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Casablanca
Meryem Jazouli, Tänzerin und Choreografin

Ich glaube, dass sich die Welt leider nur für diejenigen endgültig verändern wird, die den Verlust eines Verwandten, eines geliebten Menschen erlitten haben. Für diese Personen verändert sich die Welt elementar. Was diejenigen von uns betrifft, die das Glück hatten, von Krankheit und dem Verlust eines geliebten Menschen verschont zu bleiben, bin ich ein wenig skeptisch. Ich würde gern an langfristigen und endgültigen Wandel glauben, aber die Geschichte hat uns immer gezeigt, dass dieser eher selten und allzu oft nur für eine kurze Zeitspanne kommt.

Von Meryem Jazouli

Meryem Jazouli © Emmanuel fmr

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Ich persönlich halte diese Situation für außergewöhnlich, ja sogar einzigartig im wahrsten Sinne des Wortes. Für die marokkanische Gesellschaft, aber auch für alle anderen – und auch deshalb ist diese Situation absolut beispiellos – ist es eine Zeit der Unsicherheit, der Angst und einer gewissen Form von Ohnmacht. Zum ersten Mal und in einer allumfassenden Art und Weise müssen wir uns mit einem Szenario auseinandersetzen, dessen Realität weit über alles hinausgeht, was wir uns vorstellen konnten.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

In einer Zeit, in der unsere Welt praktisch auf unser Zuhause reduziert wurde, können wir nicht wirklich eine bestimmte Veränderung vorhersehen, abgesehen von den tragischen Folgen auf wirtschaftlicher, sozialer, politischer und natürlich kultureller Ebene, die alle Gesellschaften betreffen.
 
Ich glaube, dass sich die Welt leider nur für diejenigen endgültig verändern wird, die den Verlust eines Verwandten, eines geliebten Menschen erlitten haben. Für diese Personen verändert sich die Welt elementar. Was diejenigen von uns betrifft, die das Glück hatten, von Krankheit und dem Verlust eines geliebten Menschen verschont zu bleiben, bin ich ein wenig skeptisch. Ich würde gern an langfristigen und endgültigen Wandel glauben, aber die Geschichte hat uns immer gezeigt, dass dieser eher selten und allzu oft nur für eine kurze Zeitspanne kommt.
 
Auch im kulturellen Bereich wird diese Krise dramatische Auswirkungen haben, und es wird einige Zeit dauern, bis wir uns überwinden und weitermachen können, insbesondere nach mehrmonatigem Stillstand. Sicherlich geraten viele Künstler*innen, Ensembles, Theaterhäuser oder Vereine noch in prekäre Situationen und sind dazu gezwungen, ihre Aktivitäten einzustellen, nachdem sie so lange „stillgelegt“ wurden. Dabei denke ich an all die Aufführungen und Festivals, die abgesagt wurden, und an die Öffentlichkeit, für die die darstellenden Künste noch eine Weile nicht zugänglich sein werden. Es macht mich wirklich traurig, denn selbst wenn andere Formen von Kreativität und Verbreitung bereits gefunden wurden, ist dies absolut nicht das Leben eines Künstlers, einer Künstlerin, das Leben eines Theaters, das Leben eines Vereins. Das Leben der Künstler*innen, insbesondere der Tanzschaffenden, und allgemein aller im Kulturbereich besteht darin, mit den anderen, mit dem Publikum, mit Kunstwerken, mit Orten verbunden zu sein.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Um in einem weniger düsteren Ton zu schließen: Es gibt viele Dinge, die mir Hoffnung geben. Diese Zeit der Ausgangsbeschränkung hat uns alle praktisch zum Verlangsamen gezwungen. Für mich ist dies ein Rhythmus, der zum Nachdenken, zum Hinterfragen und zur Selbstbeobachtung anregt. Das sind Bedingungen, die mir wesentlich erscheinen, um anschließend in einer zweiten Phase handeln zu können.
 
In der Zwischenzeit gibt mir der durch die umgebende Stille verstärkte Gesang der Vögel Hoffnung. Die Teilnahme an einem System von Solidarität und gegenseitiger Hilfe zum Wohl hilfsbedürftiger Menschen gibt mir Hoffnung. Das Gefühl, dass viele von uns während dieser Zeit Zuflucht in der Kultur finden, gibt mir Hoffnung.
 
Und obwohl ich mir bewusst bin, dass das Schlimmste noch bevorsteht, hoffe ich und glaube ich auch, dass wir diese Probe, auf die wir gestellt werden, überstehen werden, um das Beste daraus zu machen. Was bereits vor der Krise kritisiert wurde, wird danach schwerer zu tolerieren sein, und ich denke, dass das viele dazu drängen wird, sich für neue Wege zu entscheiden, die sich schließlich durchsetzen werden.

Was ist ihre persönliche Strategie, damit umzugehen?

Was mich betrifft, so möchte ich nicht um jeden Preis produktiv sein. Ich denke, dass eine Beruhigungszeit – eine Zeit zum „Dekantieren“ – notwendig ist, dass diese physische „Immobilität“ nicht ohne Folgen auf psychologischer Ebene bleibt und dass es für mich wesentlich ist, diesen Zustand zu respektieren, um danach zu versuchen, in Bewegung zu kommen.
 
Denn im Moment habe ich keine Strategie, ich gebe zu, ich habe selten eine, ich funktioniere eher durch Intuition, durch Gespür ... Und da ich von Natur aus eine ziemliche Einsiedlerin bin, bringt diese Zeit der Ausgangsperre meine Gewohnheiten nicht so sehr durcheinander. Natürlich hätte ich es vorgezogen, die Freiheit zu haben, sie bewusst zu leben, aber ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, mich so lange dafür einzusetzen.
 
Ich tue also das, was ich immer tue, wenn ich nicht gerade im Schaffensprozess bin beziehungsweise im Studio trainiere: Ich lese, ich höre viel Musik, ich schreibe, ich mache meine täglichen Yoga- und Pilates-Übungen und ich nutze diese Zeit, um mich zu ernähren, im wörtlichen Sinn, aber auch im übertragenen Sinn – so viel und so gut wie möglich.

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