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Helsinki
Hanna Parry, Künstlerische Leiterin des Baltic Circle Festival

Die darstellende Kunst passt nicht auf den Bildschirm, der Mienenspiel, Gesten, Nuancen, Bewegungen und Aufmerksamkeit herausschneidet. Sie geschieht zwischen Menschen in Momenten, die sich nie in gleicher Form wiederholen. Das Internet ist voll von Versuchen, die Tätigkeit und das Tempo aufrechtzuerhalten, aber im Vergleich zum Film wirkt das Theater wie eine unbeholfene Aufzeichnung, und die Distanz zwischen einem Online-Festival und dem eigenen Sofa ermüdet.

Von Hanna Parry

Hanna Parry © Hanna Parry Als die Pandemie Finnland traf, war ich zusammen mit dreißig Festivalleiter*innen, Kurator*innen und Produzent*innen beim internationalen Theaterfestival MITsp – Mostra Internacional de Teatro de São Paulo in Brasilien. Drei Minibusse mit beruflich reisenden, weißen Europäer*innen im Alter von 30 bis 60 Jahren aus 13 Ländern. „Wir sind Covid-19”, rief ein portugiesischer Kollege ungläubig. 
 
Es ging das Gerücht, die Grenzen würden bald geschlossen. Während wir auf Verbindung zum Kundenservice unserer Fluggesellschaften warteten, erhielt eine unter fast zweihundert Bewerber*innen ausgewählte Handvoll brasilianischer Künstler*innen die Chance, uns, die wir die Türen zu den Bühnen Europas repräsentierten, ihre Werke zu vorzustellen. Bis die staatlichen Theater in Brasilien geschlossen wurden.
 
Drei Monate später erhielt ich eine Nachricht aus São Paulo, die mich an die letzte Aufführung erinnerte, die ich im März gesehen hatte und nach Finnland bringen wollte. In der Zwischenzeit hat die Pandemie Brasilien schwer getroffen, Finnland dagegen brilliert im Covid-19- Wettkampf der Nationalmannschaften, den die Medien in der Berichterstattung über das Virus schaffen. Die Entfernung ist noch größer geworden.
 
Wie wird der Kreislauf zwischen den Ländern oder gar zwischen den Kontinenten nach der Pandemie aussehen? Wer ist dabei, wer bleibt ausgeschlossen? Kann man das Tempo verringern, die Richtung ändern, ohne rückwärts zu gehen?
 
Die darstellende Kunst passt nicht auf den Bildschirm, der Mienenspiel, Gesten, Nuancen, Bewegungen und Aufmerksamkeit herausschneidet. Sie geschieht zwischen Menschen in Momenten, die sich nie in gleicher Form wiederholen. Das Internet ist voll von Versuchen, die Tätigkeit und das Tempo aufrechtzuerhalten, aber im Vergleich zum Film wirkt das Theater wie eine unbeholfene Aufzeichnung, und die Distanz zwischen einem Online-Festival und dem eigenen Sofa ermüdet. Man vermisst gemeinsame Erlebnisse, den Austausch zwischen den Menschen, die Energien der Festivals, das durch Teilen geschaffene Potenzial, auf neue Art zu erkennen, zu fühlen und sich zu organisieren.
 
Der Körper trägt Widersprüche, Trauer und Erleichterung über den Stillstand, über unterbrochene Arbeiten, abgesagte Premieren, Einschränkungen, Beurlaubungen und Unwissenheit. Das wird im Bereich der darstellenden Kunst sichtbar und wahrscheinlich auch in den Aufführungen, die jetzt gemacht werden, mit geistigen und wirtschaftlichen Ressourcen, die durch die Pandemie verringert wurden.
 
Der Stillstand, zu dem die Pandemie uns gezwungen hat, schafft aber auch Hoffnung. Man hat endlich Zeit, zu denken und zuzuhören. Aufkeimendes zu beobachten, sich auf unsichere und teils tastende Versuche einzulassen, die nach neuen Formen, nachhaltigeren Wegen und gleichwertigeren Arten des Teilens streben.
 
Das Festival Baltic Circle wird in diesem Jahr 20 Jahre alt, und zur gleichen Zeit endet die Epoche der internationalen Theaterfestivals, wie wir sie kennen. In diesem Jahr fühlt es sich falsch an, die Geburtstagskerzen auszublasen, denn der einzige Wunsch ist, dass das Feuer nicht erlischt.

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