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Tokyo
Mami Kataoka, Museumsdirektorin

Wir müssen nach einer neuen Form der Ökologie suchen, die das Wesentliche des menschlichen Lebens erhalten kann. Währenddessen müssen wir uns immer vorstellen, dass COVID-19 vielleicht der Beginn einer noch größeren Krise ist. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf langfristige Sicht gemeinsam darüber nachzudenken, wie eine nachhaltige menschliche Gesellschaft beschaffen sein sollte.

Von Mami Kataoka

Mami Kataoka © Akinori Ito

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in ihrem Land?

Die Zahl der mit dem neuen Coronavirus infizierten Menschen erreichte in Japan im April ihren Höhepunkt und ist inzwischen rückläufig, woraufhin der nationale Notstand bis auf wenige Ausnahmen weitgehend aufgehoben worden ist. Nun beginnt eine Phase, in der wir uns auf die Suche nach neuen Formen des Alltagslebens machen. Neulich habe ich mir eine Selbstreinigungsaktion unseres Planeten vorgestellt. Ich imaginierte, wie der lebendige Organismus unserer Erde – eingehüllt in die verschmutzte Atmosphäre und inmitten von Extremwetterlagen und Klimawandel - einen Entgiftungsprozess durchläuft, bei dem er überschüssiges Fett und Giftstoffe abstößt.
 
Hier im Land dauert eine ambivalente Situation an, so als ob man mit Baumwolle stranguliert wird, oder auf dünnem Eis geht. Es gab keinen harten Lockdown der Regierung, sondern die Devise lautet Selbstbeschränkung – eine Agenda, die auf individuelle Entscheidungen setzt. Auf diese Weise wird auf die Probe gestellt, wie weit man das Virus durch den kollektiven Willen und das ethische Bewusstsein der Bürger*innen eindämmen kann. Diese Situation wird in unterschiedlichem Ausmaß noch eine Weile fortdauern.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Seit 2000 haben wir weltweit Wellen von Infektionskrankheiten wie SARS, MERS, Influenza und das Zika-Virus erlebt. Die Infektionen mit dem neuen Coronavirus haben sich zu einer globalen Pandemie ausgeweitet - dabei wird darauf hingewiesen, dass solche Epidemien auch in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ausbrechen werden. Vielfach wurde auch konstatiert, dass die schneller als erwartet voranschreitende globale Erwärmung und der Klimawandel Auslöser solcher Krisen sind. Langfristig gesehen ist klar, dass die internationale Gemeinschaft dringend gemeinsam die gewaltige Herausforderung des Klimawandels angehen muss, die Sustainable Development Goals sollten wir nicht erst 2030 erreichen. Ebenso wenig sollten wir COVID-19 politisieren.
 
In Zukunft werden fundamentale Anstrengungen zur Re-stabilisierung der Weltwirtschaft sowie zur Unterstützung der sozial Schwachen in der Gesellschaft erforderlich sein. Dabei ist es unerlässlich, die neoliberale Wirtschaft, die die Kluft zwischen Arm und Reich aufgebläht hat, und die blinde Bejahung der Globalisierung kritisch zu überdenken. Die Führer*innen der internationalen Gemeinschaft stehen in der Verantwortung, Wege hin zu einer reifen Gesellschaft zu bahnen, die nicht nur auf simples Wachstum ausgerichtet ist, sondern Wohlbefinden und Sicherheit einen hohen Stellenwert einräumt. Essenziell wird auch sein, den alten Weisheiten von u.a. indigenen Völkern zu lauschen, die vor Tausenden oder Zehntausenden von Jahren in einer Zeit ohne Technologie und globale Wirtschaft überlebten. Zuallererst müssen wir nach einer neuen Form der Ökologie suchen, die das Wesentliche des menschlichen Lebens erhalten kann. Währenddessen müssen wir uns immer vorstellen, dass COVID-19 vielleicht der Beginn einer noch größeren Krise ist. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf langfristige Sicht gemeinsam darüber nachzudenken, wie eine nachhaltige menschliche Gesellschaft beschaffen sein sollte.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Dass die aufgeblähte globale Wirtschaft, die neoliberale Wirtschaft temporär zum Stillstand gekommen ist, dieser Vorgang an sich gibt mir "Hoffnung". Das Virus hat etwas erreicht, was keine politische Macht und kein Reichtum hätten vollbringen können. Es gibt mir Hoffnung, dass wir die Chance bekommen haben, aufs Neue darüber nachzudenken, was für die menschliche Gesellschaft und für die Zukunft des Planeten wirklich wesentlich ist.
 
In der Welt der zeitgenössischen Kunst expandiert der globale Kunstmarkt seit den späten 2000er-Jahren, so dass selbst führende Museen der Welt Schwierigkeiten haben, mit ihrem regulären Budget Werke anzukaufen, die für die Nachwelt bewahrt werden sollten. Museen haben sich in ihrem Geschäftsmodell von touristischem Kapital und Blockbustern abhängig gemacht, wobei die Funktion des Museums als Ort für philosophische Reflexion der Bedeutung der menschlichen Existenz, des Lebens, sowie Zeit und Raum in den Hintergrund getreten ist.
 
Wenn wir heute das Wesen der Kunst befragen und überlegen, was sie zu den globalen Herausforderungen des Klimawandels und der Nachhaltigkeit beitragen kann, und uns durch ein neues Nachdenken über die Bedeutung von Museen der Frage nähern, wie die Kunstwelt als solche beschaffen sein sollte, sollten wir zwischen lokalen und globalen Perspektiven hin- und her wechseln. In diesem Prozess können wir Hoffnung finden.

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