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Posen
Przemysław Czapliński, Historiker, Übersetzer, Literaturkritiker

Wir haben unsere Fähigkeit ausgetestet, Zeit in sozialer Isolation oder mit wenigen anderen Menschen zu verbringen und einander zu helfen. Wir haben gelernt, eigenständiger zu leben. Diese Erfahrung hat eine tiefere Bedeutung. Unser Rückzug aus den Geschäften und die Reduzierung der Zeit, die wir am Arbeitsplatz verbringen, können sich als eine starke treibende Kraft erweisen. Unsere Abwesenheit ist eine Form der Einflussnahme.

Von Przemyslaw Czapliński

Przemyslaw Czapliński © Dominik Zylowski

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in ihrem Land?

Ich ging Ende März, im dritten Monat der Pandemie, durch Posen. In dieser Stadt, die über eine halbe Million Einwohner hat, die mitten zwischen Berlin und Warschau liegt und die von ihrer Größe her vergleichbar mit Dublin, Genua oder Dresden ist, herrschte eine melancholische Leere. Ich ging durch die Straßen, und die Wirklichkeit erschien mir seltsam unwirklich. Ich ging an geschlossenen Kindergärten, Schulen, Theatern, Museen, Restaurants und Zahnarztpraxen vorüber. Eine lebendige Stadt ist immer eher ein Prozess als eine Struktur. Diese Stadt war nur noch eine Struktur.

Auf der Hauptstraße, die auch traurigerweise als Posener Wall Street bezeichnet wird und auf der es mehr Banken gibt als Drohungen in Donald Trumps Monologen, brachte mich etwas dazu, stehenzubleiben. Die Banken hatten geöffnet. Ich betrat eine. Am Eingang stand ein Wachmann, der streng darauf achtete, dass die Kund*innen Schutzmasken trugen und sich die Hände desinfizierten. Und darauf, dass sich nicht mehr Kund*innen als erlaubt gleichzeitig in der Bank aufhielten. Der Wachmann zählte die Menschen, die Kassierer*innen zählten das Geld. Alles passte zusammen.
Und gleichzeitig passte nichts zusammen. Die Schulen und Arztpraxen waren geschlossen, die Banken hatten geöffnet. Meine erste Verwunderung löste sich schnell in der traurigen Erkenntnis auf, dass wir zwar einen freien Markt haben, aber keine freie Welt – und dass der Kapitalismus innerhalb dieses Marktes einen exterritorialen und extemporalen Geldumlauf darstellt, der von Corona-Schutzvorschriften nicht betroffen ist. Doch dann kam mir ein zweiter Gedanke: Ich wunderte mich, dass ich mich überhaupt über die geöffneten Banken gewundert hatte. Plötzlich wurde mir klar, dass ich mein bisheriges Weltbild erblickt hatte. Ich sah den Unterschied.

Aus diesem Grund denke ich, dass Augen das Sinnbild dieser Pandemie sein sollten. Augen über einer Maske, die Mund und Nase bedeckt. Unverhüllte, offene, verwunderte Augen. Augen, die endlich sehen können. Oder vielmehr: Augen, die nicht mehr nicht sehen können.
 
Die Pandemie hat unsere Wirklichkeit auf links gedreht, sie hat die Nähte nach außen gestülpt. Vor der Corona-Krise waren Arbeit und Konsum die beiden Grunddimensionen unseres Daseins. Die Pandemie hat uns gezeigt, wie sehr wir die Zeit reduzieren können, die wir an unserem Arbeitsplatz oder in Geschäften verbringen. Hätte jemand von einem fremden Planeten unseren Kontinent zwischen Januar und Mai 2020 beobachtet, wäre er zu dem Schluss gekommen, dass unsere Arbeits- und Einkaufsgewohnheiten eine kulturelle Obsession darstellen. Der Bericht an seine Heimatzivilisation würde in etwa lauten: „Die Menschen in Europa leiden – als Folge ihrer Erziehung und Sozialisation – unter dem zwanghaften Drang, wenig produktive Arbeiten zu verrichten und unnütze Dinge zu kaufen. Aus Sorge um die Volksgesundheit beschlossen die Regierungen, weitreichende Ausgangssperren zu verhängen. Auf diese Weise konnten die Menschen von ihren Zwangsstörungen geheilt werden.“
 
Die Pandemie hat uns eine Lektion erteilt. Im Verlauf der letzten Monate konnten wir uns aber und abermals davon überzeugen, dass wir die meisten Dinge, die wir brauchen, bereits besitzen, und dass wir die meisten Dinge, die wir nicht besitzen, im Grunde auch nicht brauchen. Und wir haben endlich unsere Mitmenschen erblickt – aus nächster Nähe, von Auge zu Auge, von Angesicht zu Angesicht. Selbstverständlich haben wir sie auch zuvor schon Millionen Male gesehen, doch die aktuelle Situation hat uns gelehrt, sie nicht nur als eine humane Beigabe zu unserem Arbeitsleben oder unseren Wochenendvergnügungen zu betrachten, sondern als Inhalt unseres Lebens. Die Proportionen haben sich umgekehrt: Die Kunst, Zeit mit sich selbst zu verbringen, hat sich als wichtiger und schwieriger erwiesen als die Kunst, Geld zu verdienen. Wir haben gelernt, das Pflegen von Freundschaften als Bereicherung und Stärkung der Familie zu begreifen und nachbarschaftliche Beziehungen als ein gelebtes Miteinander zu verstehen.
 
Selbstverständlich ist all das unter Zwang geschehen. Unter einem Zwang, in dessen Rahmen 300 000 Infizierte gestorben sind, Hunderttausende ihren Arbeitsplatz oder ihre Ersparnisse verloren haben, und Millionen Menschen vom Gesundheitssystem abgeschnitten wurden. Doch gleichzeitig hat uns gerade dieser Kontrast zwischen den positiven und negativen Folgen der Pandemie vor Augen geführt, wie unsere Welt aussehen könnte und sollte. Darin liegt ein grausames Paradoxon: Eine globale Krankheit hat uns Lebensbedingungen aufgezwungen, die günstiger für uns sind, als die, die wir uns selbst geschaffen haben. Sie hat uns mit dem Virus der Gesundheit infiziert, uns den Weg der Erlösung gewiesen. Sie hat uns bewusst gemacht, welch große – der Krankheit ähnliche und gleichzeitig völlig unterschiedliche – Kraft wir benötigen, um unser Leben zurückzugewinnen. Diese Kraft sollte eine andere Kraft sein als die der Pandemie, denn sie soll nicht tödlich sein. Sie sollte ihr jedoch insofern gleichen, als sie einen schnellen und unmittelbaren Wandel herbeiführt.
 
Verfügen wir über diese Kraft?

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Ivan Krastev hat in seinem Artikel Sieben Schlüsse aus der Coronavirus-Krise sehr präzise einige kurzfristige Folgen der Pandemie aufgezählt. Er prognostiziert, dass die Corona-Krise den Staat auf ganzer Linie zurückbringen, den Nationalismus verstärken und die Attraktivität von auf Big Data basierendem Autoritarismus steigern wird.
 
Michel Houellebecq sieht die Entwicklung noch etwas kritischer. In einem Brief an den Radiosender France Inter schrieb er: „Ich glaube keine halbe Sekunde an Aussagen wie »Nichts wird je mehr sein wie zuvor«.“ Seiner Meinung nach beschleunigt die durch die Pandemie erzwungene Telearbeit die technologischen Prozesse, die zur Vereinsamung der Gesellschaft beitragen. Und auch im Alltag bietet uns die Pandemie einen großartigen Vorwand, uns noch weiter von anderen Menschen zu entfernen. Houellebecqs Fazit lautet: „Wir werden nach der Eindämmung nicht in einer neuen Welt aufwachen; es wird die gleiche sein, nur ein wenig schlimmer.“
 
Was können wir diesen Diagnosen entgegensetzen? Denn wir werden niemanden umarmen, von dem wir annehmen, dass er infiziert ist. Wir werden auch kaum gegen undemokratische Maßnahmen protestieren, wenn wir der Meinung sind, die Demokratie sei nicht stark genug, um zukünftigen Epidemien entgegenzutreten. Die Angst führt zu einem Zerfall der Gesellschaft und zu einer Agonie der Demokratie. Die Pandemie macht uns zu Einzelgänger*innen und zu Kollaborateur*innen des Autoritarismus.
 
Doch vielleicht liegt gerade in dieser Einsamkeit und dieser Angst auch eine Chance. Schließlich haben wir in den vergangenen Monaten eine unerhört wichtige gesellschaftliche Erfahrung gemacht: Wir haben unsere Fähigkeit ausgetestet, Zeit in sozialer Isolation oder mit wenigen anderen Menschen zu verbringen und einander zu helfen. Wir haben gelernt, eigenständiger zu leben.
 
Diese Erfahrung hat eine tiefere Bedeutung. Unser Rückzug aus den Geschäften und die Reduzierung der Zeit, die wir am Arbeitsplatz verbringen, können sich als eine starke treibende Kraft erweisen. Unsere Abwesenheit ist eine Form der Einflussnahme. Bisher hatten wir, wenn unsere Regierungen es wieder einmal zu weit trieben – sei es hinsichtlich der Einschränkung von Bürgerrechten, sei es hinsichtlich der Ausbeutung der Umwelt –, die Möglichkeit, auf die Straße zu gehen, um unseren Protest zu artikulieren. Jetzt haben wir die Möglichkeit, nicht auf die Straße zu gehen. Wir haben die Möglichkeit, zu Hause zu bleiben. Wir wissen jetzt, dass wir diese Möglichkeit haben. Wir haben gelernt, dass wir auch dann zusammen sein können, wenn wir allein zu Hause sind.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Meine Hoffnung ist gering. Sie basiert allein auf der Überzeugung, dass wir nicht zur Normalität zurückkehren werden.
 
Wenn ich in polnischen, deutschen, englischen oder französischen Zeitungen die Frage lese, wann und unter welchen Bedingungen wir wieder zur Normalität zurückkehren werden, mache ich mir ernsthaft Sorgen. Wir sollten nicht an eine Rückkehr denken und auch nicht darauf hinarbeiten. Wir können nicht in die Zeit „davor“ zurückkehren, denn niemand kann die Hunderttausende von Toten ins Leben zurückrufen, all die von der Corona-Krise betroffenen kleinen Unternehmen wieder aufbauen und den Menschen ihre verlorenen Ersparnisse zurückgeben. Selbst wenn es uns gelingen sollte, unser Leben vor der Pandemie einigermaßen wiederherzustellen, wird es ein anderes Leben sein – ein von Tod, Mangel, Leere und Unsicherheit durchlöchertes Leben.
 
Doch eine Rückkehr zur Normalität ist nicht nur nicht möglich. Sie ist auch nicht erwünscht. Denn die Zeit vor der Pandemie war keine Normalität. Sie war eine Abnormalität. Wo liegt denn der Ursprung des Virus? In einem Bestandteil unserer Normalität, nämlich in einer Nahrungskette, in der der Mensch ganz oben steht und der Rest der Natur lediglich als ein Mittel der Akkumulation angesehen wird. Zu dieser Normalität gehören weiterhin die Rodung von Wäldern, die Zerstörung der Biodiversität und die Vergiftung der Erdatmosphäre – und auch die landwirtschaftlichen Großbetriebe, in denen weltweit jedes Jahr circa 70 Milliarden Tiere getötet werden. Was passiert mit all den Nebenprodukten der Massentierhaltung: all den Tierknochen, den Megatonnen von Fäkalien und dem Ammoniak, das aus den Güllebecken in die Atmosphäre entweicht?
 
„Alles Ständische und Stehende verdampft“, besagt eine denkwürdige, tausendfach zitierte und bis zur Unkenntlichkeit banalisierte Maxime von Karl Marx. Falls wir bisher geglaubt haben, dass „verdampfen“ gleichbedeutend sei mit „sich auflösen“, haben wir uns gründlich getäuscht. Es hätte uns schon lange klar sein müssen, doch vielleicht hat uns erst die Pandemie vor Augen geführt, wie dieser Satz in Wirklichkeit zu verstehen ist: „Alles Ständische und Stehende zerstäubt.“ Es löst sich nicht auf, sondern bleibt erhalten. In der Luft, im Wasser, im Erdboden. Im Grunde sollte Marx' Maxime also lauten: „Alles, was in der Luft zerstäubt, bleibt erhalten.“ Das ist unsere Normalität.
 
Und aus eben dieser Normalität heraus entstanden in den letzten drei Jahrzehnten die folgenden Epidemien: die Rinderseuche BSE in den 1990er-Jahren, die Vogelgrippe 2003-2006, die SARS-Pandemie 2002/2003, die Schweinegrippe 2009/2010 und die Ebolafieber-Epidemie 2013-2016. Insgesamt forderten sie etwa eine Million Opfer. Alle diese Krankheiten wurden ursprünglich von Tieren übertragen. Ihre Übertragung auf den Menschen war eine Folge der zunehmenden Umweltzerstörung. Eine wissenschaftliche Untersuchung von zwölf Infektionskrankheiten – darunter das West-Nil-Fieber und die Borreliose – ergab, dass der Verlust der Biodiversität einen unmittelbaren Einfluss auf die Entstehung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten hat. Eingriffe des Menschen in die Umwelt schwächen die natürlichen Ökosysteme, und eben dies begünstigt die Ausbreitung von Pathogenen. Die Frage, die sich derzeit stellt, lautet also nicht, ob, sondern wann die nächste Epidemie über uns hereinbricht. Wenn wir an unserer bisherigen „Normalität“ festhalten, ist die Antwort ganz einfach: „Schon bald.“
 
Deshalb glaube ich, dass wir nicht auf eine Rückkehr zur Normalität hinarbeiten werden. Wir haben Wissen und Fähigkeiten erworben, die uns dabei helfen sollten, eine neue Normalität zu erschaffen. Uns bleibt die Hoffnung – eine Hoffnung die wir umso dringender benötigen, je unwahrscheinlicher sie erscheint.

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