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Rabat
Driss Ksikes, Autor und Kulturakteur

Werden wir aus dieser Krise neue Argumente entwickeln, die die Menschen dazu zu bringen, auf die sozial marginalisierten Klassen zu schauen? Und auf die Länder des Südens, denen es an Ressourcen und Infrastrukturen mangelt, um sich der sich abzeichnenden beunruhigenden Welt zu stellen, die von den Ländern des Nordens weitgehend ausgeplündert wurde?
 

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Von Driss Ksikes

Driss Ksikes © Driss Ksikes

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Meine Gesundheit ist zerbrechlich. Ich war oft gezwungen, mich hinsichtlich meiner rücksichtslosesten Wünsche einzuschränken, jedoch nicht in dem Maße, dass ich eingesperrt war. Im Moment, da ich der Bewegung beraubt bin, spüre ich stärker als zuvor den Zusammenhang zwischen dem Verlust des Zeitgefühls und der Verengung des Raumes. Mir ist klar geworden, dass die Ausgangsbeschränkung mich gleichzeitig beruhigt und mir Angst vor der Zukunft macht. Sie schützt unseren Körper und bringt unseren Geist in Aufruhr. Sie isoliert uns in unseren privaten Räumen und sorgt sich um das Schicksal der öffentlichen Räume.
 
In Marokko führt dies zu einer Mischung aus Rationalität, wirtschaftlicher Prognose, einem reaktiven Gesundheitswesen, dem Rückgriff auf Fachwissen und, nebenbei, zur Bekräftigung des autoritären Staates als alleinigem Garanten der Ordnung. In der Stadt kämpfen die Bedürftigsten, die eng zusammengepfercht in Arbeitervierteln leben und auf Nebenerwerbstätigkeiten angewiesen sind, darum, zu überleben, ohne zu ersticken. Im Netz werden die Verbreiter von Fake News aus Angst vor Repressalien immer weniger gesprächig. Die Beklommenheit ist greifbar, in der Luft, in den Gesprächen. Aber der Wunsch, die Situation zu bewältigen und zu vergessen, ist ebenso auffällig. Die Krise als eine Gelegenheit zu sehen, den Humanismus zu erfinden oder den „Ökonomismus“ zu überwinden, ist ein Luxus, den sich nur wenige leisten können.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

In unserem Leben herrscht eine große wirtschaftliche Depression, es gibt viele arbeitslose Angestellte, mehr Tagelöhner*innen und Gelegenheitsarbeiter*innen ohne finanzielle Rücklagen und gleichzeitig die Verpflichtung, den Kurs auf gesellschaftlicher, ökologischer und ethischer Ebene zu ändern. Dies ist einerseits eine noch nie dagewesene Gelegenheit, die es zu nutzen gilt. Aber andererseits stellt sich die Frage, was dabei herauskommen wird.
 
Mir drängen sich drei Hypothesen auf. Die erste ist pessimistisch und wahrscheinlich dystopisch: Sie lässt mich glauben, dass die Menschheit wieder einmal nicht in der Lage sein wird, die notwendigen Lehren aus diesem gewaltigen Warnschuss bezogen auf die Zerbrechlichkeit einer ausgebeuteten, vernetzten Welt zu ziehen. Die geopolitischen Strategien werden neue Beliebtheit erfahren. Der nun offen zutage getretene Gegensatz besteht einerseits zwischen dem undurchsichtigen, übermäßig überwachten und angeblich effizienten chinesischen Modell und andererseits dem westlichen, liberalen Modell, ungeeignet für Schocks, die seine sozialen und menschlichen Schwächen offenbaren. Letzteres birgt die Gefahr einer zunehmenden Spaltung der Welt in sich. Wir laufen Gefahr, uns in einen erneuten zügellosen Konsumwettlauf zu begeben, angeführt von den multinationalen Konzernen und den Verkäufern leerer Floskeln, der uns im Rausch ins Vergessen führt. Wir ignorieren, dass wir alle auf eine  Mauer zusteuern.
 
Die zweite Hypothese, die etwas mehr Vertrauen in die Rationalität der Akteure und Institutionen setzt, setzt auf eine mögliche wirtschaftspolitische Neugewichtung zugunsten des Wohlfahrtsstaates, der Stärkung der Gesundheits- und Bildungssysteme (u.a. Fernunterricht), aber nicht unbedingt auf die Stärkung sozialer Netze für die Schwächsten.
 
Die dritte, eher utopische Hypothese bringt mich dazu, Fragen zu stellen, so, wie man eine Flaschenpost ins Meer wirft und auf eine Antwort hofft: Werden wir aus dieser Krise neue Argumente entwickeln, die die Menschen dazu zu bringen, auf die sozial marginalisierten Klassen zu schauen? Und auf die Länder des Südens, denen es an Ressourcen und Infrastrukturen mangelt, um sich der sich abzeichnenden beunruhigenden Welt zu stellen, die von den Ländern des Nordens weitgehend ausgeplündert wurde? Werden wir dieses Zwischenspiel, in dem die Einzelinteressen beiseitegeschoben wurden, nutzen, um unerbittlicher gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und alle Formen von Korruption und ungerechtfertigte Einnahmequellen zu kämpfen? Besteht die Chance, in diesem Kampf die verlorene Zeit wieder aufzuholen? Werden wir endlich den Mut zu einer Weltregierung haben, die weniger bürokratisch als die UNO, weniger merkantil als die WTO und mehr auf menschliches, natürliches, wirtschaftliches und kulturelles Gleichgewicht bedacht ist?

Was macht Ihnen Hoffnung?

Besonders besorgt bin ich nach wie vor um die Kreativwirtschaft, die freie Meinungsäußerung und die alternativen Wege, die Gemeinschaften erfinden, um durch Kunst oder Zusammenarbeit die Situation zu überwinden. Auch wenn es in Krisenzeiten einen Anlass zu Solidarität gibt, bin ich skeptisch, was die Fähigkeit der Menschen angeht, in Zeiten des Wohlstands das gleiche Maß an Einfühlungsvermögen zu bewahren. Die Verpflichtung zur Bescheidenheit und damit zur Solidarität, die durch die Angst vor dem Tod verursacht ist, kann nicht fortbestehen.
 
Im Grunde sehe ich diese Zeitspanne nicht als einen Tunnel, durch den wir einfach laufen, um am Ende das Licht zu finden. Viel mehr durchleben wir eine unfreiwillige Pause, die uns zwingt, unsere Beziehung zum Leben, zu anderen und zur Zukunft neu zu konzipieren. Ich habe noch nie so stark gespürt, dass die Kürze und die Zerbrechlichkeit des Lebens es erfordern, den kleinen, kostbaren, vergänglichen Freuden, und den Verwandten, Freunden, Lieben unsere Aufmerksamkeit schenken. Mir ist klar geworden, dass die Zukunft nicht weit weg ist, dass unser kumuliertes Handeln sie uns näher bringt, dass Science-Fiction ein Genre ist, das zur Gegenwart spricht, aber dafür sozial nicht gebräuchlichen Symbole benutzt, und dass wir nicht dauerhaft mit diesem Tunnelblick weiterleben können.
 
In meiner Isolation suche ich Zuflucht in der Literatur, um Fenster in Richtung Anderswo zu öffnen. Zusammen mit meinen Forscherkolleg*innen und befreundeten Schriftsteller*innen habe ich ein Projekt ins Leben gerufen, das aufzeigen soll, wie man in Krisenzeiten und in Zeiten der Widerstandsfähigkeit anders denken kann. Und mit Theaterfreund*innen denken wir darüber nach, was es bedeutet, die Welt leer zu sehen, während der Himmel geschlossen ist. Immer auf der Suche nach dem Sinn. Dies eröffnet ungeahnte Perspektiven und hält uns auf Trab, während wir nach politischen und ethischen Widersprüchen suchen. Das Leben wird wieder zur Normalität zurückkehren, und davon wird es reichlich geben.

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