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Luanda, Berlin, Lissabon
Kalaf Epalanga, Musiker und Schriftsteller

Von Kalaf Epalanga

Kalaf Epalanga © David Pattinson

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Wenn wir die COVID-19-Krise analysieren, ohne über die Folgen von Umweltkrisen und deren Zusammenhang nachzudenken, werden wir nie verstehen, dass wir in zwei Welten leben. In der einen ist es möglich, ganze Länder in die häusliche Isolation zu schicken, in der anderen sind selbst einfache Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus, wie häufiges Händewaschen, für Millionen von Menschen praktisch unmöglich. Sie haben kaum genug Wasser zum Trinken, geschweige denn, dass sie in der Lage wären, die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Hygieneregeln einzuhalten.
 
Die ugandische Aktivistin Vanessa Nakate drückt es so aus: „Diese Notsituation hat uns allen in Erinnerung gerufen, dass wir in unserer Welt viele Probleme haben; der Klimawandel aber verschärft diese Herausforderungen.“ Wie also sollten wir das Unterstützungspaket für die US-Wirtschaft von rund 2 Milliarden Euro und den von der Europäischen Union vorgelegten Plan über 2,4 Milliarden Euro nicht hinterfragen, wenn es doch mit ein klein wenig gutem Willen möglich wäre, die 17 Entwicklungsziele in wirklich bedürftigen Regionen zu erreichen.

Während der Zeit der sozialen Distanzierung, die fast alle Länder ihren Bürgern auferlegt haben, ist eines deutlich geworden: Sowohl denjenigen, die Veränderungen um jeden Preis fordern, als auch jenen, die seit Ewigkeiten auf ein wie auch immer geartetes Wunder warten, und selbst den Zynikern, die nach wie vor nicht begreifen, dass der größte Feind wirtschaftlichen Wohlstands und politischer Stabilität die soziale Ungleichheit ist, bietet sich jetzt die seltene Gelegenheit, die Umsetzung der 17 auf dem UN-Gipfel 2015 festgelegten Ziele für nachhaltige Entwicklung zu beschleunigen.

Schon vor der Corona-Krise Krise wussten wir, dass der Klimawandel uns zwingen würde, radikale Maßnahmen zu ergreifen. Doch junge Menschen, die wie Greta Thunberg und die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakat uneigennützig auf die Straße gegangen sind, um uns daran zu erinnern, wurden mit Nichtbeachtung gestraft. Nun aber, wo die Ausrufung einer globalen Pandemie die hochindustrialisierten Gesellschaften zum Innehalten zwingt, sinkt der Grad der Umweltverschmutzung in signifikantem Maße. Auf einmal sind die 17 Nachhaltigkeitsziele für 2030 keine Utopie mehr.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Manche glauben, diese Krise biete die Möglichkeit, die Kommunikationsindustrie zu revolutionieren. Man konnte dabei zusehen, wie innerhalb weniger Wochen das Reinvermögen des Vorstandsvorsitzenden und Gründers von Zoom Video Communication, Eric S. Yuan, das Vermögen von Sir Richard Branson übertroffen hat. Viele Unternehmen praktizieren Homeoffice, was wichtige Möglichkeiten eröffnet, Beschäftigung flexibler und dezentraler zu gestalten und im Arbeitsleben mehr Gleichberechtigung für Eltern, Minderheiten und Menschen mit Behinderungen schafft.

Die Covid-19-Krise bietet auch die Gelegenheit, die Gesundheitssysteme und deren Praktiken zu reformieren. Womit ich auf die 17 optimistischen Nachhaltigkeitsziele und den Bericht der UNO zurückkomme. Dieser betont die Notwendigkeit, in den Ländern, in denen die Malaria nach wie vor endemisch ist, die Maßnahmen zu verstärken. Schätzungen zufolge hat die Malaria in der Geschichte der Menschheit mehr Todesfälle verursacht hat als jede andere Krankheit. Allein in Angola sterben jedes Jahr etwa 150.000 Kinder an Malaria und Unterernährung.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Durch die von den Ländern erlassenen Einschränkungen der Freizügigkeit werden die Gesellschaften in einer Post-Corona-Welt vielleicht damit beginnen, innerhalb ihrer eigenen Grenzen nach Lösungen für ihre Probleme zu suchen. Das Konzept der Globalisierung könnte in diesem Sinne umformuliert werden. Dann könnten wir mit Interesse verfolgen, was passiert, wenn wir nicht länger im Namen des Fortschritts das verraten, was uns am wertvollsten ist: Gesundheit und Freiheit. In diesem Zusammenhang kommt mir ein Satz des Dalai Lama in den Sinn, der bis gestern nur eine Botschaft zur geistigen Erbauung zu sein schien, die unsere Yoga praktizierenden Freunde in den sozialen Netzwerken zu teilen pflegen. Der tibetische Führer schrieb und lachte dabei vielleicht über unsere traurige, sadomasochistische Fähigkeit, uns selbst zu zerstören: „Was mich an der Menschheit am meisten erstaunt, ist der Mensch. Weil er seine Gesundheit verliert, um Geld anzuhäufen. Dann verliert er das Geld, um seine Gesundheit wiederherzustellen. Und weil er voller Angst an die Zukunft denkt, vergisst er die Gegenwart so sehr, dass er am Ende weder in der Gegenwart noch in der Zukunft lebt. Er lebt, als würde er nie sterben ... und er stirbt, als hätte er nie gelebt.“

 

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