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Neu-Delhi
Raqs Media Collective

Von Sunjung Kim

RAQS © RAQS Media Collective Schätzungen zufolge befinden sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt zehn Quintillionen Viruspartikel in der Luft. Viren finden damit von allen biologischen Materialien die weiteste Verbreitung und gehören zu den häufigsten Ursachen für schlechte Nachrichten in der Welt. In Zahlen oder Nachrichtenwert gemessen sind wir nichts im Vergleich zu ihnen.

Obwohl Viren nach unserer Definition streng genommen nicht zu den Lebewesen gehören, enthalten sie doch einige der Instruktionen, die ein Lebewesen ausmachen. Sie bewegen sich wie wir und mit uns. Sie vermehren sich, indem sie die von ihnen befallenen Zellen instruieren, ihnen bei der Vermehrung zu helfen. Ihre Populationen nehmen zu und wieder ab. Wie auch wir bestehen sie aus einem in eine Proteinhülle eingeschlossenen Gewirr aus Ribonukleinsäure, sind hungrig, triebgesteuert und fordern ihren Platz ein.

Doch im Unterschied zu uns und allen anderen Lebewesen sind diese leblosen Einheiten auch sehr, sehr klein. Klein genug, um die Zellen von Menschen, Pflanzen und Tieren, ja sogar Bakterien, als Wirt zu nutzen und von innen heraus in erstaunlicher Geschwindigkeit zu übernehmen. Klein genug, um den Zerfall der größten, stärksten Lebensform auszulösen.

Die neuartige Coronavirus-Erkrankung 2019, auch als COVID 19 bezeichnet, das mikroskopisch kleine Schreckgespenst in Form eines Krankheitsüberträgers, das die menschliche Gesellschaft inzwischen auf der ganzen Welt in Atem hält, wird von einem Virus mit der Bezeichnung Schweres akutes Atemwegssyndrom Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) verursacht. Vielleicht ging SARS-CoV-2 von diesen kleinen, aber zähen, der Schwerkraft trotzenden Säugetieren aus – den Fledermäusen. Vielleicht ist es dann auf eines der seltenen Schuppentiere übergesprungen. Und vielleicht hatte es auf einem Wildtiermarkt im chinesischen Wuhan Gelegenheit, ein menschliches Wesen als nächsten Wirt auszuwählen und zu befallen. Alles Weitere ist nicht einmal mehr eine Nachrichtenmeldung wert, sondern bereits Geschichte.

Dieses Virus, das per Anhalter durch die Arten reist, hat einen durchschnittlichen Durchmesser von etwa 125 Nanometern. Der durchschnittliche Durchmesser einer menschlichen Zelle beträgt hundert Mikrometer (100 μm). Damit ist das Virus weniger als ein Hundertmilliardstel kleiner als eine durchschnittliche menschliche Zelle. Ein geringer Teil der zehn Quintillionen Viruspartikel in den Aerosolen, die von Menschen durch Niesen, Husten und Ausatmen in die Umgebungsluft befördert werden, gehören zu denjenigen Viren, die eine COVID-19-Erkrankung auslösen. Noch nie mussten wir uns mit etwas derart Kleinem messen. Inzwischen übersteigt seine Macht bei weitem unsere gesamte militärische und medizinische Macht.
Waiting © RAQS Media Collective
Durch die Existenz dieses Virus hat sich unser Gefühl für das Ausmaß des Lebens und für das, was wir als Erde bezeichnen, verändert, weil sich die Grenzen zwischen dem wahrhaftigen, lebendigen Leben und rätselhaften, verschlüsselten Informationen verwischt haben. Damit ist auch ein neues Bewusstsein für unser eigenes Sein verbunden. Für Milliarden von Menschen macht sich diese Veränderung nun schrittweise bemerkbar. Nachdem wir uns jahrhundertelang als Subjekte innerhalb des Universums betrachteten, als Meister eines Objekts mit der Bezeichnung Natur, müssen wir unseren Platz auf dem Planeten neu bestimmen. Wir müssen uns mit der Erkenntnis anfreunden, dass die Erde ein Ort voller Leben ist, an dem viele Kräfte, sogar auf Zellebene, einen Einfluss aufeinander und auch auf uns ausüben. Dafür braucht es nicht nur einen Bewusstseinswandel, sondern auch eine Art Neustart unserer erworbenen Einsichten darüber, was in, um uns herum und zwischen uns geschieht. Ein Virus hat die Welt in einer Weise demontiert, die so keine menschliche Vorstellungskraft in derart kurzer Zeit hätte herbeiführen können. Eine Tatsache, die wir als Herausforderung und Anstoß begreifen könnten, das Potenzial dieser Zeit zu erkennen.

Mit diesen einleitenden Überlegungen zu Zahlen, Größen und Dispositionen wollen wir uns allen Gelegenheit geben, über die Hybris unserer Art nachzudenken. Weltweit neigen wir dazu, unsere Stärke und unsere Bedeutung zu überschätzen. Vielleicht sind wir süchtig danach. Oder von diesem Gedanken besessen. Vielleicht ist es ein Code, Plan oder Entwurf, der gegen sich selbst Amok gelaufen ist. Auf lange Sicht, und nun auch auf sehr kurze Sicht, mögen wir zu unbedeutend, zu schwach und zu viele sein, als dass der Planet eine emotionale Bindung zu uns aufbauen könnte. Sogar dieser lebendigste aller Planeten stellt sich derzeit als eine bemerkenswert unsentimentale Einheit dar. Im Grunde sind wir völlig unbedeutend.

In Delhi, wo wir drei vom Raqs Media Collective leben und arbeiten, erleben wir derzeit den größten und umfassendsten Lockdown in der Geschichte der Menschheit. Nachdem der indische Staat über Wochen recht nachlässig mit der durch das COVID-19-Virus drohenden Gefahr umgegangen ist, ordnete er schließlich einen strengen Lockdown an. Der öffentliche Nahverkehr wurde ausgesetzt, Fortbewegung ist verboten und unter Strafe gestellt, und es gilt eine strenge Homeoffice-Politik.

Alle drei Raqs-Mitglieder haben alternde, kranke und gebrechliche Eltern. Jemand von uns hat eine Tochter im Teenageralter. Eine Mitarbeiterin im Raqs-Studio hat eine kleine Tochter im Säuglingsalter. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Vorräten und die Gewährleistung einer medizinischen Pflege für schutzbedürftige Personen in unserem Zuhause sind mittlerweile nicht mehr selbstverständlich. Jeder Tag birgt neue Abenteuer. Ein „Curfew Pass“, der den Ausgang aus wichtigen Gründen erlaubt, kann einen entscheidenden Einfluss auf die Stimmung haben und die Gemüter bei Laune halten. In hastigen Gesprächen im Flüsterton tauscht man sich über Vorräte in Küchenschränken aus. Eines unserer Mitglieder erlebt Tag für Tag die unheimliche Ruhe auf der Fahrt durch die unbelebte Stadt – bei der Begleitung einer Tagesschwester auf dem Weg zur Pflege eines gebrechlichen Elternteils. Jeden Tag aufs Neue muss an den Kontrollposten verhandelt werden, an denen bewaffnete Polizisten und Paramilitärs die immer gleichen Fragen stellen: „Warum sind Sie auf der Straße?“ „Warum haben Sie Ihre Wohnung verlassen?“

Eines Abends, während einer dieser eigenartig ruhigen, aber doch angespannten Fahrten, waren plötzlich Tausende von Menschen zu sehen, die mit ausdruckslosen, leeren Blicken in ein weit entferntes Nirgendwo liefen. Es regnete. Ohne den Regen hätte man die Tränen auf den Gesichtern einiger Männer, Frauen und Kinder erkannt, die hier unterwegs waren. Doch so war nicht sofort ersichtlich, dass viele der Laufenden weinten. Es waren Wanderarbeiter, die Städte wie Delhi und Mumbai in einem Massenexodus verließen, weil sie von ihren Vermietern in Zwangsräumungen auf die Straße gesetzt worden waren, weil sie keine Arbeit und weil sie in vielen Fällen auch nichts zu essen hatten. Angesichts der immer weiter wachsenden Menschenmengen, die sich auf den Weg aus der Stadt machten und an den Stadtgrenzen versammelten, fühlten sich einige an die Vertreibung von Millionen Menschen während der Teilung Indiens im Jahr 1947 erinnert. Damals wusste niemand, was die Zukunft bringen würde.

Andernorts entlud sich vor dem Hintergrund einer teuflischen Spirale aus unbestätigten Fakten und vorgefertigten Gerüchten ein unkontrollierter Hass gegen Angehörige anderer Konfessionen. Dabei wurden ohnehin schon gefährdete Bevölkerungsminderheiten durch den Staat und die Medien zum Sündenbock und zur Zielscheibe gemacht. Gesten der Solidarität erschienen wie Inseln in einem Meer des Zorns. Täglich werden wir Zeugen des Versagens mancher Staatsregierungen, wir sehen Nationalstaaten und Verwaltungsapparate, die nicht in der Lage sind, die durch eine Mikrobe ausgelösten Turbulenzen in den Griff zu bekommen. Täglich werden die Flaggen der Apokalypse neu gehisst. Täglich stellen wir uns im Stillen ernsthaft die Frage, wie wir den nächsten Tag überstehen sollen. Zahlenkolonnen werden heruntergebetet. Wir halten inne, erzählen Geschichten, lachen, weinen heimlich, tauschen Musik und ganze PDF-Archive mit ausreichend Lesestoff für unser weiteres Leben. Alltägliche Gespräche mit Lebensmittelhändlern, Ärzten und Krankenschwestern erhalten auf einmal eine philosophische Dimension. Wir erzählen uns Witze über den Tod, und das Leben wird von der Unmöglichkeit der Berührung anderer Menschen überschattet. Wir tragen Masken und sind bemüht, nicht selbst zu einer zu werden. In unserem Studio herrscht bis auf weiteres Stille.

Five Million Incidents, ein über mehrere Jahre laufendes Projekt zur ‚Eroberung der Zeit, das wir gemeinsam mit betreuenden Kurator*innen und der Programmabteilung der Goethe-Institute in Delhi and Kolkata gestartet haben, befindet sich in einem scheintoten Zustand. In dieser Warteposition harren wir aus wie im Winterschlaf und warten sehnsüchtig auf den Schlussapplaus für die Vorschriften zur sozialen Distanzierung, um das Projekt in einigen Monaten wiederbeleben zu können. In unserer Erinnerung ist diese Zeit bereits von einem ganz besonderen Glanz erfüllt: Wir erinnern uns an magische Gespräche, an Myzelien, Musik und Spiegel, nackte Körper und überschwängliche Umarmungen, Worte, Gelächter und tiefschürfende Gedanken oder neue Formen der Solidarität, die eine junge Generation von Künstler*innen in Delhi und Kolkata für sich entdeckte. Nach eineinhalb geschäftigen Jahreszeiten hoffen wir, die für den Frühling geplanten Veranstaltungen in die Monsunzeit verlegen zu können, wenn alles vom Regen reingewaschen und erneuert wird, sobald das Virus an Kraft verloren hat.

Wenn uns das Virus eines lehren kann, dann dass unsinnige Konzepte von Grenzen, überzeugte Identitätsbekundungen oder auch Spielereien mit den Begriffen „wir“ und „sie“, die so oft in kulturellen Zusammenhängen zu beobachten sind, im Grunde keine Bedeutung haben. Wir hoffen, dass diejenigen von uns, die in der Welt der Kunst und der Kultur zu Hause sind, Respekt für die vielfältigen Lebensformen entwickeln, die unsere Körper in sich bergen. Wir hoffen, dass sich mit dem Virus ein neues Bewusstsein für die Komplexität des Lebens und die grausame Einfachheit von Tod und Krankheit entwickeln wird. Wir hoffen, dass es unseren täglichen Sorgen und Verrichtungen eine größere philosophische Tiefe bescheren wird. Wir hoffen, wieder launenhaft sein zu dürfen, denn was sonst sollen wir in diesen widrigen Zeiten schon sein. Und wir hoffen, auf gedankenloses Verhalten freiwillig verzichten zu können. Wir hoffen, dass das Virus uns lehren wird, mit dem zu leben, was wir als toxisch betrachten und verurteilen, und die Grenzen des Wachstums, der Geschwindigkeit, der Kraft zu respektieren – Grenzen, die wir allzu gern und häufig vergaßen oder ignorierten.

Wir warten. Die Pandemie wird, so unsere Hoffnung, bald ihren Rückzug antreten. Wir werden unsere Schulden bei der Gegenwart begleichen, in dem wir immer und immer wieder sogar in die nahe Zukunft zurückkehren, die heute so weit entfernt scheint.

Die Welt und unser damit verbundenes Bewusstsein werden, von der Quarantäne schwer gezeichnet und mit einem neuen Sinn für Gefahren und Möglichkeiten, erneut erwachen. Möglicherweise wird uns diese Zeit lehren, die Zeit zu unserem Gefährten und nicht zu unserem Gegner zu machen. Vielleicht werden wir neue Sprachen für unser Denken und Handeln finden. Vielleicht wird uns der Atem ausgehen. Doch hoffentlich nicht die Zeit.

 

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