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Kapstadt
Mike van Graan, Bühnenautor

Von Mike van Graan

Mike van Graan © Mike van Graan

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Am 27. April feierte Südafrika während der Ausgangssperre den 26. Jahrestag seiner Post-Apartheid-Demokratie. „Freedom Day“ – ursprünglich geprägt von langen Schlangen von Erstwähler*innen vor Wahllokalen – ist nun dadurch charakterisiert, dass jeder „eingesperrt“ im Haus zu sein hatte.
 
Die Coronavirus-Pandemie – und die damit verbundene Ausgangssperre – lässt die Ungleichheiten in Südafrika in aller Deutlichkeit zu Tage treten: Es gibt die Minderheit, die es sich leisten kann, sich räumlich zu distanzieren, Handdesinfektionsmittel zu kaufen und sich regelmäßig die Hände zu waschen. Und es gibt die Mehrheit, die in überfüllten Unterkünften unter der Armutsgrenze lebt, für die Handdesinfektionsmittel ein Luxus ist, die für ihr Wasser gemeinschaftliche Wasserhähne aufsuchen und jetzt auch noch das Militär erdulden muss. Dieses wird eingesetzt, um die Ausgangssperre unter Bedingungen durchzusetzen, die ihr diametral entgegenstehen.
 
Südafrika dient als Metapher für die Welt, polarisiert von Ungleichheit, einem Vermächtnis der Apartheid, bei der eine weiße Minderheit von der Ausbeutung der schwarzen Mehrheit profitierte, genau wie auch der Kolonialismus zu aktuellen strukturellen Benachteiligungen auf der Welt beigetragen hat.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen  Sie?

Auf der negativen Seite:
  1. Regierungen – und Volk – haben akzeptiert, dass drakonische Maßnahmen erforderlich sind, um der Ausbreitung des Virus Einhalt zu gebieten. Da selbst liberaldemokratische Regierungen eine Tendenz zu unnötigem Autoritarismus gezeigt haben, sollten die Bürger*innen energisch darauf achten, dass ihre Grundrechte und Freiheiten in Zukunft nicht gefährdet werden.
  2. Der wirtschaftliche Zusammenbruch, einschließlich des Verlusts von Millionen von Arbeitsplätzen, wird zu größerer Ungleichheit, mehr Hunger, mehr sozialen Unruhen und einer Zunahme von häuslicher Gewalt führen. Ein Land wie Südafrika wird Jahre brauchen, um sich von all dem zu erholen. 
  3. Es wird mehr Migration innerhalb Afrikas geben und mehr Menschen werden aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land oder auch den Kontinent verlassen. Es wird zu härteren Gegenmaßnahmen kommen; da die Auswirkungen des Virus auf Afrika zu einem späteren Zeitpunkt zu spüren sein werden, wird dies ein zusätzlicher Grund sein, den weltweiten Reiseverkehr von Afrikaner*innen einzuschränken.
Auf der positiven Seite:
  1. Vielleicht wird man als Konsequenz der wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens anerkennen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Mir gibt Folgendes Hoffnung:
  1. Dass die existentielle Krise, die COVID-19 repräsentiert, die existentielle Krise von Klimawandel und Ungleichheit deutlich machen wird und dass wir, wie bei COVID-19, mit mehr Dringlichkeit und politischem Willen handeln werden, um diese größeren Herausforderungen in Angriff zu nehmen.
  2. Dass die kubanischen Ärzt*innen, die in Italien, Südafrika und der Karibik am Kampf gegen COVID-19 beteiligt sind, als Beispiel für die kollektiven Anstrengungen dienen werden, die jenseits von Ideologie und historischen Bündnisse erforderlich sind, um die Herausforderungen zu bewältigen, vor denen wir alle gemeinsam stehen.
  3. Dass das Ausmaß der Todesfälle in Amerika Präsident Trump aus dem Amt jagen wird. Er repräsentiert einige der schlimmsten menschlichen und nationalistischen Eigenschaften, die im Widerspruch zu den kollektiven Anstrengungen stehen, die zur Bewältigung der zentralen Herausforderungen der Menschheit erforderlich sind.
  4. Dass das, was ganz normale Bürger*innen tun, um denjenigen auf der Schattenseite der Gesellschaft zu helfen – Essen, Handdesinfektionsmittel, Masken etc. zu sammeln und zu verteilen –, fortdauern und zu massiven strukturellen Veränderungen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene beitragen wird.

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