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Osaka
Kanayo Ueda, Dichterin

Die Menschen nehmen die Corona-Pandemie möglicherweise zum Anlass, ihre bisherige, globale Arbeits- und Lebensweise und die Art, wie sie für ihren Lebensunterhalt sorgen, zu überdenken. Vielleicht denken sie auch über die Begegnung mit den Mitmenschen intensiver nach. Vielleicht entwickeln sie ein Bewusstsein für soziale Ungleichheit, soziale Trennung oder für Solidarität. Auf jeden Fall bin ich zu der Ansicht gekommen: es wird kein heute mehr geben, so wie es gestern war.

Von Kanayo Ueda

Kanayo Ueda © Yasufumi Murayama

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in ihrem Land?

Unsere Fähigkeit, einen Schwebezustand auszuhalten, wird auf die Probe gestellt. Wir stehen wie versteinert da, während wir gedanklich hin- und herschwanken, ob wir es nicht lieber aufgeben sollten, selbstständig zu denken, oder besser doch damit fortfahren. Menschen mit anderen Ansichten schreien wir mit lauter Stimme unsere Meinung, wie wir sie für richtig halten, entgegen. Ist der Grund vielleicht eine strenge, internalisierte Vorstellung „wie alles zu sein hat“, dass wir gerade an den Menschen, die bezogen auf das Coronavirus an vorderster Front arbeiten, unsere Verärgerung auslassen? Die gegenwärtige Lage, die sich durch das Virus ergeben hat, ist doch gerade aus unserem bisherigen Alltag entstanden. Ich glaube, nun zeigt sich, dass die Menschen in allen möglichen Situationen - in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie, an bestimmten Orten oder im öffentlichen Raum – zwar immer schon ein gewisses Unbehagen verspürten, dieses aber nicht ausdrückten, nicht weiter darüber nachdachten und schon gar nicht mit anderen darüber sprachen. 
 
Ich glaube, die Menschen in Kamagasaki, einem Viertel von Nishinari in meiner Heimatstadt Osaka, wo vor allem wenig Begüterte und Obdachlose zu Hause sind, haben sich im Vergleich zu der Zeit vor Corona kaum verändert. Weil sie von vorneherein schon arm sind, verreisen sie nicht und leben allein in einem engen Zimmer: Bei dieser Art zu leben ist ihr Infektionsrisiko, trotz ihres oft hohen Alters, wahrscheinlich eher gering. Hier war es ganz gewöhnlicher Alltag, dass Familienangehörige sich weigerten, den Leichnam des Verstorbenen abzuholen, und dass sich bei der Beerdigung keine Trauernden einfanden. Daraus entstand unsere Aktion, dass wir unsere Toten alle gemeinsam verabschieden. (Wegen der Corona-Pandemie können wir uns im Moment aber leider nicht zu Trauerfeiern versammeln.) Manche sind sogar froh, dass im Moment keine YouTuber oder Reisenden kommen und die Stadt so still ist. Wir sind angehalten, zu Hause zu bleiben, doch die Menschen, die auf der Straße leben, haben kein Zuhause. In dieser Situation werden sie, die meistens Tagelöhner sind, aufgefordert, Sozialhilfe zu beantragen. Diese Menschen leben ganz unten, ohne soziale Kontakte, gerade deshalb können sie überleben.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Die Welt verändert sich ständig. Wie ein Fluss, der fließt, solange er nicht austrocknet oder gestaut wird.
 
Die Menschen nehmen die Corona-Pandemie möglicherweise zum Anlass, ihre bisherige, globale Arbeits- und Lebensweise und die Art, wie sie für ihren Lebensunterhalt sorgen, zu überdenken. Vielleicht denken sie auch über die Begegnung mit den Mitmenschen intensiver nach. Vielleicht entwickeln sie ein Bewusstsein für soziale Ungleichheit, soziale Trennung oder für Solidarität. Auf jeden Fall bin ich zu der Ansicht gekommen: es wird kein heute mehr geben, so wie es gestern war. Aber ich möchte nicht vergessen, dass es nach wie vor auf der Welt - auch schon bevor das Coronavirus gewütet hat - Menschen gibt, die ignoriert werden, die vernachlässigt werden, die sogar jederzeit mit dem Tod rechnen. Ich möchte von diesen Menschen, von ihrer Weisheit, mit der sie bis heute überlebt haben, von ihren Überlebenskünsten und von ihrem Mut lernen. 

Was macht Ihnen Hoffnung?

Das alles ist ja nichts Neues, deshalb sollten wir von unseren Vorfahren lernen. Hoffnung macht mir, dass es Menschen gibt, die nicht glauben, alles sei schon zu spät. Die jetzt aktiv werden wollen, die denken und handeln.

Was ist Ihre persönliche Strategie, damit umzugehen?

Die Demokratie des Einzelnen
Es fängt mit dem Einzelnen an
Der Einzelne trägt Hoffnung in sich
Die ganz normale Einsamkeit und Mühe auf sich nehmen und unermüdlich weitermachen mit dem, woran man selbst glaubt
Es wäre schön, wenn dies gegenseitig artikuliert wird und sich als Haltung gegenüber einem gewissen Unbehagen entfaltet

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