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Lissabon
Vítor Belanciano, Journalist, Kulturkritiker, Feuilletonist und Hochschullehrer

Bisher folgt die EU den Vorgaben der Stärkeren, statt an der Seite der Schwächeren zu gehen, und bemerkt dabei nicht einmal, dass sie auf diese Weise zerfällt und dass dies Konsequenzen für alle haben wird. Denn wenn es eine Zeit gibt, in der es aus geopolitischer Sicht nötig wäre, die Werte der EU zu stärken, dann wäre es genau diese.

Von Vítor Belanciano

Vítor Belanciano © Vítor Belanciano

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Wir leben in einer Ausnahmesituation, mit Folgen für die zwischenmenschlichen, lokalen, nationalen und globalen Beziehungen. In Portugal hat man bislang sehr vorsichtig agiert und Politik, Gesundheitswesen, Wissenschaft und Wirtschaft bisher erfolgreich in Einklang gebracht. Obwohl das Gesundheitswesen in Zeiten der strengen Haushaltspolitik stark gelitten hat, ist das öffentliche System der Herausforderung gewachsen.
 
Länder wie Portugal zeigen eine gewisse Resilienz „in diesen Zeiten“. Man passt sich an die neuen Umstände an. Es herrscht jedoch auch ein Gefühl der Machtlosigkeit. Vor allem in einem Raum wie dem der EU sollten aber andere Formen des Umgangs mit Widrigkeiten gefunden werden. Bisher folgt die EU den Vorgaben der Stärkeren, statt an der Seite der Schwächeren zu gehen, und bemerkt dabei nicht einmal, dass sie auf diese Weise zerfällt und dass dies Konsequenzen für alle haben wird. Denn wenn es eine Zeit gibt, in der es aus geopolitischer Sicht nötig wäre, die Werte der EU zu stärken, dann wäre es genau diese. Schließlich sehen wir gerade, wie Weltmächte wie China, die USA, Russland, Indien oder Brasilien vor allem daran interessiert sind, eine ultrakapitalistische Wirtschaft zu stärken - autoritäre Staaten, die nicht selten der Demokratie den Rücken zukehren und auf einen verschärften Nationalismus setzen. Die EU sollte die Alternative dazu sein.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Alle sehen eine wirtschaftliche Krise mit unvorhersehbaren Folgen voraus. Wenn diese tatsächlich so eintreffen sollte, dann wird sie der größte Rückschlag der Menschheit sein, den ich miterleben werde. Ich verstehe nicht, wie wir hinnehmen können, dass es so kommen wird, ohne uns dabei selbst zu hinterfragen. Wir halten es für selbstverständlich, dass das herrschende sozioökonomische System nicht in der Lage sein wird, zufriedenstellende Antworten zu liefern. Aufgrund fehlender Ressourcen? Nein. Es hat damit zu tun, dass wir es nicht schaffen, diese angemessen zu verteilen, denn das System und seine Funktionsmodelle erweisen sich für die Mehrheit als wirkungslos. Wenn uns das jetzt klar wird, wäre es dann nicht an der Zeit darüber nachzudenken, die Gesellschaft strukturell zu verändern? Doch es ist durchaus möglich, dass unsere Gesellschaften in Zukunft nicht gerechter, egalitärer, demokratischer und freier werden, dass stattdessen der Kapitalismus obsiegt und noch unkontrolliertere Formen annimmt, und das auf Kosten vieler Menschen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Alles kann geschehen. Die Hoffnung ist lediglich die Repräsentation eines Wunsches nach Veränderung, der unterbewusst bereits vorhanden ist, ob individuell oder kollektiv. Sie ist die Manifestation einer Wahrheit, die bereits existiert, jedoch noch keinen festen Ausdruck erlangt hat. Insofern glaube ich, dass die Veränderung bereits geschieht, als Prozess und nicht als Ereignis. Anderseits verändern wir uns manchmal auch, wenn wir dazu gezwungen sind, und das ist alles. 

Was ist Ihre persönliche Strategie, damit umzugehen?

Ich habe mich an die Hygienevorschriften gehalten, aber nicht darauf verzichtet, täglich das Haus zu verlassen, um kleinere Einkäufe zu tätigen, die Zeitung oder einen Kaffee zum Mitnehmen zu kaufen. Ich mache auch kurze Spaziergänge in abgelegenen Gegenden und arbeite im Homeoffice. Kurzum: Ich kann mich nicht beklagen. Der soziale Kontakt fehlt mir, aber es gibt viele Menschen, denen es deutlich schlechter geht, die komplett ungeschützt sind. Ich habe nie den täglichen Kontakt zum öffentlichen Raum verloren. Momentan geht es darum, eine Situation mit unzähligen Fragezeichen zu bewältigen, ohne dabei auf die angemessenen sozialen wie auch hygienischen Vorsichtsmaßnahmen zu verzichten und dabei eine gewisse Normalität zu bewahren.

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