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Richmond, Massachusetts und Karatschi
Asma Abbas, Professorin für Politikwissenschaft und Philosophie

Wenn wir unsere Erinnerung an die derzeitige Krise schon jetzt gestalten – anstatt auf den Sonnenuntergang zu warten –, dann bestimmen wir selbst, um wen wir trauern und wen wir zu Grabe tragen, welche Krisen-Appelle wir als Ruf zu welcher Ordnung erhören, welchen Fragen wir überhaupt unsere Aufmerksamkeit schenken, welche Ausgangspunkte wir nicht einmal mehr für einen kurzen Moment in Erwägung ziehen, wem wir eine Übergabe verweigern und ob unsere Gebete für die Toten eher ein Aufruf oder eine Beschwerde oder eine Aufforderung zum Kampf sein werden.

Von Asma Abbas

Asma Abbas © Noman Bhatti

Epi(demi)scher Verrat

Als die Pandemie an unsere Tür kam und sie leise von außen abschloss, und wir an die Fenster traten und dort stehenblieben, waren unsere Tränen und Kleider gerade erst von den regnerischen und kalten Vorwahlen des Super Tuesdays im Bauch des Imperiums getrocknet. All das Händewaschen schrubbte die (abwaschbare) Tätowierung des Wortes „Zukunft“ weg, das wir, dank der Sanders-Kampagne, zum allerersten Mal auf unseren Körpern erlaubt hatten – insbesondere im Namen jener Welt, die Amerika scheinbar nach Belieben rücksichtslos erbaut und zerstört – viele von uns normalerweise unfähig, Zukünftigkeit jenseits von Aufschub oder Tragödie zu denken. Die Pandemie und die Niederlage von Bernie scheinen am Hals aneinandergebunden und zerren an unserem. Zumindest sorgt das dafür, dass diese Katastrophe, die viele von uns das Leben kosten wird, niemals in die Kategorie „Natur“ eingereiht werden kann, nur um sie aus der Politik herauszuhalten. Oder der Erhabenheit des unbeschreiblichen und unbegrenzten Globalen zugewiesen wird, das eingebettet ist in die absurde, ahistorische ‚Allgemeinheit‘, einberufen von der Pandemos. Keine Liebesgöttin dieses Mal, sondern eine aerobe Terrorkönigin mit Krone.
 
In den letzten zwei Monaten, in denen ich an Fenstern stand oder saß, habe ich mir regelmäßig vorgestellt, wie ich als Kind an den einsamen, ruhigen Nachmittagen in unserer Straße in Karatschi (innen) von einem Balkon herabhing, die Arme über das Geländer gestreckt und gelangweilt herumrudernd, die Trance nur von den wohlbekannten Hausierern auf ihrer Runde unterbrochen, oder dem Pioniergeist der Kinder, die sich für ihr Cricket-Match vorbereiteten. Dieses Bild bricht die allzu zahme Lautlosigkeit dieser Zeit und dieses Ortes und erlaubt mir, jedes vorbeifahrende Auto oder jeden Jogger wahrzunehmen als irgendwie da für diejenigen von uns, die drinnen bleiben müssen (uns wird gesagt, dass jene dasselbe denken sollen). Gegenseitigkeit ohne direkte Anrede. Ich habe noch nicht verstanden, warum es Menschen leiser macht, zuhause zu sein – das wäre sicherlich nicht der Fall, wäre ich noch in Karatschi. Was ist die Phänomenologie des noch-nicht-symptomatischen Körpers – oder ist es die Phänomenologie einer gescheiterten Vorstellung von Obdach, Heimat oder Ort –, dass er sich zusammenrollt und sich weigert, den Raum auszufüllen? Oder er nimmt die Distanz so ernst, und hat in einer so nüchternen und atomisierten Gesellschaftlichkeit nie ein Format der Ansprache benötigt, dass er nicht einmal den Wunsch verspürt, ihr durch Stimme Ausdruck zu verleihen. Es ist ja nicht so, als wären wir evakuiert worden, oder in den Untergrund zum Graben geschickt, wie in Amir Zuabis oder Larissa Sansours Vorstellungen von Palästina. Heutzutage kann ein Polizeiauto, das an einer breiten, leeren Bergstraße geparkt ist, gleichzeitig ein Zeichen von Leben oder Tod in einer vertrauteren aber weniger sichtbaren Isolation sein, so wie ein Einkaufszentrum in einer neuen Stadt ein Gefühl des Miteinander-Lebens vermitteln kann, das die bloße Notwendigkeit vermeidet, einen Anderen anzusprechen – als wäre es eine Saftmischung aus Konzentrat, gleichwohl eingeschlossen oder erstarrt oder ausgetrocknet oder tot. Tote Arbeit und ihre Soldaten mit oder ohne Uniform haben ihren Reiz: Sie brauchen dich, vermitteln dir aber stattdessen das Gefühl, dass du sie brauchst, um die Abwesenheit einer Ansprache zu ersetzen, die diese Sozialität kennzeichnet. Die Arbeit starb schließlich nicht an natürlichen Ursachen. Ebenso wenig werden wir es tun. Lasst uns das nicht vergessen, besonders jetzt.
 
Noch vor wenigen Monaten, fast ein Leben her, erlebten wir die Sanders-Kampagne wie eine wahrhaftige Botschaft, eine Einladung, die endlich einmal nicht zu geschmacklos war, um sie anzunehmen. In verzweifelter Würde kamen Hunderte von Antworten unter diversen Kissen hervor, nur für diese eine Einladung. Eine sehr kurze, intensive Balz um die Zukunft war es, eine fast naive Freude an Möglichkeit, wenn man doch immer von Niederlage ausgeht. Die Fähigkeit, allem und nichts zu vertrauen, ist Teil derselben Geschichte, des Gefühls, dass es bereits zu spät ist – und dann, wenn man sich die Tränen abwischt: „Oh, bedeutet das, dass es zu Ende geht und wir von vorne anfangen können?" Um all dieser wartenden Notizen willens war es jetzt an der Zeit, Ja zu sagen. Internationalismus. Gesundheitswesen. Palästina. Kostenlose Bildung. Ja wirklich, sogar Würde. Unsere Gedanken und Handlungen haben Bedeutung, selbst wenn unser Leben keine hat. Nein zum Kapital und zur Kolonie. Ein Marx ohne seine Jungs, bitte. Lokale Probleme haben keine lokalen Lösungen. Heute Abend in Bernies Wagenkolonne fahren. Gewerkschaftsarbeiter*innen in Nevada haben’s drauf. Ich möchte eine Klasse über Institutionen und nicht über Tragödien unterrichten. Wow, schau, ich bin ein Teil davon, mit so vielen Leuten, die ich mag. Zur Hölle mit den Technokraten. Können wir jetzt, da sie eine durchsuchbare Datenbank mit allen Geständnissen haben, die wir abgeben mussten, bevor wir den Mund auftun, können wir damit weitermachen, eine neue Welt aufzubauen?
 
Seither wurden zahlreiche weitere Botschaften unter der Tür durchgeschoben. Verhülle dein Gesicht mit einem Tuch, mach‘ schnell ein Foto von der Nachricht, ohne sie zu berühren, zurück ans Fenster, befreie das Gesicht, öffne das Fenster einen Spalt, lies sie laut, oder sing sie, vielleicht kann es jemand hören? Jemand hätte es gehört, wenn das Karatschi wäre, und hätte dich auf dem Dach getroffen. Hier sind die Passwörter, falls ich krank werde. So werden wir die Quarantäne handhaben, wenn es soweit ist. Ich ertrage kein geschlossenes MRT, seit ich meinen Vater begraben habe. Sag ihnen, sie sollen mich betäuben, okay? Wie konnte Bernie nicht wissen, was zu tun ist? Wer sonst hätte wissen sollen, wie man das macht? Wie kommt es, dass Institutionen so gut wissen, wie man zerstört, sogar wenn sie nicht verstehen, was sie zerstören, oder tun sie das? Wie kann man Sozialisten vertrauen, die Klasse nicht verstehen aber das Wort ständig benutzen? Dreißig Millionen Arbeitslose hier. Ein Entlastungs-Scheck über 18 Dollar pro Monat für einen Tagelöhner in Pakistan. 16 ‚interne‘ Wanderarbeiter*innen in Indien von einem Zug überfahren. Das Virus in Gefängnissen. Das Virus in Abschiebungslagern. Das Virus im Weißen Haus. Die Pocken auf ihrer Welt. Ein pakistanischer Taxifahrer in New York City gründet ein Bestattungsunternehmen, hat jetzt 15 Begräbnisse pro Tag, an einem durchschnittlichen Tag. Särge mit Namen in schwarzem Filzstift. Waldgrün. Warum seid ihr alle so langweilig? Oh nein, Marx-Jungs lehren uns mal wieder die richtige Reihenfolge der Geschichte, und den richtigen Weg vorwärts, weil, ja, sie wissen offensichtlich Bescheid! Werden wir, okay, wann werden wir unser Heim verlieren? Sollte ich dich dauernd oder gar nicht küssen, während wir noch hier sind? COVID-überlebende welthistorische Freunde, jetzt sehr müde, aber werden ihre Antikörper eine Bedeutung haben? Warum glaubten wir beständig, dass „die Institution“ in einem Darwinistischen ökonomischen System arm sei? Wie hat uns das darauf vorbereitet, so nutzlose, leichtgläubige Untertan*innen zu werden, die tatsächlich glauben, dass unsere Regierungen kein Geld haben? Warum lachen wir ihnen nicht ins Gesicht, wenn Leute diese Dinge laut aussprechen? Ist es Teil einer ‚Strategie‘, diese Welt Faschisten und Kriegsverbrechern zu überlassen? Wir wissen, auf welche Welt wir warten, aber auf welche Welt warten die Menschen in Bunkern?
 
Wir senden die Nachrichten auf demselben Weg zurück, auf dem sie eintrafen. Am Ende jedes Tages kommt jemand, um sie einzusammeln. Man sagt, er verwahrt sie erst mal, damit wir unsere Kinder in Ruhe zuhause unterrichten können, und dieses Meisterwerk schreiben, oder jenes Brot ungestört backen können, bis die nächste Nachricht eintrifft. Armer Angelus Novus, die Tasche haltend zurückgelassen, wie immer. Wir werden auch alt, mit all diesem Machen und Sterben Lassen. Wir hören uns bald, und bekommen sie bald zurück, sage ich. Ich werde nicht vergessen, welche meine sind. Ihr habt genug von den sich türmenden Trümmern aus Körpern und Arbeitsplätzen, von zerschmetterten Hoffnungen und Krumen unbegründeten Glaubens, von streunerhaft zurückgebliebenen Bernie-Schildern, dem brummenden Summen eines NYC-Kühlwagens mit den mehrmals darin übernachtenden Toten, Straßenhändler*innen in Karatschi mit Masken, die niemand anfassen wird, leise verschwindende Autos und zu viel Stille, trotz all der Körper um deren Dasein ich immer noch weiß. Fühlt sich Besatzung so an, wenn der Feind ein Gesicht und eine Uniform hat und nicht die Art seiner Annäherung hinterfragt, in Kaschmir und im Gazastreifen? Schalte das Licht und den Ventilator an, schnell. Dunkle, ruhige Nächte auf dem Land sind schwierig, seit ich meinen Vater begraben habe.
 
 Um meinen Rahmen für diese Krise zu setzen, kann ich nicht anders, als in diesen Knoten einzutauchen, den der Pandemie und der politischen Vernichtung, aber auch des Ereignisraums der Migrantenfugen, die es unmöglich machen, Ort als Garanten des Seins zu verstehen. Ein Migrant oder eine Migrantin, die vielleicht an mehr als nur einem Ort als Arbeiter und Bürgerin gezählt werden, aber wahrscheinlich nie als Tote auch nur eines einzigen Ortes. In dieser partikulären, erzwungenen Ethik der Mehrdeutigkeit ist immer alles vorhanden und abwesend – und die winzige Gunst, ‚von Zuhause aus‘ zu arbeiten, besteht darin, unsere Körper an einem bekannten Ort zu verstecken, davon verschont zu bleiben, physisch anwesend dabei zuzusehen, wie unsere Arbeit stirbt und der Körper verschwindet, ein Erlebnis, das in der imperialistischen Post/Siedler/Kolonie genauso real ist wie in der nicht-imperialistischen. Hier bezeugen die Ahmedi oder die Schiiten in Pakistan, oder die Muslime in Indien, oder die Einwanderer oder Arbeitslosen oder Nichtversicherten in Amerika (insbesondere wenn sie nicht weiß sind), dass die vorherrschende Schablone für eine pandemische politische Existenz buchstäblich die der Vertreibung ist, die eines Verlassens des Räumlichen (schmerzlich ironisch angesichts des Aufrufs zur „Zuflucht am Ort“). Mit der Konstitution unserer Erinnerungen an diese Krise noch während sie sich abspielt – anstatt bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten – bestimmen wir, um wen wir trauern und wen wir begraben, welche Krisenrufe wir als Aufrufe zu welcher Ordnung beachten, welche Fragen wir überhaupt würdigen werden, welche Thesen wir nicht länger aufstellen, welche Ausgangspunkte wir nicht mehr in Erwägung ziehen werden, nicht mal für eine kurze Weile, wessen Auslieferung wir verweigern und ob unsere Gebete für die Toten eine Bitte oder eine Beschwerde oder ein Ruf zu den Waffen sein werden.

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