Rom – Torpignattara Torpignattara: ein Stigma und seine Hintergründe

Ein mehr als zweitausend Jahre alter Ort hat in jüngster Zeit viele Veränderungen erfahren. Die neue Identität reicht bis zur Negierung, während die Medien vor allem Vorurteile aufgreifen

Es ist kein Stadtviertel und auch mit keinem der 15 römischen Bezirke deckungsgleich. Dennoch hat Torpignattara etwas ganz Eigenes und weicht auch von seiner eigentlichen Definition als städtebauliches Gebiet im östlichen Teil der Hauptstadt ab. Das hat viele Gründe. Sie sind zunächst einmal demografischer Natur: Auf über 2 Quadratkilometern leben etwa 50.000 Menschen. Das entspricht einer der höchsten Bevölkerungsdichten Italiens, die einer internationalen Metropole wie Rom würdig ist. Eine solche Dichte hat dieser Teil Roms in seiner langen Geschichte nie zuvor erlebt. Die frühesten Zeugnisse stammen aus der Zeit der römischen Republik und berichten von einem ländlichen Gebiet vor den Toren der Stadt, dessen weite, grüne Flächen einzig von Aquädukten, die die Römer mit Wasser versorgten, und den Villen Adliger unterbrochen wurden. Der Zugang zu einer dieser Villen wurde von zwei mächtigen Lorbeerbäumen eingerahmt, die dem Gebiet den Namen ad duas lauros gaben. Neben Sommerresidenzen ließen Adelige und Kaiser in dieser Gegend auch gerne ihre Grabmäler erbauen, darunter ab 330 n. Chr. das von Kaiser Konstantin seiner Mutter Helena gewidmete Mausoleum. Da in der Kuppel pignatte (Amphoren) verbaut wurden, erhielt der Ort den Namen „Torre delle Pignatte“.

Vom Umkreis des Helenamausoleums zu Pasolinis Torpignattara

In den Jahrtausenden, die das heutige Torpignattara von der Kaiserzeit trennen, gab es in dieser sonst unbestellten römischen Landschaft lediglich militärische Ausbildungslager und – nach dem Niedergang Roms – nur noch Latifundien der Kirche. Dieser Zustand hielt an, bis der starke Bevölkerungszuwachs in der Reichshauptstadt die ersten Einwanderer aus ganz Italien in dieses Gebiet brachte. Der Faschismus, der die Einwohner aus dem historischen Zentrum in die neuen Wohngebiete am Stadtrand umsiedelte, und die durch den Zuzug von Menschen auf der Suche nach Arbeit geprägte Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ließen das ländliche Gebiet in Kürze und ohne eine gezielte Planung verstädtern. Dieses Phänomen führte häufig zu illegalen Bauten ohne angemessene Versorgung, doch die geschäftliche Aktivität war rege und diente den vielen Einwohnern sowie einigen Industriestandorten wie dem Pharmaunternehmen Serono. Eine Geschichte, wie man sie über viele andere Stadtrandsiedlungen dieser Zeit erzählen könnte – doch die Worte und Filmbilder des bekannten Regisseurs Pier Paolo Pasolini machen aus Torpignattara etwas Besonderes: „Schritt für Schritt hatten sie die Porta Furba hinter sich gelassen und befanden sich nun mitten in einem Durcheinander aus kleinen Gärten, Straßen, Metallgittern, Ansammlungen von elenden Hütten, freien Plätzen, Baustellen, Gruppen von Hochhäusern und Wassergräben – fast hatten sie die Borgata degli Angeli zwischen Tor Pignattara und dem Quadraro erreicht“ (Ragazzi di vita, 1955).

Der „Rand der Gesellschaft“ und die Ausbreitung des Vorurteils

In den folgenden Jahrzehnten traf die Wirtschaftskrise Industrie- und Handelsbetriebe, die oft schließen oder den für Einwohner und Stadt schwierigen Weg der Umwidmung einschlagen mussten. Die soziale Krise fand vor allem in den die Gegend bewohnenden, sozial schwachen Schichten ihre verletzlichsten Opfer: Familien mit nur einem Einkommen, junge Menschen, die schon vor dem Schulabschluss auf Arbeitssuche sind. Aber auch diese Phänomene sind in den letzten Jahrzehnten vielen Gegenden gemein, die sich nicht nur geografisch „am Rand“ befinden. Torpignattara hat nun die Besonderheit, von den Medien zunächst als Sinnbild der römischen Randgebiete im negativsten Sinne und nun als multiethnisches Ghetto auserwählt worden zu sein, das eine ideale Brutstätte für islamistischen Terrorismus abgibt. „Torpignabeek“ ist der neueste Schimpfname, durch den Viertel und Einwohner, von denen ein gewisser Prozentsatz aus dem Ausland stammt, mit Molenbeek in Brüssel verglichen werden, wo die Verantwortlichen für die jüngsten Anschläge in Paris und der belgischen Hauptstadt lebten. Das Stigma besteht für mich als Soziologin in einer Negierung der Identität. Der Identität eines Ortes, geprägt durch eine jahrtausend lange Geschichte und durch die vergangenen Jahrzehnte rapide ins Gegenteil verkehrt. Dieser schnelle Wandel hat die historische Identität nicht ausgelöscht, aber die Hinzufügung neuer Details zum Bild von Torpignattara möglich gemacht: ein weit vom Stadtzentrum und seinen Einrichtungen entferntes Gebiet, bewohnt von sozial schwachen Schichten, davon viele Ausländer islamischen Glaubens, ergo ein Viertel mit Gefahrenpotenzial. Keine objektiven Daten belegen, dass hier mutmaßliche Terroristen leben – es handelt sich vielmehr um Muslime aus gemäßigten Ländern wie Bangladesch – und andere objektive Fakten werden von verbreiteten Vorurteilen in der öffentlichen Meinung negiert: das starke Engagement in Vereinen – auch bei Ausländern –, die niedrigschwellige Auseinandersetzung auch mit der jüngsten Vergangenheit (ein Beispiel ist das ehemalige Kino Impero), die Aufgabe der Integration in multiethnischen Schulen wie der Lehranstalt Iqbal Masih.