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Amman
Ala Younis, Künstlerin, Kuratorin und Verlegerin

Die Krankheit könnte in jeder*m von uns stecken. Wir sind es, die über die Türen wachen, auch wenn wir gleichzeitig beschränkte Wesen sind: mit unserer gefährdeten Existenz, unseren Jobs in der Warteschleife, unserer Hoffnung auf kleine Einnahmen – ganz gleich, woher sie kommen.

Von Ala Younis

Ala Younis © Raul Dolbaldo

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Ich denke darüber nach, wie sich die Wochen der Ausgangssperre in den Situationen widerspiegeln könnten, die ich für mein Werk Drachmas (2018) nachgestellt habe. In diesem Werk habe ich mich von Studiosets für Fernsehproduktionen inspirieren lassen, um die Entwicklung des arabischen Fernsehdramas im Vorabendprogramm und das dramatische Wechselspiel zwischen Schauspieler*innen und Ereignissen nachzuzeichnen, das zu einer Verschiebung der Zentren der kulturellen Produktion und der politischen Macht beitrug. Die Fernsehdramen, mit denen ich mich dafür beschäftigte, wurden von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre ausschließlich in Studios produziert. Dabei kamen gemalte Wandkulissen für die Innen- und Außensets, Requisiten, Masken und Make-up für die Schauspieler*innen und Dialogskripte zum Einsatz.
Drachmas Drachmas | © Ala Younis
Mich interessierte, wie beispielsweise eine Szene, in der sich ein Paar in der Wüste durch das trockene Gebüsch schleicht, für die Zuschauer*innen überzeugend im Studio nachgestellt werden konnte. Als Ergebnis meiner Forschungen wollte ich nicht die einzelnen Szenen präsentieren, sondern mit Hilfe von 3-D-Reproduktionen darstellen, wie Drehs von Innen- und Außenaufnahmen im Studio unsere Kultur geprägt haben. Große Filmteams hatten dadurch Gelegenheit, in Studios an verschiedenen Orten wie Beirut, Amman, Bagdad, Kairo, Athen, Kuwait und Adschman zu arbeiten. Diese inszenierten Räume erinnern mich heute zum einen an die Reisen, die wir vor der Pandemie zu Kunstveranstaltungen und zu Recherchezwecken unternahmen, und zum anderen daran, wie wir diese Welten nun durch Online-Inszenierungen ersetzen, die unser Zuhause und jeder andere Ort sein könnten.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Das Werk ist persönlich, da mein Onkel ein berühmter Schauspieler war. Diese Tatsache hat mich beim Ansehen von Serien immer abgelenkt, weil ich darüber nachdenken musste, wie die Szenen gemacht wurden. Ab einem gewissen Punkt wurde es sehr ärgerlich, weil ich mich nicht mehr auf die nachgestellten Szenen einlassen beziehungsweise sie nicht ernst nehmen konnte. Doch der Einfluss des Schauspiels fasziniert mich noch immer. Als Kind reiste ich 1986 mit meiner Familie nach Athen. Wir wohnten im Hotel President, wo ich erfuhr, dass zahlreiche arabische Schauspieler*innen wegen der günstigen Farbfernsehstudios in Griechenland ebenfalls dort logierten. Außerdem erinnere ich mich daran, dass wir auf dieser Reise wegen der massiven Entwertung der griechischen Währung für alle Dinge, die wir kauften, Millionen von Drachmen zahlen mussten.

Meines Erachtens lässt sich hier eine Parallele zu den Folgen der Pandemie erkennen. Vielleicht entwickelten sich durch die langen Ausgangssperren interessante kulturelle Beziehungen und die Welt ist (auf gewisse Weise) näher zusammengerückt. Doch gleichzeitig war diese Zeit auch mit starken Belastungen für die Wirtschaft und die Geschäftswelt verbunden. In der ersten Phase der physischen Isolation boten kleine Geschäfte wie Lebensmittelläden oder Apotheken eine Entlastung als wichtige Verkaufsstellen, um mit geringen Gesundheits-Risiken Vorräte wieder aufzustocken. In Bäckereien und Apotheken wurden die Waren an der Ladentür überreicht. Die Krankheit könnte in jeder*m von uns stecken. Wir sind es, die über die Türen wachen, auch wenn wir gleichzeitig beschränkte Wesen sind: mit unserer gefährdeten Existenz, unseren Jobs in der Warteschleife, unserer Hoffnung auf kleine Einnahmen – ganz gleich, woher sie kommen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Die Mädchen in meiner Schule in Amman glaubten mir damals nicht, als ich ihnen von meinem Onkel erzählte, der Schauspieler war. Also gab er uns Schwestern eine Autogrammkarte, die er mit „Liebe Nichte“ begann. Als er im Sommer 2015 starb, konnte ich meine Karte nicht mehr finden, doch meine Schwester fand ihre. In einer 1986 in Bagdad produzierten Serie spielte er unter anderem die Rolle des palästinensischen Dichters Ibrahim Touqan. Dafür musste er sich Geheimratsecken rasieren. Touqans Gedicht Meine Heimat wurde im Irak nach 2003 als Nationalhymne eingeführt und bei vielen Gelegenheiten wieder aufgegriffen, beispielweise während der Revolution im Libanon in den Monaten vor der Pandemie. In dieser Situation macht es mir Hoffnung, dass wir über unsere persönlichen Erfahrungen erneut als gemeinsame Erfahrungen berichten und unsere Lernprozesse in diesen wie auch in anderen schwierigen Zeiten anpassen können.

Was ist Ihre persönliche Strategie, damit umzugehen?

Mit den Szenen, die ich für Drachmas gewählt habe, wollte ich zeigen, wie es außerdem möglich ist, mit Fernsehserien Kriegen oder Boykotts aus dem Weg zu gehen, das Budget trotz einer Geldentwertung niedrig zu halten und in Zeiten ständiger politischer Notlagen dennoch große Popularität zu erlangen. Um den Zuschauer*innen diese Themen zu verdeutlichen, baute ich mehr als 40 Miniaturmodelle zu Szenen aus bekannten Fernsehdramen. Für die Modelle wählte ich einen klinischen Look – mit weißen Farben und vereinfachten Darstellungen – und kaufte Hunderte von Miniaturfiguren (von denen ich allerdings nicht alle verwendete), die ich in die Szenen integrierte. Mein Ziel war es, unsere Bezüge zu bestimmten sozialen, politischen, kulturellen und geografischen Referenzen zu verdeutlichen und zugleich das Studio als einen Ort bescheidener Mittel, aber hoher Produktivität zu zeigen.

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