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Jakarta
Savic Ali, Religionsaktivist

Die meisten Menschen sind bereit zu sterben, aber sie sind nicht bereit, auf einmal gemeinsam zu sterben. Das haben wir in diesen Zeiten von Corona gesehen.

Von Savic Ali

Savic Ali © Savic Ali Von Wuhan bis Mailand, von Mekka bis Jakarta hat sich das Leben aufgrund des neuartigen Coronavirus verändert. Die Straßen sind leer. Die Einkaufszentren geschlossen. Die Moscheen verlassen. Die Menschen setzen alles daran, zu Hause zu bleiben. Sie wollen in Sicherheit sein und diesem unsichtbaren Virus aus dem Weg gehen.
 
In Jakarta, der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes, sehen wir anders als früher keine Autos, die im Stau stecken. Wir sehen keine Menschen, die sich in Züge drängen. Seit Mitte März haben die Leute begonnen, von zu Hause zu arbeiten, obwohl der indonesische Gesundheitsminister erklärte, das Coronavirus sei nicht so gefährlich, wie die Medien berichteten.

Auch ich habe seither von daheim gearbeitet. Ein Kollege, ein Architekt, starb an etwas, das höchstwahrscheinlich das Coronavirus war. Seine Bestattung fand nachts statt, ohne Freund*innen, und von den Verwandten waren seine Frau und sein Sohn dabei. Außerdem nahm noch ich aus dem Freundeskreis an der Beerdigung teil. Es war die einsamste Beerdigung, an die ich mich erinnern kann. Ich hatte erst ein paar Tage zuvor Nachrichten mit ihm ausgetauscht und war von seinem Tod schockiert. Ich konnte mich nicht davon abhalten lassen, zu beten und mich persönlich von ihm zu verabschieden, denn in unserer Gesellschaft ist uns keine Abschiedstradition so heilig wie die Bestattung.
 
Das Leben bietet wahrhaftig einer Serie von Überraschungen und Tragödien. Bis vor kurzem erschien uns das Leben so normal und eingespielt. Plötzlich ist alles anders und neu: Wir müssen zu Hause bleiben, Masken tragen, räumliche Distanzierung praktizieren. Ich pflegte jeden Abend mit Freund*innen eine Tasse Kaffee zu trinken und kann das jetzt nicht mehr. Ich pflegte jeden Tag hinauszugehen und bin nun seit über zwei Monaten nur in den eigenen vier Wänden. Ich pflegte persönliche Meetings zwischen Kolleg*innen zu organisieren und führe sie nun über Zoom und Meet durch. Alles hat sich verändert, und das ist für viele Menschen belastend. Es gibt Vorhersagen, denen zufolge Hunderttausende von Menschen in den nächsten Monaten ihre Arbeit verlieren werden und man geht von einer wachsenden Armut aus. Das Leben wird für die meisten Indonesier*innen sehr schwer werden.

The streets are empty in Jakarta Die Straßen Jakartas sind leer | © Savic Ali
Bis Anfang April verzeichnete die Regierung offiziell mehr als 11.000 Infektionen und 800 Todesfälle, aber die Anzahl der Leichen, die nach COVID-19-Protokollen bestattet wurden, ist höher. Das Virus hat sich über den gesamten Archipel mit seinen mehr als 260 Millionen Einwohner*innen ausgebreitet und zu viel Verunsicherung geführt. Jakarta war seit März das Epizentrum des Coronavirus, aber Jawa Timur, eine Provinz mit einer Bevölkerung von über 40 Millionen, wird die Stadt allem Anschein nach als neues Epizentrum ablösen.
 
Traurigerweise geschieht all dies während des Ramadan. Der Ramadan ist ein heiliger Monat, in dem unsere Muslim*innen, 87 Prozent der Bevölkerung, die Freuden des Fastens feiern, mit ihren Familien zusammen sind und in die Moschee gehen. Nichts davon ist im Moment möglich. Derzeit können wir nur wenig tun. Wir kommen zu spät. Unsere Regierung kam zu spät. Die Menschen hier zeigen jedoch viel Stärke. Sie helfen einander, kümmern sich umeinander. Sie unterstützten medizinische Fachkräfte und organisieren Hilfsvereine, um Familien mit niedrigem Einkommen zu unterstützen. Von Aktivist*innen über Musiker*innen bis hin zu Künstler*innen haben sie sich auf vielerlei Arten engagiert, obwohl uns der Engel des Todes verfolgt. Aber Hoffnung ist dennoch vorhanden, denn für den Großteil unserer Bevölkerung, in einer der am stärksten theozentrischen Gesellschaften der Welt, ist das Leben nur etwas Vorübergehendes und Gott stellt unsere Menschlichkeit auf die Probe.

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