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Kalkutta
Naveen Kishore, Fotograf, Verleger und Lichtdesigner

Die Lockdowns sind zweifellos eine Übung für autoritäre Regimes, um ein Stimmungsbarometer für die Zeit einzuholen, in der sich die Situation wieder als „normal“ bezeichnen lässt. Ein Labor in Krisenzeiten, das immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ist, Bürger*innen in die Lage von Bittsteller*innen zu drängen. Bürger*innen als immerzu bettelnde Untertanen. Man herrscht durch Angst. Durch Zwang.

Von Naveen Kishore

Naveen Kishore © Sunandini Banerjee Wir befinden uns mitten in der Krise. Persönlich. Gemeinsam. So ist meine Natur. Niemals nur für mich allein. Die Unruhe. Die Vorahnung. Ein „Bruch“, den andere – meine Kolleg*innen, Familie, Freund*innen, Autor*innen, Übersetzer*innen, Buchverkäufer*innen - bemerken müssen. Dies ist der greifbare Teil. Er überträgt sich nicht in Angst, die andere ansteckt. Ist sachlich wie das Äußere. Gibt sich gar als Ruhe aus. Doch das Innere erfordert immerzu unbedingte Wachsamkeit. Ein klares Bewusstsein, dass wir überleben müssen. Immer „wir“. Vielleicht sollte angemerkt werden, dass es hier keine Schubladen gibt. Alles Erwähnte und manches Unerwähnte sind Emotionen, die man durchlebt. Die wichtigste ist die Trauer. Das Gefühl des Verlusts.

Diese Gedanken beschäftigen mich im Moment. Unergründet bis auf diesen verletzlichen Moment des Mitteilens, in dem ich mich gerade schreibend damit auseinandersetze. Es ist auch möglich, dass ich hier keine weltbewegende lebensverändernde Wahrheit ergründe. Es ist. Was es ist. Ein Gedanke, der sich im erbarmungslosen Strahl eines hellen Lichts seinen Weg in die Welt bahnt? Womöglich.

Die Sache ist die, dass die Phrase „das Leben ist kurz“ häufig verwendet wird, ohne wirklich das Ausmaß des Lebens zu kennen, bevor man dieses Urteil als Wahrheit verkündet. Als Tatsache. Als Bestätigung einer Vorstellung von der „Kürze“ des Lebens. Ich setze mich vermehrt mit der Möglichkeit auseinander, dass das Leben keines von beidem ist. Weder kurz. Noch unnötig lang. Es ist, was es ist. Und wir lernen, es zu leben. Oder vielmehr, das Leben lebt uns. Und in unserer Befangenheit oder womöglich gar Angst vor dem Leben finden wir uns damit ab, täglich in einen Tod zu eilen, der uns bequemerweise von nichts Geringerem prophezeit wird als dem – Leben.

Unsere „Befangenheit“ und unsere „Angst“ sind gar nicht wirklich befangen. Oder ängstlich. Das Leben ständig in Frage zu stellen. Auf verschiedene Arten. Ihm wieder und wieder Fragen zu stellen. Und das Leben? Das Leben ist in keinerlei Weise zu einer Antwort verpflichtet. Es sei denn, man betrachtet das fortgesetzte Schweigen als Antwort. Oder. Als schlechte Übersetzung.


Vielleicht bietet die Poesie, wenn nicht eine Antwort, dann doch eine Möglichkeit:
 
diese trauer in ihren imaginären, aber machtlosen formen,
wie ein aus der steckdose gezogener stecker
durch kurzschlüsse geblendet und mit geschwärzten fingern,
dieses abgerundete trauern
wie träume, die zu lichtflecken zurückkehren, gefangen
in den schatten, in den ecken sammelt sich der staub
möglicher geständnisse, die wir nicht machten
kreise richten sich kantig gegen das abnehmende licht, ihre arme
in erwartung eines kampfes, der schon verloren war,
bevor es begann
 
Trauer. Vergleichbar mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Vielleicht eines Elternteils. Für einige uns von womöglich auch eine Art „vorgezogener Trauer“? Als wenn man nicht weiß, ob ein vertrauter Mensch sterben wird. Trauer um mich selbst? Das auch. Wie bei dem Gefühl von „schlechtem Timing“, weil es noch immer viel zu tun gibt. Trauer um andere, damit sie auf die von uns gewünschte Weise überleben. Eine unerledigte Aufgabe also. Das ist nichts Besonderes. Normal in diesen Zeiten. Ein Gefühl, dass wir Dinge wieder in Ordnung bringen müssen, wenn all dies vorüber ist. Natürlich ein Zeitpunkt, den wir als wichtigen Wendepunkt für uns alle in einer Welt betrachten, die zusammengerückt ist. „Normal“ ist so eine Sache. Auch ein Zurück gibt es nicht. Wohin dies auch führen mag, man wird es als das „Normale“ oder sogar das „neue Normale“ bezeichnen, aber wird es das sein? Normal? Nicht sicher, ob wir es wissen. Ich weiß es nicht. Wenn man noch einmal darüber nachdenkt, was das uns bisher bekannte Normale ausmacht: Die Realität der so genannten Partnerschaften zwischen Wirtschaft und Staat, die das „Private“ bevorzugen; die anhaltende Privatisierung von Institutionen, die für den demissionierten Wohlfahrtsstaat in die Bresche hätten springen können. Konzerne müssen Profit machen. Es gibt keine humanitäre Hilfe ohne Bedingungen. Nicht einmal zwischen Geber- und Nehmerländern. Es ist also nicht sicher, ob wir zu diesem „Normalen“ zurückkehren wollen. Die Streichung der Gesundheitsvorsorge von den Prioritätenlisten der Regierung; Mittel für die Kriegsbereitschaft kontra finanzielle Engpässe in der medizinischen Versorgung – das alles ist bekannt, ich muss es nicht wiederholen. Es ist eine traurige Ironie des Schicksals, dass die Menschen an vorderster Front, die um unsere vom Virus geplagten Leben kämpfen, schutzlos sind.
 
Die globale Solidarität scheint bisher vor allem bestimmt zu sein von einem instinktiven Mitgefühl einerseits und einer verzweifelten Suche der Regierung nach einer Lösung um jeden Preis andererseits, mit der man allen und jedem unter die Arme greifen kann. Dies ist womöglich nicht der richtige Rahmen, um eine solche Frage ausführlich zu behandeln! Doch ich möchte sagen, dass sich die bereits bestehenden Unsicherheiten des Lebens für eine große Mehrheit sogar noch verschärft haben.
 
In einem weiteren, universellen Sinne würde man sich so etwas gern wünschen. Es wird auch so kommen, doch womöglich nur in der Bevölkerung. Nicht unbedingt bei den Herrschenden. Auch nichts Neues. Man nehme den letzten Krieg als Beispiel. Die Aufteilung der Vorteile. Sobald wir in „Sicherheit“ sind, kehren wir zurück zum Feilschen, zum Vorteil, den wir gegenüber dem schwächeren „Anderen“ haben könnten. Wer weiß.
 
Die Kluft ist eine anhaltende und dauerhafte Realität, an der wir nichts ändern können. Nicht einmal in unseren kühnsten utopischen Träumen können wir uns eine Zeit vorstellen, in der sich die Kluft zwischen Arm und Reich jemals verkleinert. Wir dürfen die Unterstützung sowohl in Zeiten der Krise als auch in Zeiten ihres genauen Gegenteils durch einzelne „reiche“ Menschen oder Institutionen oder sogar Konzerne und Regierungen nicht miteinander verwechseln. Dies sind zwar hoffnungsvolle Beispiele, doch keineswegs Vorboten für eine mögliche neue humanitäre Weltordnung. Ich würde mich eher auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Was ist es, das wir tun können, um zu helfen. Punkt. Als Einzelne oder bei unserem Verlag  Seagull vertreten wir mit unserem instinktiven Zusammenhalt die persönliche Philosophie, dass wir unsere Hand ausstrecken und das Wenige, das wir haben, miteinander teilen. Ohne darüber nachzudenken, dass uns dies eher früher als später in die Knie zwingen wird. Dies lässt der politische Wille um uns herum vermissen. Zumindest im indischen Kontext.
 
Die Lockdowns sind zweifellos eine Übung für autoritäre Regimes, um ein Stimmungsbarometer für die Zeit einzuholen, in der sich die Situation wieder als „normal“ bezeichnen lässt. Ein Labor in Krisenzeiten, das immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ist, Bürger*innen in die Lage von Bittsteller*innen zu drängen. Bürger*innen als immerzu bettelnde Untertanen. Man herrscht durch Angst. Durch Zwang.
 
Wir sind zuversichtlich. Das wäre wunderbar. Doch in den Augen unserer politischen Machthaber nicht dienlich.

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