Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Teheran
Tahmineh Monzavi, Fotografin

Veränderungen durch Corona; Ausbreitung einer neuen Zurückgezogenheit; Verlustängste

Von Tahmineh Monzavi

Tahmineh Monzavi © Tahmineh Monzavi Als mich die Nachricht erreichte, dass das Coronavirus im Iran angekommen war, befand ich mich auf einer beruflichen Reise für eine Fotoreportage über besonders schwer zugängliche, benachteiligte Regionen im Südost-Iran (Belutschistan). Ich stand zunächst unter Schock und fühlte mich von dieser Nachricht wie von einer Flutwelle überrollt. Als Erstes kam mir ein Bild meiner Eltern in den Sinn. Mein Herz wurde schwer angesichts all der Gedanken, die auf meiner Seele lasteten. Einzig beruhigend war, dass ich selbst mich hier am Ende der Welt und weit entfernt vom Virus sicher fühlen konnte. Meine Freund*innen und ich waren überzeugt: Wenn nicht wir das Virus in diese Dörfer gebracht hatten, dann würde es diesen entlegenen Teil des Iran auch nie erreichen.
 
An den ersten Tagen waren wir alle fassungslos. Die Zukunft geriet uns aus dem Blick. Durch Corona waren wir plötzlich gezwungen, im Moment zu leben. Ich gab mich verschiedenen Betrachtungen hin und verglich die Geschwindigkeit meines eigenen Lebens mit dem Rhythmus der Menschen an diesem Ort. Mit anderen Worten stellte ich das Tempo des Stadtlebens dem langsamen fließenden Leben auf dem Lande gegenüber. Welche Geschwindigkeit war die richtige?
 
Das Corona-Virus hatte den Iran auf seinem langen Weg aus China so schnell erreicht, dass es das Tempo unseres und des Alltags all derer, die im Rhythmus der Natur lebten, veränderte und schließlich beide einander näherbrachte. Dennoch fehlte uns Stadtbewohner*innen die natürliche Umgebung.
 
Einige Tage später kehrte ich nach Teheran zurück. Normalerweise hätten die Vorbereitungen für das Neujahrsfest in der Stadt schon beginnen sollen, doch nirgendwo waren Zeichen des Neujahrs zu sehen. Immer häufiger stimmten nun Krankenwagensirenen in die Melodie der Stadt ein, ihr Echo hallte in unseren Ohren wieder. Mit der Zeit war Teheran zu einem kalten, erstarrten und traurigen Ort geworden.



Niemals zuvor hatte das herannahende persische Neujahrsfest Nouruz am 20. März so wenig Anlass zu Feierlichkeiten geboten. Die Fotos (im Video) habe ich am ersten Tag unseres Neujahrs aufgenommen. Im Vergleich zu vorherigen Jahren erschien mir Teheran wie eine Geisterstadt. In der iranischen Tradition gibt es viele Feste vor dem eigentlichen Neujahr und auch eines am ersten Neujahrstag, an dem Familie und Freunde zusammenkommen. Doch in diesem Jahre waren alle in der Isolation. Die Coronavirus-Katastrophe hatte unser ganzes Glück überschattet.
 
Ich sah die Schönheit Teherans durch die Augen der Menschen, auf die meine Kamera gerichtet war. Diese Augen sind für mich der Grund, in diesem Land zu leben.
 
Während der Nouruz-Feiertage war Teheran drei Tage lang in dichten Nebel gehüllt und es regnete in Strömen. Die verlockenden Boten des nahenden Frühlings machten es nahezu unmöglich, die Quarantänebedingungen und den radikalen Rückzug zu ertragen.
 
Angesichts der Umweltverschmutzung, der Menschenmassen und der angespannten Lage war zu spüren, dass Teheran eine Quarantäne wirklich nötig hatte. Im Iran waren die vergangenen sechs Monate von Unruhen und zahlreichen Vorfällen bestimmt, und es herrschte ein Gefühl der Lähmung, das mit der Quarantäne und der Isolation in eine trügerische Stille übergegangen war. Eine Stille, die sich mit dem Verlust geliebter Menschen und mit der Ansteckung von Freund*innen und Menschen im eigenen Umfeld verband. Lediglich die Art des Verlusts und der Angst hatte sich geändert.
 
Während der Quarantäne richteten wir all unsere Stimmungen und Gefühle nach innen. Dadurch breitete sich zwischen uns eine tiefe Stille aus. Wegen der zahlreichen Vorschriften zur sozialen Distanzierung durfte ich zwei Monate lang meine Mutter und meinen an Diabetes erkrankten Vater nicht besuchen. Sie konnten mir nur von ihrem Fenster aus zuwinken.
 
Das Leben nach der Quarantäne und Corona wird sich in den einzelnen Landesteilen des Iran ganz unterschiedlich gestalten. Manche Menschen werden weiter in Quarantäne leben. Möglicherweise haben sie sich schon daran gewöhnt. Sie sind im Prinzip resistent und haben sich mit der Anwesenheit des Coronavirus abgefunden. Für sie wäre es nicht weiter schlimm. Einige wohlhabende Menschen könnten in eine Angststarre fallen, und es könnte Jahre dauern, bis sie aus ihren Höhlen zurück ans Licht kommen. Sie haben die Möglichkeit, ein Leben ohne Zwänge zu führen, und können sich die beste Hygiene- und Gesundheitsversorgung leisten. Doch ich kenne auch einen Tagelöhner, der für die Miete und den täglichen Bedarf seiner Familie nicht mehr aufkommen kann. Irgendwie sind wir alle von einer kollektiven Angst erfüllt.
 
Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen einander halfen, statt in die Supermärkte zu eilen, um sich mit dem Nötigsten einzudecken, obwohl wir im Iran derzeit unter den schwersten Bedingungen der letzten 42 Jahre leben. Es wird jedoch Jahre dauern, bis wir diese überwältigende Angst überwunden haben, die bei dem Gefühl aufkommt, sich selbst oder andere angesteckten haben zu können. Oder bis wir uns zumindest nicht mehr so oft darüber nachdenken. Die Menschen in meinem Land haben den Tod aus nächster Nähe gesehen.
 
Iraner*innen pflegen untereinander normalerweise ein sehr enges und warmherziges Verhältnis. Sie kommen oft im Freundes- und Familienkreis zusammen. Nun ist dieser Kern der Wärme mit einem Mal erkaltet. Eine solche Form der extremen sozialen Distanzierung hat es in der Geschichte des Iran noch nie gegeben. Und wenn doch, dann nicht in diesem Ausmaß. Für Menschen allerdings, die das Leben im Gefängnis oder in Einzelhaft kennen, wird diese Situation nicht so schwer zu bewältigen sein. Ich weiß, wovon ich spreche, auch wenn diese Erfahrungen nicht mit der Quarantäne außerhalb einer Zelle vergleichbar sind. Es gibt trotzdem noch gewisse Freiheiten und Annehmlichkeiten. Menschen können sich unter Zwang an alle Bedingungen gewöhnen. Im Moment befinden wir uns in der Anpassungsphase.
 
Zu den Folgen einer Corona-Erkrankung gehört, vor allem bei milden Verläufen, der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Davon wäre wohl ich betroffen. Die Angst, den wahren Geschmack des Lebens und den Sinn für andere Geschmäcker und Gerüche zu verlieren, wird mich weiter verfolgen.
 
Vielleicht wird es niemals ein Leben nach Corona geben und das Virus wird uns immer begleiten. Jedoch, die Hoffnung stirbt zuletzt ... 

Top