle des Museums als öffentliche Einrichtung und Institution – Erfahrungen, die unser Handeln in der Zukunft bestimmen werden.

Wir sollten nicht vergessen, dass ein Kunstmuseum kein „Grab“ für gesammelte Gegenstände ist, sondern darüber nachdenken, wie wir den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung als vielfältiger Ort der Begegnung näher kommen können.

Das MMCA Seoul hat auch Online-Ausstellungen angeboten. Waren diese so erfolgreich, wie Sie erwartet haben?

Leeji Hong: Dadurch, dass Veranstaltungen irgendwann digital übertragen wurden, haben wir herausgefunden, was vor Ort möglich ist. Folglich haben wir digitale Ausstellungen aktiv genutzt und mit Metaversum, einem kollektiven virtuellen Raum, in dem wir unsere Dauerausstellungen gezeigt haben, Online-Unterricht, Talks, Webinaren ein Programm gestaltet, bei dem die Besucher*innen nicht den Standort wechseln müssen und auf verschiedene digitale Plattformen Zugriff haben.

Der Zustrom jüngerer Leute hat sich explosionsartig vergrößert. Aber auch hier gab es trotz der raschen und gelungenen Umsetzung Nachteile. Der Umgang mit digitalen Urheberrechten oder mangelnde Medienkompetenz sind Beispiele dafür. Das Problem der digitalen Demokratie wurde ebenfalls angesprochen, was bedeutet, dass Menschen unberücksichtigt blieben, die nicht über das entsprechende Equipment verfügen, obwohl es das Ziel war, inklusive Museumsarbeit zu leisten.

Die größte Lektion für uns betraf die Frage nach den technischen Möglichkeiten. Wo wir bisher versucht hatten, Offline-Aktivitäten in Online-Aktivitäten zu überführen und umgekehrt, sind wir jetzt dazu übergegangen, beides unabhängig voneinander zu nutzen.

Es ist schwierig, den Offline-Besuch vollständig durch den Online-Besuch zu ersetzen.

Leeji Hong

Welche Art von Ausstellung zieht Ihrer Erfahrung nach die meisten Besucher*innen an?

Leeji Hong: Mittlerweile denke ich, dass die Besucher*innen nicht lediglich kommen, um sich die Exponate anzusehen. Ich glaube vielmehr, dass sie ins Kunstmuseum kommen, um die Atmosphäre vor Ort zu erleben. Die Betrachtung von Kunstwerken ist ganz klar online wie offline möglich. Allerdings ist die Vorbereitung auf den Besuch bis hin zum „Nachklang“ des Kunstgenusses – und somit der Museumsbesuch als Event - ein wichtiger Bestandteil der Offline-Besichtigung. Es ist schwierig den Offline-Besuch vollständig durch dem Online-Besuch zu ersetzen und anders herum.

Haben Sie als Kuratorin direkt oder indirekt erfahren, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Lebenswelt von Künstler*innen hat?

Leeji Hong: Ironischerweise haben Maler*innen 2020 deutlich mehr Werke produziert als in dem Jahr zuvor. Außerdem hat sich die Welt, in der sie arbeiten, verändert und erweitert. Mittlerweile erleben Bereiche wie die Film- und Theaterproduktion große Schwierigkeiten wegen der räumlichen Beschränkungen. Gleichzeitig gab es immer mehr Akteur*innen, die sich Gedanken über innovative Ausstellungsformate und deren Umgebungen gemacht haben. Das war auch in der Kunstszene der Fall. Je stärker das Budget gekürzt wurde, desto stärker sahen wir uns gezwungen, die Prioritäten der geplanten Ausstellungen nach ökologischen und ethischen Aspekten neu zu definieren.
 

„Wir sollten uns selbst nicht in der digitalen Welt verlieren.“

Leeji Hong

Was sind Ihrer Meinung nach die positiven Auswirkungen der Digitalisierung und was bedeutet das für Museen in einer postpandemischen Zeit?

Leeji Hong: Als Museumskuratorin habe ich Angst davor, dass wegen der Pandemie die Landesgrenzen weiter geschlossen bleiben und der Austausch nur noch auf lokaler Ebene stattfindet. Und ich mache mir Sorgen über den Mangel an Empathie unter den Menschen. Die öffentlichen Museen bemühen sich gerade sehr, Geschichten über globale Probleme, wie Diskriminierung und Hass, Umwelt- und Klimakrisen, die Teilnahme an der Gesellschaft in Projekten zu verarbeiten. Wir müssen uns Gedanken machen, wie man diese Herangehensweise online umsetzen und wie der internationale Austausch auch in der Zukunft digital funktionieren kann.

Ich denke außerdem, dass es wichtig ist, Technologie und Digitalisierung nicht über die Kunst zu stellen. Obwohl während der Pandemie die Eindämmung des Infektionsgeschehens an erster Stelle steht und dabei die technischen Errungenschaften eine große Hilfe sind, sollten diese dennoch nicht über allem stehen. Die Bemühungen für einen bewussten Umgang mit der Digitalisierung hängen von jedem Individuum ab. Daher sollten wir unser Gemeinschaftsgefühl und uns selbst nicht in der digitalen Welt verlieren.

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