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Boston
William Pierce, Autor und Publizist

William Pierce © William Pierce

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Gestern bin ich zum Einkaufen in einen mittlerweile fast schon wie eine Militäranlage anmutenden großen Lebensmittelmarkt nahe Boston gefahren. In der Nähe des Eingangs blieb ich stehen, um ein Foto von einem Werbeschild aufzunehmen. Eines der Nachbargeschäfte pries seine „Brautmoden-Kollektion für das Frühjahr 2020“ an. Im Moment kann man es niemandem wirklich verübeln, Geld verdienen zu wollen. Wir haben erfahren, wie fragil die weltweiten Einkommenssysteme sind, auch für diejenigen, die weit mehr verdienen, als sie zum Leben benötigen. Das Geschäft von Fluggesellschaften kann sich innerhalb einer Woche in Luft auflösen. Hotels können sich über Nacht leeren. Wer hätte gedacht, dass dies überall in der Welt zur gleichen Zeit geschehen würde? Mit dem Timing dieser vermutlich wirkungslosen Anzeige war daher ein gewisses Pathos verbunden.
Frühlings-Shopping? © William Pierce Doch warum hielt ich tatsächlich inne, um dieses Foto zu machen, und warum versinnbildlicht diese Aufnahme für mich die aktuelle Situation? Auf der Anzeige ist das retuschierte Foto einer großen, weißen, unbeschwert wirkenden Braut zu sehen, die sicher niemals in ihrem Leben Hunger leiden muss. Dahinter, natürlich in meinem Bezugsrahmen und nicht in dem der Braut, erblickte ich eine Frau mit blauen Nitrilhandschuhen und Gesichtsmaske, die ihren Einkaufswagen zurück in die Isolation schob. Im vergangenen Frühjahr wäre ein solches Foto an diesem Ort viel zu normal und „real“ erschienen, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Doch nun sind die Oberflächen angekratzt. Der ohnehin schon harte Bruch zwischen Bild und Realität ist auf einmal überall zu erkennen. Und damit sind ebenso viele Chancen wie Risiken verbunden.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Mit einem Freund schreibe ich mir E-Mails. Jeder von uns hat einen völlig anderen Blick auf die Ereignisse. Er sagt: „Ich ziehe nach Schweden.“ Diese „mittelalterliche Methode“, Unternehmen zur Schließung zu zwingen, widere ihn an. Ihm sei völlig egal, ob die Menschen in Schweden meistens zu Hause blieben oder dass die schwedische Infektionsrate die höchste in Skandinavien sei: Das amerikanische Vorgehen, mit dem die Wirtschaft in den Ruin getrieben würde, sei von Grund auf falsch. Einen Tag später lese ich in einer Analyse des San Francisco Chronicle über die durchschlagende Wirkung der frühzeitigen Schließungen in der Bay Area. Sieben Gerichtsbarkeiten verständigten sich am 17. März darauf, eine Ausgangssperre anzuordnen. Inzwischen ist dort die Fallhäufigkeit der Coronavirus-Erkrankungen niedriger als in fast allen anderen Metropolregionen der USA. Angesichts seiner Umzugspläne möchte ich meinem Freund sagen: „Vielleicht wäre San Francisco die bessere Wahl.“
 
Das neuartige Coronavirus hat unsere ideologischen Unterschiede sicher nicht verkleinert. Wenn überhaupt, dann ist damit sogar noch deutlicher geworden, wie weit die Ansichten zweier Freunde über ein und denselben Artikel oder Vorschlag oder ein- und dieselbe Analyse auseinandergehen können. Wir sind nur selten einer Meinung, weil unsere Nachrichtenquellen in der Regel von völlig unterschiedlichen Annahmen ausgehen. Nach Angaben lautstarker Vertreter der amerikanischen Rechten haben wir es mit einer Bluterkrankung zu tun, welche die Nieren stark in Mitleidenschaft zieht. Daher auch Präsident Trumps Begeisterung für Hydroxychloroquin, die von dem Radio- und Fernsehmoderator Sean Hannity oder auch von Dr. Oz befördert wurde. Vertreter der Linken sprechen von einer Lungenerkrankung oder einer Lungenentzündung. Beide Seiten können für sich genommen richtig liegen. Doch während Wissenschaftler*innen fieberhaft versuchen, das Geheimnis von Covid-19 zu entschlüsseln, facht unser Präsident die ideologischen und inhaltlichen Auseinandersetzungen noch zusätzlich an. Er will keine nationale Einheit. Er will heute mehr denn je über die Einzelstaaten bestimmen können. Mit fünfzig kleinen Amerikas kommt er besser klar als mit einem großen, denn das Prinzip der Einigung passt nicht in das Portfolio eines Profitmachers.
 
Nichtsdestotrotz teilen mein Freund und ich die Auffassung, dass Rückzug und Shutdown ernstzunehmende Folgen haben könnten. Er spricht von der Lähmung der Wirtschaft, ich von den vielen Arbeitslosen. Er vermutet, dass der wirtschaftliche Zusammenbruch mehr Tote zur Folge haben könnte als Covid-19 selbst. Ich gehe davon aus, dass kleine Läden und Restaurants in großer Zahl bankrottgehen werden, weil sich Ketten besser erholen und ihre Gleichförmigkeit noch mehr Raum einnehmen wird. Wir beide rechnen mit einer langanhaltenden Schwächung der körperlichen und geistigen Gesundheit. An uns selbst können wir bereits erste Anzeichen dafür feststellen.
 
Werden sich die Menschen weniger berühren, sobald die Gefahr durch Covid-19 abnimmt? Wird eine Generation heranwachsen, die Fremden auf der Straße aus dem Weg geht? Berührung ist sogar im allerengsten Sinne wie eine Krankenversicherung, weil sie unser Immunsystem trainiert und stärkt. Und doch hat ein führender Spezialist für Infektionskrankheiten erklärt, dass die Tradition des Händeschüttelns der Vergangenheit angehören sollte. Werden all diejenigen, die es können, ganz bewusst in ihren digitalen Höhlen bleiben? Pendeln kann ein Fluch sein, vor allem für diejenigen, die eine besonders lange Strecke zurücklegen müssen. Viele von ihnen müssen auch während der Pandemie weiter hin‑ und herfahren. Doch der Anblick echter Menschen während eines Tages, und insbesondere von Menschen, mit denen wir nicht ausdrücklich Zeit verbringen wollten, bietet uns noch Gelegenheit für zufällige Momente der Zuneigung und Verbindung.
 
Bereits vor Covid-19 haben Technologien in beunruhigendem Maße Einzug in unser Leben gehalten. Wenn wir nichts unternehmen, könnte uns diese Pandemie den letzten Stoß in den Abgrund versetzen. Im Namen der Effizienz und des Gesundheitsschutzes könnte sie eine übertriebene Sterilität und einen weiteren, endgültigeren Rückzug aus der materiellen Welt, einen Verzicht auf den traditionellen Einzelhandel und Menschen aus Fleisch und Blut zur Folge haben. Die Entwicklung an der Börse scheint eine derart trostlose Zukunft zu prophezeien. In Berichten der vergangenen Tage wurde die traurige Nachricht verkündet, dass die US-Börsen trotz einer weiteren Ausbreitung der Pandemie den besten Monat seit Jahrzehnten verbuchen konnten. Doch die Erholung im April kam nicht allen, sondern vor allem den Digitalgiganten zugute.
 
Mein Freund und ich teilen die Befürchtung – auch wenn er es mit einer Bestimmtheit zum Ausdruck bringt, gegen die ich mich verwehre –, dass die Position der Einzelnen durch die Reaktion Amerikas auf die Pandemie dauerhaft geschwächt wird. Dagegen werden die Großen und Gesichtslosen ihre Dominanz über die Sonderlinge und Individualisten festigen. Glücklicherweise deutet die Geschichte der Post-Raubritter-Ära im frühen zwanzigsten Jahrhundert darauf hin, dass es auch ganz anders kommen könnte, nämlich zu einer Rückkehr oder Wiederauferstehung der Unterdrückten. Im trocknenden Zement dieser Quarantäne werden die Begüterten ebenso wie die Habenichtse ihren Abdruck hinterlassen. Wer kann sich das Essen nach Hause bestellen, und wer muss es liefern? Wer bleibt in der engen Stadt, wer kann in ein Haus auf dem Land flüchten? Wer beschwert sich über Langeweile, wer schläft nach einem langen Arbeitstag in einem umsonst bereitgestellten Zimmer, um das Virus von der eigenen Familie zu Hause fernzuhalten? Warum werden geschulte Krankenhausmitarbeiter in den USA entlassen, obwohl in den Krankenhäusern immer mehr zu tun ist? Warum haben einige Angestellte keine Krankenversicherung und keine bezahlte Freistellung und können deshalb im Krankheitsfall nicht zu Hause bleiben? Warum verdienen so viele Menschen, die keine finanziellen Rücklagen haben, inzwischen so unglaublich viel weniger als die Vorstandsvorsitzenden der Großkonzerne, die ohne die bescheidene Arbeit der Schlechtverdienenden nicht existieren könnten?

Was macht Ihnen Hoffnung?

Das Magazin The Week druckte eine politische Karikatur ab, auf der sich ein Mann zu Hause in seinem Clubsessel zurücklehnt und sagt: „Mir war gar nicht klar, auf wie viele Menschen ich angewiesen bin, um mich selbst zu isolieren.“
 
Je mehr wir uns im Moment abschotten, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir ein intensives Gefühl der gegenseitigen Verbindung erfahren werden. Wenn wir einsam sind, nehmen wir unser Bedürfnis nach Gemeinschaft viel deutlicher wahr als üblich. Selbst der von Charles Dickens erdachte Ebenezer Scrooge, nach eigenen Angaben passionierter Einzelgänger, würde jede wertvolle Tüte Reis, jede Tomate und jeden Brotlaib anstarren und sich fragen: „Woher kommt das?“ Vermutlich würde er denken: „Gut, dass nicht ich es bin.“ Doch dann würde die nahezu unvermeidliche Frage folgen: „Was ist mit der Person, die zur Arbeit erschienen ist, um die Maschinen zu bedienen oder die Kühe zu melken? Geht es ihr gut?“ Unsere gegenseitige Abhängigkeit wurde uns auf eindrückliche Weise vor Augen geführt. Dies hat uns gestärkt, bedeutet es doch, dass auch wir gebraucht werden. Der amerikanische Mythos der Selbstgenügsamkeit muss nicht über Bord geworfen werfen, denn seine Wahrheit lag schon immer in der Gemeinschaft. Unmöglich können wir unsere gesamte Last allein tragen. Doch wir können vielen anderen Menschen einen Teil ihrer Last abnehmen. Während sich wiederum viele andere Menschen um einen entsprechenden Teil unserer eigenen Bedürfnisse sorgen.
 
Selbstgenügsamkeit kann ein wertvolles Gut sein, wenn sie von der damit einhergehenden Lüge befreit wird. Warum stellen wir hierzulande keine Masken her? Warum keine Beatmungsgeräte? Warum verfügen die Krankenhäuser über so wenig zusätzliche Kapazitäten? Diese Fragen erhalten noch mehr Gewicht, wenn sie auf den Bereich der Lebensmittelversorgung übertragen werden. Innerhalb von Wochen hat die Pandemie gezeigt, in welchem Umfang wir auf globaler Ebene die Belange der Wirtschaft über den Gedanken des Gemeinwesens gestellt haben. Wir sind auf den Trick der Sowjets hereingefallen. Ich glaube, es war Stalin, der als erster sicherstellte, dass keine seiner Republiken ein Fahrzeug vollständig allein bauen konnte: Kurbelwellen wurden in der einen, Getriebe in der anderen und Stahlblech-Karosserien in der dritten Republik gebaut, sodass sich alle dem Zentrum verpflichtet fühlten. Heute haben wir es mit einer ähnlichen räumlichen Verteilung der Fertigungsverfahren zu tun, mit der wir uns in die Abhängigkeit multinationaler Konzerne begeben. Damit werden wir auf erschreckende Weise anfällig für Shutdowns und Versorgungsengpässe. Jedes Ereignis, das zu einer Schließung der Grenzen führt, kann unsere Versorgung mit dem Nötigsten unterbrechen.
 
Die größte Hoffnung liegt für mich darin, dass so viele dieser Wahrheiten nun ans Licht kommen. Das damit verbundene Wissen kann eine andere Form des Nationalismus entfachen. Es beginnt auf lokaler Ebene, wo man sich zunächst um das Wohl seiner Liebsten und dann um das seiner Gemeinde kümmert, um sich anschließend der Ebene der Stadt oder des Bezirks, der Provinz oder des Bundesstaats, des gesamten Lands und schließlich der ganzen Welt zuzuwenden. Beispielsweise wäre bei Naturkatastrophen oder anderen Notfällen eine Region denkbar, die sicherstellt, dass sie alles selbst produzieren kann, was in Krisenzeiten vermutlich benötigt wird. Vorstellbar wäre auch, dass diese Region ihre Kapazitäten einsetzt, um in anderen Krisenregionen zu helfen. Wir können zu einer umfassenderen Form der Subsistenz zurückfinden. Und Gesellschaften können eine solche Entwicklung, ungeachtet der Kosten, zu schätzen lernen. Durch unsere Bereitschaft zu einem derart unrentablen Rückzug erfahren wir nicht nur, dass einige Dinge mehr wiegen als Profite, sondern auch, dass wir nahezu alle an einem Strang ziehen
 
Jahrzehntelang war es in den USA nicht leicht, all denjenigen wirksame Argumente entgegenzusetzen, die dafür plädieren, Krankenhäuser, Universitäten und Regierungen wie Wirtschaftsunternehmen zu führen. Während unser Militär Pläne für eine unvorstellbare Zukunft schmiedet, werden vor allem die Abläufe in Krankenhäusern an den aktuellen Bedarf angepasst. Profit spielt keine Rolle mehr. Durch Covid-19 haben wir erneut aus erster Hand erfahren, wie schnell und dramatisch unser Alltag sich ändern kann. Eine solche Entwicklung kann in vielen Fällen von Notfallplanern vorhergesagt und vorbereitet werden. Inzwischen wissen wir genau, was über Nacht in Gefahr geraten könnte. Und Millionen von uns in aller Welt werden unsere Gesellschaften dabei unterstützen, die alten Kategorien von Arbeitsplätzen und Institutionen wiederzubeleben, die auf das Allgemeinwohl und nicht auf Effizienz und Nachfrage gerichtet sind.
 

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