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Berlin
Friederike Meyer & Doris Kleilein, Architektinnen

Noch ist nicht entschieden, ob die Krise zum Aufbrechen oder zur Verhärtung alter Systeme führen wird. Während wir uns über Pop-Up-Radwege und zum Spielen gesperrte Straßen freuen, will die Autolobby eine Abwrackprämie einführen, will der Staat die Lufthansa retten – ohne weitere Umweltauflagen. Werden die Fehler, die nach der Finanzkrise 2008 gemacht wurden, jetzt wiederholt?

Von Friederike Meyer und Doris Kleilein

Friederike Meyer und Doris Kleilein aus Berlin © Friederike Meyer & Doris Kleilein

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Seit Wochen bewegen wir uns in einer großen, unfreiwilligen Versuchsanordnung zur Zukunft der Stadt. Auch wenn es anstrengend ist, in der Wohnung zu arbeiten und gleichzeitig Kinder zu erziehen – quasi über Nacht ist eingetreten, wovon man als Bewohner des Berliner Zentrums sonst nur träumen konnte: Plätze ohne Touristen, Straßen ohne Autos, Nachbarschaften ohne Lärm. Die Krise brachte Raum und Luft zum Atmen. Es fühlte sich an wie ein nicht enden wollender autofreier Sonntag – ein utopischer Moment, ein Zustand, für den Umweltinitiativen seit den 1970er ­Jahren kämpfen. Die Ruhe, die wir im April in Berlin erlebt haben, lässt sich in Zahlen ausdrücken: 54 Prozent weniger Autoverkehr und 95 Prozent weniger Flugpassagiere. Seit Anfang Mai lebt die Stadt langsam wieder auf. Geschäfte, Museen und Restaurants öffnen, Kinder kehren auf die Spielplätze zurück, die Straßen werden voller. Doch die große Frage bleibt: Wollen wir zu 100 Prozent wieder die Normalität vor Corona?

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Die Pandemie ist ein Weckruf: Worauf wollen wir noch warten, bevor wir beginnen, anders zu leben und zu wirtschaften? Noch ist nicht entschieden, ob die Krise zum Aufbrechen oder zur Verhärtung alter Systeme führen wird. Während wir uns über Pop-Up-Radwege und zum Spielen gesperrte Straßen freuen, will die Autolobby eine Abwrackprämie einführen, will der Staat die Lufthansa retten – ohne weitere Umweltauflagen. Werden die Fehler, die nach der Finanzkrise 2008 gemacht wurden, jetzt wiederholt?

Eine der größten Bedrohungen für das städtische Leben ist das Verschwinden der kleinen Läden, Theater, Clubs, Kinos und Restaurants. Finanzhilfen müssen langfristig bei Kleinunternehmen und Kulturschaffenden ankommen, sonst droht Städten die nächste Welle der Kommerzialisierung und Globalisierung. Wenn es Kaffee nur noch bei Starbucks gibt und zum Übernachten nur internationale Hotelketten bleiben, wenn Theater nur noch auf großen Bühnen spielt und die Clubszene weiter schrumpft, werden Städte noch austauschbarer.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Allen Untergangsszenarien zum Trotz: Die kollektive Erfahrung, dass sich das Leben plötzlich grundlegend verändern kann, dass Zustände eben nicht „alternativlos“ und soziale Ungerechtigkeiten nicht zementiert sein müssen, könnte noch eine Weile nachhallen und soziale Bewegungen wie Fridays for Future oder Initiativen zum Grundeinkommen stärken. Die Krise könnte alten Debatten neuen Schwung verleihen: Es gibt sie bereits, die Konzepte für klimafreundliche Mobilität und regionale Wirtschaftskreisläufe, für urbane Landwirtschaft und neue Wohn- und Arbeitsmodelle, für eine neue Bodenpolitik der öffentlichen Hand  – wir müssen sie nur endlich ernstnehmen, weiterentwickeln, umsetzen. Was ist Gemeinwohl? Wie wird eine Stadt resilient? Wie wollen wir leben? Diese Fragen stellen sich in der Krise neu, und vielleicht auch immer größeren Teilen der Gesellschaft.

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