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Industrie 4.0
Das Ende der menschlichen Arbeit?

Humanoide Roboter vom Typ Ada GH5 in der Türkei.
Humanoide Roboter vom Typ Ada GH5 in der Türkei. | Foto (Zuschnitt): © picture alliance/AA/Ahmet Akbiyik

Eine neue industrielle Revolution steht vor der Tür: Der Begriff Industrie 4.0 steht für die steigende Automatisierung in Produktion und Logistik. Kleinste Computer können heutzutage riesige Maschinen und Anlagen steuern und ersetzen zunehmend die Menschen, die bisher die Arbeit machen.

Von Johannes Zeller

Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) erledigen Menschen derzeit noch 71 Prozent der globalen Arbeit. Aber das soll sich ändern, und zwar bald: Schon 2025 werden Maschinen weltweit mehr Arbeit verrichten als Menschen, prognostiziert das WEF. Grund dafür ist die Digitalisierung der industriellen Produktion, kurz Industrie 4.0. 
 
„Konkret bedeutet das, dass kleine Computer in Maschinen und Anlagen und deren Komponenten eingebaut werden, die sich dann über Internet-Technologien miteinander vernetzen“, erklärt Automatisierungsexperte Olaf Sauer vom Fraunhofer Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung. Diese Computer übernehmen die Arbeit, die zurzeit noch Menschen machen: Sie steuern die Maschinen und Anlagen. In einigen Unternehmen werden sich auch Menschen und Maschinen ergänzen. Beim BaugruppenmonteurWS Systemin Niedersachsen beispielsweise tragen Mitarbeiter Datenbrillen, über die ein Computer die Genauigkeit und Geschwindigkeit des Herstellungsprozesses überprüfen und erhöhen kann.
 
Das Spektrum reicht vom 3D-Drucker über autonome Transportroboter bis hin zu intelligenten Systemen zur Energieverteilung, cyber-physischer Produktion, individualisierter Fertigung und automatisierter Instandhaltung: Laut einer Bitkom-Studie nutzte 2016 bereits fast jeder zweite Industriebetrieb in Deutschland Anwendungen der Industrie 4.0. Knapp 20 Prozent planten, solche Anwendungen in die Produktion zu integrieren. Der Bundesverband der Deutschen Industrie sieht bis 2025 ein Wertschöpfungspotenzial von 425 Milliarden Euro.

Rechenleistung aus den Alpen

Der Aufstieg der Roboter bedeutet eine komplette Umwälzung der Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen. Rund 70 Millionen Arbeitsplätze werden laut WEF dadurch wegfallen, gleichzeitig aber werden mehr neue entstehen: 133 Millionen sollen es sein. Denn die Industrie 4.0 automatisiert nicht nur bekannte Herstellungsprozesse, sondern es entstehen zum Teil auch ganz neue Branchen. 
 
Ein Beispiel dafür ist das Unternehmen Hydrominer, das die Schwestern Nadine und Nicole Damblon 2017 gründeten. Da der Bedarf an Rechenleistung durch die Digitalisierung ständig steigt, „mined“ Hydrominer in Kooperation mit Wasserkraftwerken umweltfreundlich an zwei Standorten in den österreichischen Alpen, stellt also Rechenleistung für Blockchain-Algorithmen zur Verfügung. Ein Jahr nach seiner Gründung beschäftigte Hydrominer bereits ein Team von 16 Mitarbeitern und fast nochmal so vielen externen Beratern. 
 
„Die Leute kommen im Moment aus ganz verschiedenen Branchen und die Eintrittsbarrieren sind noch sehr niedrig,“ berichtet die Geschäftsführerin Nadine Damblon. Dass, wie Olaf Sauer betont, umfassende Weiterbildung nötig sein wird, damit Arbeitskräfte mit den Veränderungen Schritt halten können, haben die beiden Gründerinnen bisher nicht so erlebt: Speziell in ihrer Branche gebe es gute Möglichkeiten für gelernte Logistik- und Lagerarbeiter, die technisches Verständnis mitbringen, um die Mining-Anlagen aufzubauen und instand zu halten. 

Industriegeheimnisse in der Cloud

Für die deutsche Industrie sieht Olaf Sauer in der Industrie 4.0 große Chancen. „Wenn wir deutsche Kompetenzen und Erfahrungen aus dem Maschinenbau mit Informationstechnik anreichern, können wir damit unsere weltweite Wettbewerbsposition erhalten oder sogar ausbauen.“ Als große Herausforderungen nennt er jedoch die IT-Sicherheit und den Mitarbeiternachwuchs. Bei vernetzten Unternehmen ist es eine besonders kritische Aufgabe, sensible Daten und Industriegeheimnisse ausreichend zu schützen. Zudem gilt es laut Sauer, mehr junge Leute für eine technische Ausbildung zu begeistern. Die Industrie 4.0 brauche einen ständigen Zustrom von Absolventen aus MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die ihre Roboter trainieren und Algorithmen füttern. 
 
Laut dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Reiner Hoffmann, ist es bei der gesamten Entwicklung besonders wichtig, eines nicht aus den Augen zu verlieren: Die Roboter sollen für die Menschen arbeiten, nicht statt der Menschen. Die Industrie 4.0 werde „nur von den Menschen akzeptiert und toleriert, ob als Beschäftigte oder Verbraucher, wenn die Technologie ihnen dient und nicht sie ihr“, kommentierte er kürzlich gegenüber der Zeitung „Welt“.

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