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Istanbul
Ahmet Ümit, Schriftsteller

Die Gefahr ist nicht vorüber, aber dieser unsichtbare Feind hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie egoistisch, wie selbstlos, wie feige, wie mutig, wie klug, wie töricht, wie sensibel, wie abgestumpft, wie großmütig und wie gierig diese Spezies ist, die wir Mensch nennen. Ja, Covid-19 ist eine Art Lackmustest, sozusagen ein klitzekleines, mit dem bloßen Auge nicht erkennbares Stück Papier, das uns Menschen, die wir uns zu Herrscher*innen der Welt auserkoren haben, beweist, wie machtlos wir im Grunde sind.

Von Ahmet Ümit

Ahmet Ümit © Enis Yücel

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es in der Türkei 171.121 Corona-Patient*innen und allein heute haben sich 989 Menschen infiziert. Dennoch beschloss die Regierung, den Normalisierungsprozess einzuleiten. Die Situation unterscheidet sich wesentlich von der Lage anderer Länder. Nicht nur die Regierungen, sondern auch die Menschen verhalten sich angesichts der andauernden Bedrohung durch das Virus überaus widersprüchlich. Es herrscht die Wahrnehmung, die Pandemie sei vorüber und wir wären ihr entkommen. Was meine seelische Verfassung während dieser Tage am besten widerspiegelt, ist folgendes Szenario: Ich sitze in einem Segelboot mit gebrochenem Mast fest und warte mitten im Meer hilflos auf den drohenden Ausbruch eines Sturms. Obwohl mir die Kapitän*innen des Segelboots unentwegt versichern, der Sturm sei vorbei, weiß ich, dass die Realität eine andere ist. Wir überlassen unser Schicksal vollständig der Gnade des Sturms, während wir den Horizont fest im Blick behalten, und warten darauf, dass eine Serie von Ereignissen als glückliche Fügung über uns hereinbricht. Aber eigentlich gibt es keinen Grund, optimistisch zu sein. Denn dieser Sturm, in den wir geraten sind und dessen Erstarken wir fürchten, ist anders als jede Katastrophe, die wir bisher erlebt haben. Wenn die notwendigen Vorkehrungen nicht getroffen werden – denn die bisherigen Maßnahmen waren unzureichend –, werden weder Meer noch Boot noch wir selbst überdauern.
 
Das Schlimmste dabei ist, dass keiner genau weiß, welche Vorsichtsmaßnahme die richtige ist. Trotz immer neuer internationaler Studien ist nach wie vor unklar, welche Schritte wirklich helfen. Hinzu kommt der Umstand, dass den Schiffslenker*innen nicht das Leben der Menschen am Herzen liegt, sondern die Sicherheit einiger Großunternehmen. Die Wirtschaft am Laufen zu halten, scheint wichtiger zu sein, als Menschenleben zu retten. Das Paradoxe ist, dass das Coronavirus genau das gleiche Ziel hat: Die Märkte müssen öffnen, damit sich so viele Menschen wie möglich dort infizieren, um so das Wachstum, die Verbreitung, die Erstarkung und die Mutation des Virus zu gewährleisten, bis es nicht mehr zu bekämpfen ist und noch mehr Leben fordern kann. Und so werden ganz selbstverständlich am Ende weder Mensch noch Wirtschaft, noch Gesellschaft, noch das Leben an sich erhalten bleiben.
 
Während die Sonne in der Ferne untergeht, warten wir auf dem Segelboot mit dem gebrochenen Mast und den knarzenden, wackeligen Holzdielen immer noch auf die schönen Tage mit einem von der Sonne rot angestrahlten Meer. Die Gefahr ist nicht vorüber, aber dieser unsichtbare Feind hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie egoistisch, wie selbstlos, wie feige, wie mutig, wie klug, wie töricht, wie sensibel, wie abgestumpft, wie großmütig und wie gierig diese Spezies ist, die wir Mensch nennen.
Ja, Covid-19 ist eine Art Lackmustest, sozusagen ein klitzekleines, mit dem bloßen Auge nicht erkennbares Stück Papier, das uns Menschen, die wir uns zu Herrscher*innen der Welt auserkoren haben, beweist, wie machtlos wir im Grunde sind.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Mit der Pandemie hat die Kritik an sozioökonomischen Systemen einen neuen Aufschwung erlebt. Die Zerstörung der Natur, die brutale Beseitigung anderer Lebewesen durch den Menschen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sowie die Abschaffung des Sozialstaates wird immer häufiger angeprangert. Es zeigt sich wieder einmal deutlich, dass es unmöglich ist, die Interessen der Menschheit unabhängig von Land, Nation und sogar anderen Lebewesen zu verteidigen. Erneut wurde unter Beweis gestellt, dass kein Gedanke, keine Überzeugung, keine Lebensweise erfolgreich sein kann, wenn sie das Wohlergehen der Natur nicht in den Mittelpunkt stellt. All dies ist ein Beweis dafür, dass der Mensch am besten aus der Erfahrung lernt. So betrachtet, gibt es keinen Grund, weshalb wir der Zukunft mutlos entgegenblicken sollten.
 
Doch leider hat der schnell Hoffnung schöpfende Mensch einen entscheidenden Nachteil: Er vergisst auch sehr rasch. Ich befürchte, dass das jetzt wieder der Fall sein wird. Sobald sich die Gefahrenstimmung der Corona-Tage auflöst, werden Staaten, Unternehmen und Menschen ihre Fehler wiederholen, bis sich eine neue globale Bedrohung für unsere Spezies am Horizont abzeichnet. Eine solche Gefahr besteht jedoch bereits. Die wirkliche Bedrohung, die sich hinter Covid-19 versteckt, ist im Grunde der egoistische, rücksichtslose, gierige und törichte Lebensstil der Menschen. Zweifelsohne birgt diese fatale Lebensweise das Potenzial, eine Vielzahl neuer Gefahren heraufzubeschwören.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Zwar ist der Mensch meiner Meinung nach ein vergessliches Tier, aber er ist auch ein Tier, das Lehren aus seinen Erfahrungen zieht, sie sammelt und die Fähigkeit besitzt, seine Erkenntnisse an nachfolgende Generationen weiterzureichen. Aber niemals gab es den reinen Menschen und nie den reinen Gedanken. Es ist zwar nicht unmöglich, aber sehr schwierig, die erlebten Erfahrungen objektiv zu bewerten, um gemeinsam die richtigen Lehren aus ihnen zu ziehen. Staaten, die ihren Einfluss auf die Welt ausdehnen wollen, multinationale Unternehmen, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben, bigotte religiöse Institutionen und machthungrige politische Systeme werden zweifellos das Erlebte zu ihren Gunsten interpretieren und fordern, dass ihren Interessen entsprechende Handlungen folgen. Sie werden die alte Ordnung verteidigen.
 
Daher müssen die schweigende Mehrheit und diejenigen, die am meisten unter der Pandemie leiden, bestimmen dürfen, in welche Richtung das Schiff gesteuert wird; sie müssen ihre Einwände in allen Bereichen des Lebens lautstark kundtun. Damit das, was wir heute erleben, in der Zukunft nicht vergessen wird und die notwendigen Vorkehrungen getroffen werden, müssen Menschen auf der ganzen Welt in allen Lebensbereichen ihre Stimmen erheben – in demselben Maße, wie gerade in den Vereinigten Staaten ein Aufstand gegen den Rassismus ausgebrochen ist. Nur dann können wir wirklich von Hoffnung sprechen. Anderenfalls ist sie nichts anderes als ein rosafarbener Tagtraum, der uns von der nahenden Katastrophe ablenkt.

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