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Indigener ökologischer Widerstand in Brasilien
Kehre zum Leben im Einklang mit der Natur zurück und stütze den Himmel

Ein brasilianischer Nussbaum brennt auf dem Siedlungsprojektgebiet Praialta Piranheira der Stadt Nova Ipixuna im Bundesstaat Pará, Brasilien, 2010.
Ein brasilianischer Nussbaum brennt auf dem Siedlungsprojektgebiet Praialta Piranheira der Stadt Nova Ipixuna im Bundesstaat Pará, Brasilien, 2010. | Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez

Nachdem Gricelia Tupinambá den Tupinambá-Mantel zum ersten Mal im Musée du Quai Branly in Paris gesehen hatte,  erschien er ihr im Traum und sprach zu ihr: Erst wenn das Volk der Tupinambá in sein heiliges Land zurückgekehrt und der Mantel erneut mit diesem Land vereint wäre, würde er wahrhaftig von Neuem existieren. Jahrhundertelang war der heilige Mantel der Tupinambá verschollen, war nur in einigen wenigen europäischen Museen zu finden. Dank der außerordentlichen künstlerischen Arbeit von Gricelia Tupinambá, die sich umgeben von den verheerenden Auswirkungen der Pandemie letztes Jahr daran machte, den Mantel neu zu erschaffen, existiert er nun endlich wieder.

Von Felipe Milanez

Mit 60.000 Fällen, über 1.200 Toten und Infektionen bei Angehörigen von 163 verschiedenen Ethnien war die indigene Bevölkerung überdurchschnittlich stark von der Coronavirus-Pandemie betroffen. Aussagen der indigenen Bewegung APIB zufolge wurde die Übertragung des Virus in manchen Fällen direkt von Bundesbeamten veranlasst. Mit der gesundheitlichen Katastrophe gingen zudem zahlreiche Angriffe offizieller Seite einher. So bezeichnete die Bundesregierung die Pandemie als „Gelegenheit“, um verfassungsrechtlich verankerte Umweltrechte und Rechte von Gebietskörperschaften zu schwächen und nutzte halblegale Mittel, um diese Rechte zu untergraben. Oder sie sieht die Pandemie, wie ich bereits einmal schrieb, als gnadenlose „Gelegenheit“ für einen Genozid. Das Virus hat viele angesehene Anführer, Häuptlinge und Schamanen, lebende Annalen des Waldes und der kollektiven Erfahrungen, brutal aus dem Leben gerissen.

Gesellschaftliche Bewegung zur Wiederbesiedlung der Kolonialgebiete

Der heilige Mantel und die Bewegung, die sich für die Wiederbesiedlung des angestammten Landes durch die indigene Ethnie der Tupinambá einsetzt, sind nur zwei Aspekte eines intensiven politischen Kampfes. Die Heimat der Tupinambá ist der atlantische Regenwald im Nordosten Brasiliens, der von der Kolonialisierung besonders stark betroffen war – heute sind nur noch sieben Prozent des ursprünglichen Regenwalds erhalten. Als Teil einer Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, neue Formen des menschlichen Daseins in einer postkolonialistischen, postkapitalistischen und postanthropozänen Welt zu ersinnen, versuchen Gricelia und die Tupinambá einen Brückenschlag zwischen der Welt der Kunst und einem vielschichtigen politischen Kampf.

In einem seiner Gedichte beschreibt der interdisziplinäre Künstler Denilson Baniwa die Entstehung einer neuen Welt:

Jedes kolonialisierte Land
Ist vor allem angestammtes Land
Wenn erst aller Dreck abgekratzt ist
Kunststoff, Asphalt, Metall,
Unerzählte Geschichten der Geschichte
Füllt Sauerstoff das Blut.
Jene, die immer hier lebten, wissen:
São Paulo war immer
indigenes Land

Denilson Baniwa

Dieses Gedicht entstand nur wenige Monate vor Ausbruch der Pandemie im Rahmen einer Veranstaltung auf der angesehensten Straße von São Paulo, der Avenida Paulista, um daran zu erinnern, dass all die riesigen Gebäude, die nun die Landschaft prägen, auf kolonialisiertem Land errichtet wurden, das einst heiliges Land indigener Bevölkerungen war. Was bleibt, wenn die Asche des Kolonialismus von der Erdoberfläche beseitigt ist? Es kann sich nicht um Etwas aus der Vergangenheit handeln, sondern eine neue Welt entsteht, die den Himmel trägt.

Die Macht von Kunst und Kultur

Nach jahrhunderterlanger systematischer Unterdrückung und Auslöschung, schafft indigene Kunst nun langsam ein Bewusstsein nicht nur für den Genozid, sondern auch für den Epistemozid, die Auslöschung des Wissens. Diese mächtige, von Indigenen geschaffene Kunst, oder wie der indigene Künstler Jaider Esbell es nennt, „zeitgenössische indigene Kunst“, ist antikolonialistisch ausgerichtet und tief in verschiedenen ontologischen Anschauungsweisen verwurzelt, die zum Wiederaufbau von Beziehungen zu anderen Lebewesen auf der Erde aufruft. Darüber hinaus erinnert die revolutionäre Perspektive der indigenen Kunst an die politische Brisanz der Aussagen von Amilcar Cabral. Der berühmte afrikanische Unabhängigkeitskämpfer und Politiker verdeutlichte die Wichtigkeit dessen, „die Geschichtsdarstellung der Kolonialregimes zu zerlegen“, und vertrat den revolutionären ökologischen Ansatz, dass „die Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt verstanden werden müssen“. Als Anführer der Bewegung, die sich für die Befreiung von Guinea Bissau und Kap Verde einsetzte, war Amilcar Cabral bewusst, dass Kultur und Geschichte untrennbar miteinander verbunden sind und unterstrich die Macht der Kultur als revolutionäres Mittel im Kampf um kollektive Autonomie. Dasselbe gilt auch für Brasilien und andere Regionen dieser Welt, die versuchen, die katastrophalen ökologischen Folgen des Kolonialismus zu beheben.
  • Illegale Goldmine auf dem indigenen Land der Kayapo, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019. Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez
    Illegale Goldmine auf dem indigenen Land der Kayapo, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019.
  • Umweltschützer*innen demonstrieren gegen die illegale Abholzung des Regenwaldes im Reservat PDS Esperança, wo Schwester Dorothy Stang 2005 ermordet wurde. Anapu, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2011. Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez
    Umweltschützer*innen demonstrieren gegen die illegale Abholzung des Regenwaldes im Reservat PDS Esperança, wo Schwester Dorothy Stang 2005 ermordet wurde. Anapu, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2011.
  • Felipe Milanez vor „Majestade“ (Majestät), einem brasilianischen Paranussbaum, den Jose Claudio und Maria während ihres Lebens verteidigt haben. Agroextractivist Siedlung Praialta Piranheira, Nova Ipixuna, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2021. Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez
    Felipe Milanez vor „Majestade“ (Majestät), einem brasilianischen Paranussbaum, den Jose Claudio und Maria während ihres Lebens verteidigt haben. Agroextractivist Siedlung Praialta Piranheira, Nova Ipixuna, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2021.
  • Illegales Goldschürfen auf dem indigenen Land der Kayapo, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019. Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez
    Illegales Goldschürfen auf dem indigenen Land der Kayapo, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019.
  • Illegales Goldschürfen auf dem indigenen Land der Kayapo, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019. Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez
    Illegales Goldschürfen auf dem indigenen Land der Kayapo, Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019.
  • Eine Kayapo Familie aus dem Dorf Kendjam auf dem Fluss Iriri, nachdem sie Tonkabohnen gesammelt haben. Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019. Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez
    Eine Kayapo Familie aus dem Dorf Kendjam auf dem Fluss Iriri, nachdem sie Tonkabohnen gesammelt haben. Bundesstaat Pará, Brasilien, 2019.
  • Felipe Milanez interviewt José Claudio Ribeiro da Silva neben dem „Majestade“ (Majestät) genannten Paranussbaum auf dem Siedlungsprojektgebiet Praialta Piranheira, Stadt Nova Ipixuna im Bundesstaat Pará, Brasilien, 2010. José Claudio und seine Frau Maria, ein Umweltaktivisten-Ehepaar, wurden am 24. Mai 2011 ermordet.  Foto (Ausschnitt): © Felipe Milanez
    Felipe Milanez interviewt José Claudio Ribeiro da Silva neben dem „Majestade“ (Majestät) genannten Paranussbaum auf dem Siedlungsprojektgebiet Praialta Piranheira, Stadt Nova Ipixuna im Bundesstaat Pará, Brasilien, 2010. José Claudio und seine Frau Maria, ein Umweltaktivisten-Ehepaar, wurden am 24. Mai 2011 ermordet.
Historisch gesehen nimmt der ökologische Schaden mit der Entmenschlichung indigener Völker und der Entweihung von heiligem Land seinen Anfang. Dadurch verwandeln sich die Gebiete in Ressourcen, die ausgebeutet werden, und Körper, die zu Zwangsarbeit gezwungen werden.   Indigene Schamanen und Philosophen sind sich dieses Prozesses seit der Ankunft der Europäer bewusst, so wie es von Chronisten wie dem französischen Calvinisten Jean de Léry berichtet wird, als er im 16. Jahrhundert mit einem Ältesten der Tupinambá sprach, der ihm Folgendes mitteilte: „Wir haben Angehörige und Kinder, die wir lieben und in Ehren halten. Aber da wir sicher sind, dass nach unserem Tod die Erde, die uns versorgte, auch für sie sorgen wird, können wir ruhig schlafen und machen uns keine weiteren Sorgen darüber.“

Kunst und Kultur stellen mächtige Werkzeuge im Kampf gegen den Kolonialismus und beim Wiederaufbau und der Neuschaffung zerstörter Welten dar, wie Ailton Krenak die politischen Konzepte für ein Leben nach dem Genozid und Ökozid nach der Eroberung bezeichnet. In diesem Sinne habe ich im Rahmen des Forschungsprojekts Another Sky gemeinsam mit meinen Kolleg*innen Mary Menton von der University of Sussex, Jurema Machado von der Bundesuniversität von Recôncavo da Bahia und Felipe Cruz Tuxá, Angehöriger des indigenen Volks der Tuxa, und von der Universität des Bundesstaats Bahia, versucht, indigene Kunst mit dem Training indigener Studierender zu verbinden. Sie lernten  Verletzungen von Rechten indigener Volksgruppen zu kartieren. Durch die kartografische Darstellung des Zusammenhangs zwischen dem gewalttätigen Abbau von Rohstoffen und dem ökologischen Widerstand konnte aufgezeigt werden, dass die angestammten Gebiete indigener Völker Gebiete des Widerstands gegen die Eroberung und gegen die Kolonialgewalt, der Wiedereroberung, der Wiederbesetzung, der Schöpfung und Neuschaffung von Welten und Kunst sind.

Im Zuge der Pandemie entwickelte sich die Kunst zu einem mächtigen Instrument, um Gemeinschaften zu mobilisieren und Zugang zur Spiritualität zu finden, beispielsweise mithilfe schamanischer Lieder und Tänze, die dazu dienen, Schutz für die Körper oder Heilung zu erbitten und die Erde zu besänftigen. Der von der Künstlerin Gricelia geschaffene Tupinambá-Mantel - ein kosmologische Kunstwerk - brachte nicht nur einen Sinn für ästhetische Schönheit in die Gemeinschaft, sondern auch Stolz und die Erkenntnis, dass Kunst die Verbindung zwischen Schönheit und den ökologischen Lebensbedingungen herstellen kann, die sie nur durch politischen Kampf, sowie Besetzung und Pflege ihres Waldes erreichen können.

Das Ende des Anthropozän?

„Der ökologische Kollaps bedroht nicht nur indigene Gemeinschaften, es handelt sich um eine globale Krise. Diese hat nun auch Gesellschaftsschichten erfasst, die sich bisher nicht damit auseinandersetzen mussten. In diesem Sinne bringt die Sorge um die Umwelt die zerstörte Welt indigener Bevölkerungsgruppen in Verbindung mit der Frage, wie wir in einer zerstörten Welt leben können“, erklärt mein Kollege Felipe Tuxá. Indigene Bevölkerungen, die „Opfer und Revolutionäre“ des Anthropozäns, haben bewiesen, wie eine nachhaltige Lebensweise aussehen könnte, was ihnen nun die Aufmerksamkeit von Außenstehenden – den „Anthropozänisten“ – eingebracht hat. Als indigener Anthropologe fragt sich Tuxá: „Handelt es sich dabei um echtes oder um eigennütziges Interesse?“

Indigene Kunst, politische und kosmologische Kämpfe sowie auf die Dekolonialisierung ausgerichtete Epistemologie helfen die Kritik am Anthropozän, in dem der aktuelle Klimanotstand seinen Ursprung hat, zu konkretisieren. Die von Tuxá gestellte Frage bezüglich des Interesses an indigenen Bevölkerungen wird bei der UN-Klimakonferenz (COP26) in Glasgow sicher von Bedeutung sein: Besteht ein echtes Interesse daran, die Herausforderungen zu bewältigen, denen sich die nächsten Generationen von indigenen Gemeinschaften beim Kampf ums Überleben gegenübersehen?

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Politik und Kultur Ausgabe Nr. 12/2021-01/2022
 

Literatur

  • Haraway, Donna, “Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin”, in: Environmental Humanities 6, no. 1, 2015, 159–65.
  • Kopenawa, David und Albert Bruce, The Falling Sky: words of a Yanomami shaman, 2013, Cambridge: Harvard University Press.
  • Léry, Jean de, History of a voyage to the land of Brazil otherwise called America, 1990, Berkeley: University of California Press.
  • Tupinambá, Gricelia: The Tupinamba Mantle 
  • Felipe Milanez about the cruel “opportunity” of genocide 
  • Denilson Baniwa: Poems of Denilson Baniwa 
  • Jaider Esbell about Contemporary Indigenous Art 
  • Felipe Milanez Research Projekt Another Sky 

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