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Berlin
Lina Gómez, Choreografin, Tänzerin, Lehrerin

Diese Coronazeit lädt mich dazu ein, eine Solodisziplin zu etablieren, etwas, das nie meine Stärke war. Jetzt sind es der Körper des Bildschirms und ich, bei mir daheim. Eine neue Routine, eine neue Art der Körperwahrnehmung, die in Wirklichkeit die Notwendigkeit einer anderen Person betont. Aber sie tauchte in Abwesenheit einer anderen Person auf. Eine Wiederherstellung des Selbstkontakts, geboren aus dem Verlust von Kontakt. Das sind die seltsamen Widersprüche dieser Zeit.

Von Lina Gómez

Lina Gómez © Ruppert Bohle

Was kann dieser Körper jetzt?

Und was machst du so? Das mag im Alltag eine ganz normale Frage sein, aber irgendwie hat sie in diesen Coronazeiten stark an Gewicht gewonnen. Heute erscheint sie uns brisant. Es gibt Tage, an denen diese Frage verboten ist, und solche, an denen sie ermutigt und anregt.
 
Ich komme auf die Frage „Was machst du so?“ zurück. Heute habe ich Frühstück gemacht und dann ein bisschen Klavier und Gitarre geübt. Beim Homeschooling (und dem gleichzeitigen Hoffen, dass ich die Übungen aus dem Buch richtig erklären konnte) habe ich nach meinen E-Mails geguckt. Ich muss noch in den Supermarkt und würde gerne eine Online-Tanzstunde nehmen, jedenfalls wenn alles gut läuft ... An anderen Tagen bestehen die Anforderungen eher im Abschließen von Projekten und Recherchieren für neue Arbeiten. Manchmal liegt weniger an, aber ich finde immer irgendetwas zu tun. Neulich putzte ich alle Fenster im Haus und bewunderte ihren Glanz, stolz auf meine gute Arbeit und auf diese Geste, eine andere Energie in mein Heim zu bringen. Ich habe mich darin geübt, meinen privilegierten Status anzuerkennen und die kleinen Taten zu feiern.
 
Ich habe ausführlich telefoniert und mich an alte Zeiten erinnert, in denen meine Mutter mich nach einem langen Gespräch mit meinen Freundinnen überlaut ermahnte, ich solle endlich auflegen. Meine Finger hatte ich immer in das gewundene Kabel gewickelt. Vielleicht sind diese Tage wie diese Worte, sie springen von einem Thema zum nächsten, ohne um Erlaubnis zu fragen oder ein Thema einzuführen oder abzuschließen. Es sind Zeiten des Tagträumens, der Besinnung, des Aufschubs. Für mich sind es Zeiten des Wiederherstellens von Verbindungen, insbesondere mit meinem eigenen Körper, auch wenn sich das wie ein Klischee anhört. Mir wurde irgendwie bewusst, dass ich dieses letzte Jahr in der Erinnerung an einen Körper von vor Jahren gelebt habe, einen, der jeden Tag zu tanzen pflegte.
Die Praxis einer Choreografin, die nicht in ihren eigenen Werken tanzt, lädt mich zu unterschiedlichen Verständnissen vom Körper ein, aber irgendwie scheine ich darüber vergessen zu haben, wie ich meinen eigenen verstehen kann.
 
Kurz gesagt, und ohne zu theoretisch oder melancholisch zu werden, wurde mir bewusst, dass ich die Wahrnehmung eines Körpers erlebte, der nicht aktuell meiner ist. Und ich merkte das erst, als ich beschloss, an einer Video-Yogastunde teilzunehmen. Mein Körper kannte die Bewegungen und ich war zuversichtlich, die Stunde problemlos mitmachen zu können, aber in Wirklichkeit lief es anders. Diese Bewegungen, die ich stets mit größter Leichtigkeit ausgeführt hatte, schienen mir jetzt beinahe unmöglich. Zeitweise hatte ich das Gefühl, über einige Teile meines Körpers nicht die geringste Kontrolle ausüben zu können. Um mich zu beruhigen, versuchte ich mir zu einzureden, dass es am Tag lag, aber die nächste Stunde lief genauso. Eine Freundin unterrichtete auf Social Media zeitgenössischen Tanz, ich schob meine Möbel aus dem Weg und machte mit. Es fiel mir leichter, aber ich hatte dennoch wieder das Gefühl, nicht die Kontrolle über meinen Körper zu haben. Ich atmete durch; es würden andere Tage kommen. Ich machte Online-Ballett. Dieses letzte Erlebnis bestätigte schließlich meinen Verdacht. Wann wurde dieser Körper geboren? Wessen Körper war es? Was kann dieser Körper?
 
Ohne Umschweife, und unter Auslassung der Details meiner Depression, meiner Frustration und meines Verlangens, mir die gesamte Schokolade aus dem Lebensmittelladen einzuverleiben, hörte ich hin und akzeptierte meinen Körper so, wie er momentan ist. Diese Coronazeit lädt mich dazu ein, eine Solodisziplin zu etablieren, etwas, das nie meine Stärke war, etwas, das nichts von dem an sich hat, was mich immer zum Tanzen inspiriert hat: gemeinsam schwitzen, durch Berührung bewegen und lernen, gemeinsam atmen, beobachten und beobachtet werden, den Raum stets in Bezug auf eine andere Person durchqueren, die Wärme, die Geräusche, den Geruch, die Energie, den Körper einer anderen Person spüren. Jetzt sind es der Körper des Bildschirms und ich, bei mir daheim. Eine neue Routine, eine neue Art der Körperwahrnehmung, die in Wirklichkeit die Notwendigkeit einer anderen Person betont. Aber sie tauchte in Abwesenheit einer anderen Person auf. Eine Wiederherstellung des Selbstkontakts, geboren aus dem Verlust von Kontakt. Das sind die seltsamen Widersprüche dieser Zeit.
 
Eine meiner Bestrebungen während meines Aufenthalts in der Villa Kamogawa war, einige japanische Bewegungspraktiken zu erleben (Do-ho und Seita-ho), nicht nur, weil ich meine Studien der Bewegung weiterführen wollte und Austausch notwendig ist, um zu sehen, wie der Körper in anderen Kulturen verstanden wird, sondern auch aus einem Wunsch heraus, genährt zu werden. Mir wurde bewusst, dass ich als Choreografin Stimulation brauchte, dass mein Körper Nahrung benötigte, dass mein Körper bewegt werden musste und nicht nur andere dazu bringen sollte, sich zu bewegen. Ich glaube, dass ich diesen Wunsch, wieder in Einklang mit meinem Körper zu kommen, bereits in mir trug. Zunächst projizierte ich ihn auf Japan, aber jetzt, unabhängig von Ort und Umständen, ist die Stunde gekommen.
 
Was nach diesem seltsamen Moment passieren wird, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe nur, dass dieses Getrenntsein den Wunsch nach dem Erleben von Live-Kunst noch verstärken wird: im Theater, auf der Straße oder in welchem Raum auch immer - solange es ein Raum ist, der uns erlaubt, die Künste des Körpers zu erleben, die Kunst der Präsenz in ihrer maximalen und inhärenten Wirkmächtigkeit. Ein Raum, der von der Wärme und der Energie der Körper, die ihn einnehmen, zum Leben erweckt wird. Ein Raum, der nicht nur aus einem Bildschirm besteht, ein Raum, der einen ohne WiFi-Verbindung an andere Orte transportiert. Ein Raum, der die Fantasie anregt, der unsere Körper in Bewegung aufnimmt, gemeinsam.
 
Ich wurde gefragt, wie sich die analoge Bewegung eines Körpers, oder von Körpern, die sich im Tanz oder in einer Choreografie gemeinsam bewegen, durch digitale Bewegung ersetzen lässt. Das bringt mich zum Gedankengut einiger Philosophen*, die über den Körper spekuliert haben. Ich erinnere mich an diejenigen, die sagen, dass der Körper das ist, was er tun kann, dass wir mit genau dieser Wirkmächtigkeit unser Dasein auf der Welt erleben und dass jede Wirkmächtigkeit in der Bewegung existiert. Bewegung, die ein nicht wahrnehmbares Werden ist, die vorausgeht, die unsichtbar ist. Will heißen, wir beziehen uns auf die Bewegungen, die Dinge und Bilder ausmachen, statt auf die Dinge selbst. Der Körper ist wirkmächtig in der Bewegung, in Aktion. Wir existieren in einer Zone ständiger Veränderung, und diese ständige Veränderung provoziert ständige Wiedergeburten. Wir müssen unsere Sensibilität und unsere Wahrnehmung jedes Mal neu erfinden.
 
Ich denke, dass wir in diesen Zeiten üben müssen, durch Bewegung wahrzunehmen. Wir müssen in Bewegung bleiben, aktiv beobachten, das Warten üben, das Erinnern, um unsere Wahrnehmung zu erweitern. Wir müssen ständig auf die interne und externe Realität schauen und diese Kontexte vereinen. Unsere Wirkmächtigkeit, unser Körper, muss mit unserem Kontext koexistieren. Aber auch wenn dieser Kontext jetzt überwiegend digital ist, glaube und hoffe ich, dass Bewegung, Tanz, nicht auf diesen eindimensionalen, digitalen und unberührbaren Körper reduziert wird, ohne Geruch, ohne Wärme – dieses Ding mit einem anderen Verständnis von Präsenz. Als Reaktion auf diese Zeiten mag es Wege geben, sich zu bewegen, jeder Körper in seinem eigenen Stück Raum, und trotzdem poetische Antworten zu finden. Aber das wird die Wirkmächtigkeit des Körpers nie ersetzen können, die Kraft, die sich nicht nur auf einem Bildschirm bewegt und existiert.
 
 
*Luiz Fuganti über Spinoza, Deleuze, Guattari, Nietzsche und Bergson.

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