Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

New York City & Amsterdam
Arnon Grunberg, Romanautor

Ich schreibe dies in New York in dem Moment, in dem die Corona-Krise in Amerika überschattet wird durch den Mord an George Floyd, die Proteste, die Gewalt der Polizei, durch Plünderer. Wenn die Nachkriegsordnung nun wirklich zusammenbricht, was ich nicht hoffe und auch nicht wirklich erwarte, wird Corona sich zu diesem Zusammenbruch verhalten wie die Spanische Grippe zur Weimarer Republik.

Von Arnon Grunberg

Arnon Grunberg © Sander Voerman

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in ihrem Land?

Es ist unvermeidlich, in einer Krise, sei es eine strikt persönliche Krise oder eine gesellschaftliche, Bedeutung zu erkennen. Dieser Reflex ist zweifellos auch ein Versuch, mit dem Ungewissen, mit der Gefahr oder einem Vermuten von Gefahr umzugehen.

Ich bin in Zeiten von Corona sowohl in den Niederlanden gewesen, dem Land, in dem ich bis zu meinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr gelebt habe, als auch in Amerika, genauer gesagt in New York, der Stadt, in der ich seitdem wohne. An beiden Orten bedeutet die Krise etwas anderes. In Amsterdam: eine Unterbrechung bestimmter Gewohnheiten von mehr oder weniger kurzer Dauer, wobei ich keineswegs das Leiden in Abrede stelle. In New York: ein ominöses Zeichen an der Wand, ein möglicher Vorverweis auf potenziellen Verfall. In beiden Fällen verlangt uns Corona Flexibilität ab.

Und es stellt sich die Frage: Was ist der Unterschied zwischen Rechten und Privilegien?

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Ich schreibe dies in New York in dem Moment, in dem die Corona-Krise in Amerika überschattet wird durch den Mord an George Floyd, die Proteste, die Gewalt der Polizei, durch Plünderer. Wenn die Nachkriegsordnung nun wirklich zusammenbricht, was ich nicht hoffe und auch nicht wirklich erwarte, wird Corona sich zu diesem Zusammenbruch verhalten wie die Spanische Grippe zur Weimarer Republik.

Das Virus hat viel für die Verschwörungstheorie getan, ein realer Nebeneffekt des Virus ist, dass die Anzahl derer, die an verschiedene Verschwörungstheorien glauben, maßgeblich zugenommen zu haben scheint. Das ist keine gute Nachricht für die Gesellschaft. Wie so oft sind die Nebeneffekte die grässlichsten, die tödlichsten.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Ich weiß nicht, ob ein Mensch Hoffnung braucht, Vertrauen braucht er vielleicht schon. Am Leben zu hängen, kann Hoffnung geben. Das Leben fortzusetzen ist meiner Meinung nach auch eine hoffnungsvolle Aufgabe und vielleicht mehr als das, selbst wenn das mit einer Fortsetzung des Leidens einhergeht.

Schreiben ist eine Form von Hoffnung. Die totale Verzweiflung schließt, vermute ich, das Schreiben aus; im besten Fall steckt in Literatur doch immer etwas von Widerstand gegen die Verzweiflung, wie klein dieser Anteil auch immer ist.

Hoffnung ist eine positive Fantasie über die Zukunft. Natürlich kann die Realität die Hoffnung vernichten, teilweise, manchmal ganz. Die Wirklichkeit ist voller Zeichen, die wir, wenn wir wollen, als hoffnungsvoll interpretieren können. Die Frage ist, ob wir das sollten, ob solche Hoffnung nicht auch gefährlich ist.

Top