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Bangalore
Joshua Muyiwa, Dichter und Kolumnist

 

Wir müssen hier raus. Wir können hier nicht mehr bleiben.

Von Joshua Muyiwa

Joshua Muyiwa © Suhas Entur Das erste Bild, das mir beim Schreiben dieses Essays in den Sinn kommt: ein einsames junges Reh an einer Kreuzung in den Tunneln des japanischen Tiefbahnhofs Nara. Ich habe mich nie wirklich für einen naturverbundenen Menschen oder auch nur für jemanden gehalten, der gern draußen ist, aber das Bild hat etwas Trauriges an sich. Es wirkt unsicher, aufgewühlt, ungewiss. Nun, selbst wenn Sie im Bild keine Traurigkeit erkennen, hoffe ich, dass Sie doch die Verzerrung sehen, die es festzuhalten vermag.
 
Vor etwas mehr als elf Tagen (während ich dies schreibe) pflegte ich mich vor anderen Leuten mit der Kameradschaft und dem Gemeinschaftsgefühl in meinem kleinen Viertel Cooke Town im südindischen Bengaluru zu brüsten. Wie wir uns auf der Straße gegenseitig „Guten Morgen!“ zuriefen, wie die Leute, die in deiner Straße wohnten, nicht unbedingt freundlich, aber doch vertraut waren – was bedeutete, ihre Art, freundlich zu sein, war nicht von Information, sondern von Intuition motiviert –, und wie Anderssein und Diversität in diesem Viertel keine Probleme verursachten. Aber während dieser Ausgangssperre wurde all dies zunichte gemacht: Nachbar*innen verwandelten sich in Vigilant*innen, die einander mit Argusaugen beobachteten, genau schauten, was jede*r tat, und Verstöße zu erspähen versuchten. Nachbar*innen begannen, die Leute vom Gesundheitsamt wegen der geringsten Vergehen zu den Wohnungen anderer Anwohner*innen zu rufen. Zu jeder anderen Zeit hätten sie wahrscheinlich nichts davon auch nur bemerkt. Und dann wandelte es sich dahingehend, Menschen wegen alltäglicher Handlungen anzufeinden, die einfach nur von der Stille der Ausgangssperre verstärkt wurden: Musik hören, auf dem Balkon Hasch rauchen, Telefongespräche führen und so weiter. Vor etwas mehr als elf Tagen fand ich, dass dieses Viertel den Charme der Alten Welt hatte: Verfehlungen wurden schlicht als menschlich betrachtet. Es war eine Zuflucht vor dem neureichen Glanz und den Werten im Rest der geschäftigen, boomenden Stadt Bengaluru. Die Ausgangssperre hat gezeigt, dass der Feind für jemanden wie mich – femme, queer, Schwarz – viel näher ist als gedacht.
 
Diese Angst vor dem Lynchmörder, dem Brandstifter, dem Killer nebenan scheint unter der Führung der aktuellen Regierung in Indien keineswegs eine weit hergeholte Konzeption zu sein. Und wenn sie früher flüchtig, vergänglich war, hat die jüngste Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts – in der in einer verfassungsmäßig säkularen Nation zum ersten Mal Religion als Kriterium für die Staatsangehörigkeit benutzt werden soll – bestätigt, dass Diversität in diesem Land nicht mehr zählt. Und wenn dieses juristische Manöver, das bei den verschiedenen Minderheiten die Frage aufkommen ließ: „Sind wir die nächsten auf der Schlachtbank?“, nicht ausreichte, um ihnen einen Schauer über den Rücken zu jagen und kalt ums Herz werden zu lassen, wurde uns die Antwort auf diese Frage mit brutaler Gewalt vorgeführt. Erst: versuchten sie, die Proteste zum Schweigen zu bringen. Dann: mordeten und brandschatzten sie in der schlimmsten kommunalen Gewalt, die die Hauptstadt des Landes seit Jahrzehnten erlebt hat. Und wenn wir geglaubt haben sollten, dass das Virus – das Auftreten eines gemeinsamen Feindes – diesem Pogrom gegen die indisch-muslimische Gemeinschaft Einhalt gebieten würde, wurde uns schnell vor Augen geführt, dass es für das Unvorstellbare immer Raum gibt, dass nichts unmöglich ist. (Ist es nicht kurios, dass hier auch die kapitalistische Gesinnung eines Unternehmens anklingt?)
 
Diese ungeplante, unvorbereitete, unerwartete Ausgangssperre, verkündet durch den Premierminister am 24. März um 20 Uhr, diente als weiterer PR-Gag für ihn selbst und seine politische Partei – genau wie alles andere, das er bisher getan hat. Auch wenn er sich diesmal, statt den forschen wirtschaftlichen Visionär zu spielen, mit dem er uns schon früher hereingelegt hat, in der Rolle des Familienpatriarchen versuchte. Und uns zeigte, dass es ihm nicht nur an einem breiten Repertoire mangelt, sondern dass er auch über keinerlei Charaktertiefe verfügt. Statt eines sozioökonomischen Plans, um die Bevölkerung während der Pandemie zu beruhigen, wurde das Klappern mit Tellern auf Balkonen zur Demonstration der Wertschätzung für medizinische Fachkräfte als Lösung serviert. Und während er uns alle mit seiner Schauspielerei und seinem temporären Solidaritätssinn ablenkte, war die Polizei eifrig dabei, die Stätte der 100-tägigen Shaheen-Bagh-Proteste in Neu-Delhi – dem Herzstück der Proteste gegen die Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes – und andere Sitzblockaden im ganzen Land zu räumen und zu zerschlagen. Ein weiterer Versuch, den Dissens der indischen Muslim*innen und jede Erinnerung daran, jeden Hauch davon auszulöschen. Man würde sich wünschen, dass die Regierung dieselben zügigen Anstrengungen unternähme, um die Isolierstationen in Krankenhäusern zu desinfizieren und hygienisch zu machen und den medizinischen Fachkräften im ganzen Land Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen.
 
Wenn der indisch-muslimische Körper schon vorher den Dissens durch die Gewalt des Staates spürte, so hat sich dies während der Ausgangssperre nur noch verschlimmert. Nun ist der Körper der indischen Muslim*innen auch zur Stätte des Ursprungs des Virus geworden und scheint damit die Attacken des Staates umso mehr zu verdienen. Alle Scharfmacher*innen und scharfmachenden Nachrichtensprecher*innen der rund um die Uhr sendenden Nachrichtenkanäle haben ihre Läufe auf das in Delhi gelegene Hauptquartier der Tablighi Jamaat – einer islamischen Missionsbewegung – im Nizamuddin-Viertel der Hauptstadt gerichtet, weil diese ein Treffen organisierte, bevor die Ausgangssperre auch nur angekündigt war. Und während feststeht, dass sich dieses Treffen als Hotspot für die Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus erwies, lieferte dies nur noch mehr Anlass für die Hexenjagd auf muslimische Staatsbürger*innen, für die Verachtung und Diffamierung des indisch-muslimischen Körpers. Wenn man der Logik der rechten Spin Doctors folgt, wäre man überzeugt, dass er eine Biowaffe ist, geschaffen von indisch-muslimischen Staatsbürger*innen, um den Traum von Indien als Hindustaat zu zerstören.
 
Warum schreibe ich über die Proteste gegen die Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes durch die derzeitige Regierung, über zunehmende staatlich sanktionierte Polizeiübergriffe und -gewalt, die Dämonisierung indisch-muslimischer Staatsbürger*innen, die Versäumnisse unseres Premierministers, seines Innenministers und seiner Regierung, statt mich auf die Ausgangssperre zu konzentrieren, auf die mehr als 20 Toten (Stand: 11. Tag der 21-tägigen Ausgangssperre), die von dieser willkürlichen Ausgangssperre selbst und nicht einmal vom Virus verursacht wurden, auf die Versäumnisse auf den Ebenen von Diagnostik, medizinischer Schutzausrüstung und Krankenhausinfrastruktur oder auch nur das Fehlen eines wirtschaftlichen Hilfsprogramms in dieser Zeit des Stillstands? Es liegt daran, dass vor der Ankunft dieser Pandemie alles auf die Auflösung einer ganzen Reihe falscher Überzeugungen hinauszulaufen schien. Es war, als hätten wir ein Patt mit der Straflosigkeit erreicht, mit der die aktuelle Rechtsregierung handelte, und sich irgendetwas ändern müsste. Man hatte das Gefühl, dass wir ihrer kurzsichtigen Entscheidungen, die keinerlei Früchte getragen hatten, und der Risse, die sie in unseren Gemeinschaften offenlegten, müde waren. Man hatte das Gefühl, dass das Maß voll war.
 
Dabei zuzuschauen, wie unsere derzeitige Regierung mit der Situation umgeht, hat mir selbst in diesen düsteren Zeiten etwas Hoffnung gegeben. Wir werden Zeug*innen des Auseinanderfallens dieser höflichen Vereinbarung, die wir Staat nennen. Uns wird bewusst, dass wir von unserer Regierung eine verbindlichere Verpflichtung zur Menschlichkeit fordern sollten – keine Augenwischerei. Die momentane Lage ist krass: Die Regierung beantragte beim Obersten Gerichtshof einen Maulkorb, der bedeutet hätte, dass die Medien nur mit redaktioneller Kontrolle durch Regierungsbeamte Informationen über das Virus hätten veröffentlichen können, was aber glücklicherweise abschlägig beschieden wurde. Allerdings wird es zunehmend zu unserer Aufgabe, Fakten von Fiktion trennen zu müssen, und angesichts der drohenden Belastung wird das womöglich noch schwieriger. Aber vielleicht hat uns diese erzwungene Isolation die Zeit gegeben, uns umzuschauen und zu sehen, dass sich so manches in Auflösung befindet. Vielleicht werden wir die Zeit dazu nutzen, zu sehen, wie sich tief verwurzelte Vorurteile gegen religiöse Überzeugung, Kaste, Klasse und die Karawane von Geschlechtern und Sexualitäten ihren Weg selbst in scheinbar überparteiische Bereiche von Macht und Autorität gebahnt haben.
 
Ich höre mittlerweile das erste Geflüster von etwas Neuem am Horizont – und wie immer müssen wir uns den Körpern zuwenden, die die Gewalt dieses Systems erfahren haben. Denn wenn wir uns um die Schutzbedürftigsten unter uns kümmern können, werden wir auch für uns andere das Richtige tun. Ich sehe mittlerweile, wie diese Stimmen des Andersseins, der Diversität und des Dissenses bereits existierende Dynamiken untergraben, und man hat das Gefühl, dass das nicht aufhören wird. Wir sehen in diesen Zeiten, dass sich unsere Wertesysteme ändern müssen, dass sich unsere Vorstellungen davon ändern müssen, wie ein erfolgreicher Mensch und ein Industriestaat aussehen können, dass sich unsere Hoffnungen für die Zukunft ändern müssen. Hoffentlich wird diese neue Welt herbeigeführt werden.
 
Nach vielen, vielen Stunden, in denen ich auf dieses Bild gestarrt habe, sehe ich jetzt auch, dass das einsame junge Reh im Tiefbahnhof nur eine Wahl hat: Es muss da raus. Im indischen Kontext hat man das Gefühl, dass Menschen, die mehr für diese Nation und ihre Bürgerschaft wollten, bereits zum Handeln getrieben worden waren, und hoffentlich verspricht diese Pandemie auch einen Weg außerhalb dieser selbstgebauten Gefängnisse. Ich hoffe, wir werden aus der Weisheit und Verspieltheit der Kunst lernen, daraus, wie sich marginalisierte Körper durch Räume bewegen, und dass die Haltung der Autoritätsfiguren gegenüber dem Geringsten von uns Bände spricht. Mit jeder dieser Handlungen, Gesten und Bewegungen erhalten wir einen Bauplan zur anderen Seite. Wir müssen hier raus. Wir können hier nicht mehr bleiben.

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