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Nogo_Headergrafik© Nancy Schneider

„Sozialer Brennpunkt“, „Ghetto“, „No-Go-Area“ – bestimmte Stadtteile gelten als „Problemviertel“. Aber wie kommt es überhaupt dazu und wie gehen die Bürgerinnen und Bürger damit um?

Am Beispiel ausgewählter Stadtviertel in Belgien, Deutschland, Frankreich und Italien zeigen wir Ursachen und Prozesse der Stigmatisierung von urbanen Räumen sowie Initiativen für ein besseres Zusammenleben.

WIESO NO-GO?

Wie kommt es dazu, dass bestimmte Stadtviertel den Ruf einer „No-Go-Area“ erhalten? Spielen neben sozialen, wirtschaftlichen und strukturellen Ursachen auch die Medien eine Rolle?

Was sagen die Zahlen?

Zahlen und Statistiken können das Leben in seiner Vielfalt niemals abbilden. Dennoch bieten sie einen Anhaltspunkt dazu, die Realität besser einschätzen zu können. Von diesem Gedanken ausgehend haben wir uns entschieden, die Stadtviertel des No-Go-Dossiers – in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit – anhand ein paar ausgewählten Eckdaten vorzustellen.

Wo liegt das Viertel, wie viele Menschen leben dort, woher kommen sie, wie jung sind sie? Die Zahlen fallen oft anders aus, als erwartet. Noch mehr aber überraschen ein paar Fakten ganz anderer Art – testen Sie Ihr Wissen!
 

WAS DENKEN DIE MENSCHEN?

Wie sehen die Bewohner selbst ihr Stadtviertel? Welchen Einfluss hat das negative Image des Stadtteils auf ihr Leben?

Hochzeitsmeile: Tüll Und Träume

Wie Weseler Straße in Duisburg-Marxloh ist bekannt als Hochzeitsmeile: Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Brautmodengeschäfte auf engstem Raum, so viele Schaufenster voller Kleider, Smokings, Ringe und Hochzeitstorten. Dazwischen: Supermärkte, Grillrestaurants, Baklava-Bäckereien. Hier ist immer Leben. Die Weseler Straße ist auch die Hauptstraße von Marxloh, das mit dem Stigma „Problemviertel“ kämpft. Wer hier einkauft, wohnt und arbeitet, wird meist nur nach den Problemen gefragt. Und viel zu selten nach dem Leben.

  • Mahircan Küccük Foto: Anne-Nikolin Hagemann © Goethe-Institut
    Mahircan Küccük, Hobi Collection, Bräutigam- und Herrenanzüge, Weseler Straße 15

    Mit sieben wusste Mahircan, wie man eine Krawatte bindet. Er ist hier aufgewachsen, im Laden seines Vaters, zwischen Kleiderstangen voller Anzüge und Schaufensterpuppen im Smoking. 2011, mit 20, hat er den Laden übernommen. „Die Mode liegt mir eben im Blut.“ Die Kunden kommen aus ganz Europa: Belgien, den Niederlanden, England. Was wem steht, sagt Mahircan, sieht er meistens auf den ersten Blick: Farbton, Schnitt, Größe. Woran er merkt, welcher Anzug der richtige ist? „Wenn ich den Funken in den Augen sehe, liege ich richtig.“
  • Aylin Küccük Foto: Anne-Nikolin Hagemann © Goethe-Institut
    Aylin Küccük, Melisam Brautmoden, Kaiser-Wilhelm-Straße 304

    Mahircans Schwester Aylin, 22, führt den Brautmodenladen des Vaters, gleich um die Ecke. „Andere Kinder wollen nur das Geld ihrer Eltern, wollen ausgehen statt mithelfen. So sind wir nicht“, sagt sie. Aylin, Mahircan, die Eltern und die jüngere Schwester wohnen zusammen. Sonntag ist Familientag, Zeit zum Reden. Bräute, sagt Aylin, sind schwieriger zu beraten als Bräutigame, brauchen länger zum Entscheiden. Einmal, da hat sie einer Kundin tatsächlich das perfekte Hochzeits- und das perfekte Polterabendkleid verkauft, in 20 Minuten. „Das war ein Wunder.“ Darüber haben sie am Sonntag lange geredet.
  • Mustafa Yilmaz Foto: Anne-Nikolin Hagemann © Goethe-Institut
    Mustafa Yilmaz, Supermarkt in der Weseler Straße 50

    „Du sprichst ja ganz gut Deutsch“: Einer der schlimmsten Sätze für Mustafa. Er antwortet dann meist: „Sie sind auch nicht schlecht.“ Seine Eltern kommen aus der Türkei, er selbst ist in Deutschland geboren, hat hier Abitur gemacht und Betriebswirtschaft studiert. „Aber so lange ich meine Wurzeln nicht loslasse, werde ich als Fremder gesehen“, sagt er. Früher habe er sich dagegen gewehrt. Heute überlegt er, mit Frau und Kind in die Türkei zu ziehen. Die Familie wohnt bei Düsseldorf, im Supermarkt der Schwiegereltern in der Weseler Straße hilft Mustafa nur aus. Das ist nicht seine Welt. Er hat das Gefühl, je länger er hier arbeitet, umso schlechter wird sein Deutsch.
  • Kenan Özen Foto: Anne-Nikolin Hagemann © Goethe-Institut
    Kenan Özen, Fotostudio Özman, Weseler Straße 35

    Die Damen entscheiden, sagt Kenan. Die Männer wollen es schnell und unkompliziert. Frauen wollen: Prinzessin sein. Sein Job als Hochzeitsfotograf ist es, beide glücklich zu machen. Perfekte Belichtung, perfekte Farbe, perfekte Pose, perfekter Augenblick. Pro Auftrag, sagt er, ist mindestens ein Bild dabei, bei dem alles stimmt. Klappt immer: „Wenn sich die beiden anschauen. Und dann lächeln sie. Und du weißt: Das Bild wird gut.“ Mit etwas Glück knipst er dann nicht nur Verlobung und Hochzeit, sondern auch den Nachwuchs, deren Einschulung, Familienbilder. Und dann wieder Verlobung.
  • Hatice Tufan und Cem Sen Foto: Anne-Nikolin Hagemann © Goethe-Institut
    Hatice Tufan und Cem Sen, vor einem Juwelier in der Weseler Straße, Ecke Grillostraße

    Cem und Hatice wollen heiraten. Heute waren sie beim türkischen Konsulat, Unterlagen fürs Standesamt beantragen. Die Trauringe werden sie vielleicht hier kaufen, mit Landsleuten könne man besser handeln, sagt Cem und lacht. Schlicht sollen die Ringe sein, Silber. Die Feier wird dagegen nicht ganz so schlicht: Zur Verlobung rechnen sie mit 800 Gästen, zur Hochzeit mit 1000. Hatice war überrascht, dass Cem so früh um ihre Hand anhielt – ein Paar sind die beiden erst seit knapp einem Jahr. Der Antrag? Ziemlich spontan, sagt Cem: Ring gekauft, Rose gekauft, auf die Knie gegangen. „Und dann hat sie Gottseidank Ja gesagt.“
  • Leyla Prestin und Neriman Pekgüleç Foto: Anne-Nikolin Hagemann © Goethe-Institut
    Leyla Prestin und Neriman Pekgüleç, Verkäuferinnen bei Ekol Gelinlik, Weseler Straße 66

    Es geht nicht ums Verkaufen, sagt Neriman, Verkaufen kann jeder. Es geht darum, das ideale Paar zusammen zu bringen, Kleid und Frau: „Eine Kundin in einem Kleid, das perfekt zu ihr passt, ist die beste Werbung.“ Leyla ist die Expertin für Brautkleider, Neriman liegen eher die Abendkleider. Neulich, sagt sie, hatte sie ein gelbes Kleid mit Stickerei im Laden, perfekt für eine bestimme Kundin. Sie wollte es aber erst gar nicht anprobieren, da half alles gute Zureden nichts. Dann ging die Kundin Kaffee trinken, kam wieder und schlüpfte ins Kleid. „Da hat sie mich umarmt“, sagt Neriman. Und strahlt.

Wie geht es weiter?

Welche lokalen und nationalen Initiativen gibt es, um das Leben in den betroffenen Stadtvierteln zu verbessern? Wie kann die Entstehung von Problemvierteln vermieden werden?