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Hanoi
Giang Dang, Forscher und Aktivist

Von Giang Dang

Giang Dang © Giang Dang Immer wieder fragen ausländische Journalist*innen, warum Vietnam das Coronavirus bisher so erfolgreich eindämmen konnte. (Während ich diese Zeilen schreibe, zählt das Land weniger als 280 Erkrankte, 80 Prozent sind bereits genesen, und es gibt keine Todesfälle). Natürlich lassen sich technische Antworten auf diese Frage finden. Doch vielleicht liegt es auch daran, dass Vietnames*innen schon immer gut darin waren, Kriege zu führen. Kaum hatte das Virus das Land „infiltriert“, da wurden auch schon alte Propagandaposter entstaubt und wieder aufgehängt und neue Propagandalieder in Auftrag gegeben. Jeden Morgen und Abend dröhnten die Lautsprecheransagen der Regierung durch die Straßen. Die Bevölkerung wurde dazu aufgefordert, „das Leben mit dem Gewehr über der einen und dem Pflug über der anderen Schulter fortzusetzen“. Und dies in einem Zeitalter, in dem viel mehr Menschen in Elektronik- und Textilfabriken oder in Büros und Geschäften als auf Reisfeldern arbeiten.

Doch es scheint zu funktionieren. Wie in alten Zeiten stehen die Menschen heute erneut hinter der Kommunistischen Partei. Auch wenn ich froh bin, dass unser fragiles Gesundheitssystem bisher keinen Überlastungen ausgesetzt war und das Risiko unter Kontrolle zu sein scheint, bereitet mir diese Rhetorik aus Kriegszeiten doch Bauchschmerzen. Debatten und kritische Stimmen werden im Keim erstickt. In der vergangenen Woche wurde ein Facebook-Nutzer zur Zahlung einer Geldstrafe in Höhe eines durchschnittlichen Monatseinkommens verurteilt, weil er sich belustigt und kritisch über die von der Regierung angeordneten „Maßnahmen zur sozialen Distanzierung“ geäußert hatte. Und niemand nahm davon Notiz. Menschen, die sich für gewöhnlich in endlosen Beschwerden über die Regierung ergehen, finden plötzlich Gefallen daran, mit der eisernen Faust regiert zu werden. „In der westlichen Welt herrscht zu viel Freiheit, dafür zahlen die Menschen nun den Preis,“ sagen sie und scrollen weiter durch die Nachrichten.

Im Unterschied zur Zahl der Infizierten, die stagniert, befindet sich der Nationalstolz im Aufschwung. Es ist fast so, als würden wir uns in einem internationalen Wettbewerb befinden, in dem deutlich reichere Länder ganz offenbar ihr Gesicht verloren haben. „Siegreiches Vietnam!“ „Überlegenes Vietnam!!“ riefen Menschen bei der Landung eines Flugzeugs der Vietnam Airlines mit vietnamesischen Staatsbürgern an Bord, die vor dem in Europa und den USA um sich greifenden Virus geflohen waren.

Bei uns lautet der Slogan nicht „Zuhause bleiben und Leben retten“, sondern „Zuhause bleiben und Patriot*in sein“.

Zuhause bleiben heißt das Vaterland zu lieben

Zu Hause bleiben heißt das Vaterland lieben.
Du sollst den, der hustet, der Gesundheitsbehörde melden,
der Fakenews verbreitet, bei der Polizei anzeigen,
der vor der Quarantäne flieht, der Netz Community bekannt machen.

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Auch damit habe ich ein Problem. Menschen werden schnell an den Pranger gestellt. Eine junge Frau, die über ihren Reiseweg gelogen hatte, weil sie nicht in ein Quarantänecamp geschickt werden wollte, wird nicht nur als rücksichtslose, verantwortungslose Person, sondern als Verräterin bezeichnet, was natürlich weitaus schlimmer ist. Sie muss eine öffentliche Bloßstellung und Hexenjagd im Internet ertragen. Ihr Privatleben wird ausspioniert und in sozialen Medien offengelegt. Wird die Welt nach dem Coronavirus eine andere sein? Bei jeder großen Krise, dem 11. September, der Finanzkrise von 2008, bei der herrschenden Pandemie, sagen die Menschen, dass „nichts mehr so sein wird wie früher“. Doch das glaube ich nicht. Vor einem Monat hat man die globalen Systeme mit einer Vollbremsung zum Stillstand gebracht. Inzwischen suchen die Länder nach Wegen für einen vorsichtigen Neustart. Mit Sicherheit werden multinationale Konzerne ihre Versorgungsketten anpassen, um weniger abhängig von einem Standort zu sein. Die Länder der westlichen Welt werden vermutlich ihre Ausgaben für die öffentlichen Gesundheitssysteme erhöhen. Der Tourismus wird sich für einige Zeit deutlich verringern. Doch eine systemische, strukturelle Neuausrichtung kann ich nicht erkennen. Die Märkte warten nur darauf, so schnell wie möglich an den Punkt zurückzukehren, an dem sie einmal waren. Die Globalisierung wird sich fortsetzen. Die Umwelt wird weiter in Mitleidenschaft gezogen. Dem globalen Süden steht eine Verwüstung bevor, sei es durch die Folgen des Lockdowns oder durch die Krankheit selbst. Doch auch das ist nichts Neues.

In Vietnam konnte die Partei umfassend punkten und erfreut sich einer verstärkten Akzeptanz. Wenn all dies vorüber ist, werden wir uns sogar noch weiter in Richtung eines Polizeistaats bewegen. Jüngst kündigte ein vietnamesisches Unternehmen die Entwicklung einer neuen Gesichtserkennungssoftware an, die sogar bei Menschen mit Masken funktioniert. Eine Neuigkeit, die von vielen als Fortschritt gefeiert wurde. Vor einigen Wochen verhängte die Polizei Geldstrafen gegen Personen, die Falschinformationen zu Covid-19 in einer Messenger-Gruppe geteilt hatten. Sollte die Kommunikation innerhalb einer Messenger-Gruppe nicht als privat gelten? Doch auch dieser Fall blieb nahezu unbeachtet.

Man sagt, dass eine Krise all das bloßlegt, was bereits unter der Oberfläche schlummert. Auf den vietnamesischen Nationalismus trifft dies mit Sicherheit zu. Viele Vietnames*innen, die von einem blinden Hass auf China erfüllt sind, feiern den amerikanischen Präsidenten Donald Trump als ihren Helden, weil er das Coronavirus als chinesisches Virus bezeichnete. Und sie haben ihn noch mehr in ihr Herz geschlossen, seit er damit drohte, die Zahlungen an die World Health Organization (WHO) auszusetzen, die in ihren Augen mit China unter einer Decke steckt. In einer absurden Spirale greifen sie nun auch Bill Gates an und verbreiten Übersetzungen der rechtsnationalen Verschwörungstheorien, die in den USA über ihn kursieren. Warum? Weil Bill Gates vor mehreren Jahren in einem Video über Pandemien eine chinesische Landkarte mit der Neun-Striche-Linie verwendete (auf dieser Landkarte will China mit den neun Strichen seinen Anspruch auf weite Teile des Südchinesischen Meers begründen).

Und so fürchte ich, dass die Einigkeit, die wir derzeit in der Öffentlichkeit hier in Vietnam erleben, auf wackligen Beinen steht. In der New York Times wurde kürzlich Folgendes über China berichtet: „China konnte die Coronavirus-Epidemie, die inzwischen in anderen Ländern um sich greift, bezwingen. Doch dieser Erfolg hat die Zunahme einer immer schrilleren Mischung aus Patriotismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit zur Folge, wie es sie nach Angaben von Beobachtern seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat.“ Es ist eine bittere Ironie, dass die Vietnames*innen China hassen, obwohl sich beide Länder in so vielen Punkten gleichen.

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