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London
Filipa Ramos, Autorin und Kuratorin

Ich träume von einer Welt, in der Toilettenpapier als Problem betrachtet wird und nicht als Lösung. Während diese Welt Gestalt annimmt, ist Toilettenpapier für mich das weiße, normative, egoistische Geschöpf unserer Zeit.

Von Filipa Ramos

Filipa Ramos © Plastiques Photography

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Boreale Wälder sind atemberaubend. Riesige Horizonte, die sich erstrecken, so weit das Auge reicht; Flüsse und Himmel durch dichte Gruppen schlanker Bäume getrennt. Mit dem Wetter und den Jahreszeiten weichen diese grün-blauen Landschaften zahlreichen anderen Schattierungen, von Golden bis Walblau. Das Prisma der Tundra ist in ständigem Wandel, selbst wenn es ewig und unberührbar wirkt. Boreale Wälder sind voller Leben. Ihre Ökosysteme beherbergen zahlreiche Populationen der nördlichen Halbkugel. Sie bieten Lebensraum für sesshafte und wandernde Tiere, darunter auch Menschen, dazu kommen Pflanzen, Pilze und Flechten. Menschen, Wölfe, Bären, Vögel, Birken, Nadelbäume, Glockenblumen, Moore, Flachmoore, Pfifferlinge, Boviste, Lungenkraut, Moose. Wenn diese Wälder atmen, helfen sie uns beim Atmen, indem sie uns einen wichtigen biogenen Kohlenstoffspeicher zur Verfügung stellen.
Blue Mountains, 2004, colored pencil, graphite, acrylic and spray paint on paper. 21 x 32 cm Blue Mountains, 2004, colored pencil, graphite, acrylic and spray paint on paper. 21 x 32 cm | © Basim Magdy
Seit den 1950er-Jahren, mit einer exponentiellen Zunahme in jüngerer Zeit, wurden Primärwälder kahlgeschlagen und Waldlandschaften zerstückelt und für Nutzholz gerodet. Einer der Hauptzwecke? Die Gewinnung von Zellstoff aus frischen Holzfasern für die Produktion von Toilettenpapier. Im Dienste eines kleinen, aber anspruchsvollen Bruchteils der Weltbevölkerung ist Toilettenpapier eine wachsende Industrie. Die meisten Marken weigern sich, nachhaltige oder wiederverwertete Materialien zu verwenden, da die Kund*innen ultraweiche, wattierte, mehrlagige Produkte verlangen.
 
Als die Covid-19-Epidemie weltweite Ausmaße annahm, stieg der Verkauf von Toilettenpapier irrational an. Bücher, Zeitschriften, Strickzubehör, Puzzles, Yogamatten, Sudokuhefte oder Kombuchapilze verkauften sich schlechter als Toilettenpapier. Für Hunderttausende von Menschen bedeutete die Planung einer pandemiebedingten Ausgangssperre, die Aufrechterhaltung ihrer Miktions- und Defäkationsrituale sicherzustellen. Es bedeutete zudem, dass ihre Hygienegewohnheiten (leicht durch andere, genauso hygienische Systeme zu ersetzen) wichtiger waren als die Natur. Ein sauberer Hintern ist mehr wert als die borealen Bäume, Völker, Tiere und Farben. Eines Tages wird man sich an unsere Generationen womöglich als diejenigen erinnern, die die seit Ewigkeiten bestehenden Wälder dieser Welt abholzten, um ihren Allerwertesten zu säubern. Ich kann mir nichts vorstellen, das für unsere Dummheit und unseren Egoismus bezeichnender wäre.
 
Ich träume von einer Welt, in der Toilettenpapier als Problem betrachtet wird und nicht als Lösung. Während diese Welt Gestalt annimmt, ist Toilettenpapier für mich das weiße, normative, egoistische Geschöpf unserer Zeit.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Die Afrikanische Schweinepest ist ein hochansteckendes Virus, das im Afrika südlich der Sahara endemisch ist und über eine Million Tiere infiziert und getötet hat. Das Virus existiert in freier Wildbahn mithilfe eines anhaltenden Infektionskreislaufs zwischen Zecken und Wildschweinen. Die modernen Zuchtbedingungen von Hausschweinen machen sie für das Virus besonders anfällig – dieses kann über Zecken und den Verzehr infizierter Schweinefleischprodukte auf sie übergreifen. Das Virus, das eine hohe Sterblichkeitsrate aufweist, verursacht ein hämorrhagisches Fieber. Es kann ein Schwein innerhalb einer Woche töten. Infizierte Schweine verlieren nach und nach den Appetit, sie werden depressiv. Gruppen kranker Schweine drängen sich zitternd, hustend und abnormal atmend zusammen. Sie können sich kaum auf den Beinen halten. Innerhalb weniger Tage fallen die Schweine ins Koma und sterben. Schwangere Schweine erleiden Spontanaborte, auch wenn diese nichts Spontanes an sich haben.
 
Menschen sind nicht empfänglich für die Afrikanische Schweinepest und Schweine sind nicht empfänglich für SARS-CoV-2. Wird Covid-19 die Welt der Schweine verändern oder wird die Afrikanische Schweinepest die Welt der Menschen verändern? Ich bin nicht sicher. Die Wahrnehmung einer getrennten Existenz dieser beiden Welten, Mensch und Tier, besteht schon viel zu lange, daher hege ich Zweifel, ob es möglich ist, eine Korrelation zwischen ihnen zu sehen. Sicher bin ich mir hingegen, dass die Welt sich nicht ändern wird, wenn die Menschen nicht sehen, dass sie es sind, die sich ändern müssen, und nicht die Welt.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Unter der Treppe in meinem Garten befindet sich ein kleiner Schuppen. Er hat eine alte, hölzerne Tür, die nicht gut schließt und deshalb immer offen steht. Seit April gehen zwei Rotkehlchen durch diesen Schlitz in den Schuppen ein und aus und fliegen durch die schmale Öffnung durch eines dieser Wunder der Natur, die ich Magie nenne. Das ist etwas, das man nicht auf den ersten Blick sieht. Die Vögel sind klein, scheu und leise und ihr Rhythmus ist stetig, weist aber lange Abstände auf. Anfangs dachte ich, es sei Zufall, sie dort zu sehen, oder ich vermutete einfach, dass der Schuppen sie neugierig machte. Letzte Woche fingen sie an, ihr Vorgehen zu koordinieren. Während ein Rotkehlchen wachsam bleibt und prüft, ob die Luft rein ist, fliegt das andere hinein, wobei es in der Regel einen Wurm oder eine Beere im Schnabel hat. Wenn der Vogel hineinfliegt, hören wir bald darauf zarte Zwitschergeräusche aus dem Inneren. Dann endet das Zwitschern, der Vogel verlässt den Schuppen und beide Vögel nehmen ihre Suche nach Würmern und Beeren wieder auf. Diese zwei Rotkehlchen haben in einem menschengemachten Ort einen Zufluchtsort gefunden, den sie in ihr Nest verwandelten. Ihre  Vogeljungen, die ich nicht sehen, nur hören kann, lassen mich daran glauben, dass eine gemeinsame Zukunft möglich ist.

Was ist Ihre persönliche Strategie, damit umzugehen?

Ich träume von den Wäldern, denke über die Schweine nach, fürchte den Kontakt mit dem Virus und beobachte die liebevollen Vögel. Zusammen lassen sie mich hoffen, dass eine schwierige, aber bessere Zukunft möglich ist. Alles, was es braucht, ist Veränderung.

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