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Peking
Liu Ding und Lu Yinghua, Künstler*in und Kurator*in

All die Meinungen und Kontroversen, die während der Epidemie in Umlauf gekommen sind, haben uns bewusst gemacht, dass viele Werte, die wir eigentlich für selbstverständlich hielten – Gewissen, Gerechtigkeit, ethisches Verhalten, Urteilsvermögen, Güte, Mitgefühl, Gleichberechtigung sowie Fürsorge und Respekt für das Leben eines jeden, also all das, was den Menschen zum Menschen macht – nicht selbstverständlich sind, sondern dass man dafür kämpfen und diese Werte schützen muss.

Von Liu Ding und Lu Yinghua

Liu Ding und Lu Yinghua © Liu Ding und Lu Yinghua

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in ihrem Land?

Kurz nach der Schließung von Wuhan sind wir aus der Provinz Guangdong zurück nach Peking gefahren, wo für uns ein Leben in Quarantäne begann. Als wir kurz darauf den Film Outbreak – Lautlose Killer über den Ausbruch eines gefährlichen Krankheitserregers sahen, ist uns eines klar geworden: Wenn ein Virus, das durch die Luft übertragbar ist, sein Unwesen treibt, dann hat der Mensch nur noch eine Möglichkeit, sich zu schützen: Er muss sich in seiner eigenen Höhle verbergen, genau wie zu Beginn des Films jener Magier im afrikanischen Dschungel. Also haben wir uns innerlich auf die neue Situation eingestellt, uns in der Wohnung verschanzt, ein „von der Welt abgeschnittenes“ Leben begonnen und versucht, jeden Tag mit Demut, Respekt, Dankbarkeit und Geduld zu leben.

In China sind wir nun seit bald hundert Tagen mit der Epidemie beschäftigt. Von der anfänglichen Panik und Unruhe fanden wir nach und nach in einen Modus, wie wir zuhause alle drei unserem Lebens- und Lern-Alltag einen gewissen Rhythmus verleihen konnten. Nachdem wir anfangs täglich die Anzahl Infizierter und Gestorbener aufgerufen hatten, versuchten wir mit der Zeit eine gewisse Normalität zu etablieren, um uns gegenseitig behilflich sein zu können und uns längerfristig an ein Leben zu Hause zu gewöhnen. Den aktuellen Zahlen zufolge gibt es derzeit innerhalb Chinas keine neuen Fälle mehr, nur aus dem Ausland eingeführte Fälle nehmen immer noch zu.

Eine starke Ansteckungsgefahr geht vor allem von Trägern des Virus aus, die ohne Symptome sind. Das latente Risiko ist also immer noch sehr hoch. Wir vermeiden daher weiterhin öffentliche Plätze so gut es geht, besonders jene Orte, wo man seinen Gesundheitscode scannen muss. In Beijing ist im Zuge der Kontrolle der Epidemie auch eine immer ausgereiftere gesellschaftliche Überwachung in Rastereinheiten ausgearbeitet worden; es fühlt sich an, als ob jeder Einzelne in einem Labor zur Erprobung eines Gesellschaftssystems leben würde.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Mit der Epidemie sind manche Probleme, die bereits latent vorhanden waren, noch deutlicher zutage getreten und haben sich auch zugespitzt. So etwa die Diskriminierung gewisser Regionen, Volksgruppen oder Nationalitäten. Auf politischer Ebene hat die Epidemie auch eine ideologische Konkurrenz zwischen unterschiedlichen politischen Systemen sowie einen technologischen Wettbewerb zwischen verschiedenen Ländern hervorgerufen. Mit der Normalisierung der Epidemiebekämpfung werden sich vielerlei Diskrepanzen weiterhin zuspitzen.

Was uns persönlich angeht, hat uns die Epidemie noch direkter mit den real existierenden Problemen konfrontiert, und auch mit gedanklichen Einstellungen, über die wir uns unschlüssig waren. Zwar gehören wir nicht zu den unmittelbaren Opfern der Krise, doch ist uns deutlich bewusst geworden, wie stark auch wir vom Kontext und vom ganzen Mechanismus der Verursacher beeinflusst werden. Wir waren täglich am Beobachten, Miterleben und Empfinden, und wir versuchten, darüber zu diskutieren und nachzudenken. Dies hat in uns den starken Wunsch geweckt, uns selbst noch besser kennen zu lernen, diese Welt verstehen zu lernen. Wir sind überzeugt, dass diese Erfahrungen in unserem persönlichen Leben unauslöschliche Spuren hinterlassen werden.

All die Meinungen und Kontroversen, die während der Epidemie in Umlauf gekommen sind, haben uns außerdem bewusst gemacht, dass viele Werte, die wir eigentlich für selbstverständlich hielten – Gewissen, Gerechtigkeit, ethisches Verhalten, Urteilsvermögen, Güte, Mitgefühl, Gleichberechtigung sowie Fürsorge und Respekt für das Leben eines jeden, also all das, was den Menschen zum Menschen macht – nicht selbstverständlich sind, sondern dass man dafür kämpfen und diese Werte schützen muss.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Inzwischen hat sich die Epidemie auf der ganzen Welt ausgebreitet und wird kaum in absehbarer Zeit vorüber sein. Ausstellungen, Messen, Podiumsdiskussionen und alle möglichen anderen Veranstaltungen sind abgesagt; in Kunstkreisen sind Themen, die zuvor noch heiß diskutiert wurden, nicht mehr existent. Es ist, als befinde sich die ganze Welt im Stopp-Modus. So wie sich die Lage heute darstellt, gibt es keinen spürbaren Anlass zur Hoffnung. Auch wenn der Betrieb bald wieder aufgenommen werden kann, wird die Welt nicht so leicht in dieselbe Gangart zurückfinden wie vor der Epidemie. Dennoch freuen wir uns natürlich sehr darauf, wenn alles wieder neu beginnen kann.

Was ist Ihre persönliche Strategie, damit umzugehen?

Während der Isolation zuhause haben wir zum einen versucht, die normalen Arbeits- und Lerngewohnheiten aufrechtzuerhalten, zum anderen aber auch die freie Zeit genutzt, um unsere Bücher zu ordnen, ein paar Möbel zu erneuern und mit dem Kind einen Lernplan auszuarbeiten. Im März haben wir dann alle drei ein Angebot angenommen, Beiträge für e-flux conversations zu schreiben. In dem Projekt Letters Against Separation, das sich vom Dekameron inspirieren ließ, haben wir zusammen mit anderen eingeladenen Künstlern und Intellektuellen aus verschiedenen Zentren der Pandemie insgesamt zehn Beiträge verfasst, die auf der Internetplattform von e-flux veröffentlicht wurden. Damit wollten wir unsere Erfahrungen und Empfindungen in dieser besonderen Zeit mit anderen Künstlerkollegen teilen und auch erfahren, was Menschen anderswo in der Welt erleben und wie sie darüber denken.

Wir haben diese Zeit ja nicht in Wuhan verbracht, wo es am gefährlichsten war, und so wurde uns die ganze Angst und Verzweiflung eigentlich nur über die Medien vermittelt. In gewisser Hinsicht haben wir zu allem, was sich im Laufe dieser Epidemie ereignet hat, eine Art empathische Beziehung entwickelt. Als sich die Lage in Wuhan zuspitzte, waren wir emotional stark involviert. Wir fühlten die ganze Trauer, Ohnmacht und Wut, und wir haben viele Tränen vergossen. Gleichzeitig fanden wir in der Familie einen ganz neuen Modus des Zusammenseins. Wir haben einander unsere Herzen geöffnet, Gefühle und Gedanken ausgetauscht, uns gegenseitig Mut gemacht und uns bemüht, mit gutem Beispiel voranzugehen, uns gegenseitig unter die Arme zu greifen. Wir werden diese wertvolle Zeit sehr zu schätzen wissen.

 

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