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Johannesburg
Sipho und Sifiso, Künstler

Sollte sich das Virus langfristig ausbreiten, wird unser Gesundheitssystem in eine große Krise geraten. Es wird nicht genügend Arzneimittel geben und die Todesfälle durch chronische Erkrankungen wie Tuberkulose und Krebs werden zunehmen. Für Menschen mit Geld besteht eine größere Wahrscheinlichkeit zu überleben als für die Unterprivilegierten, die sich keine hochwertige Gesundheitsversorgung leisten können.

Von Sifiso Samuel Gumede & Sipho Charles Gwala

Sipho & Sifiso © Sipho & Sifiso

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Die aktuelle Situation versinnbildlicht für uns persönlich und für unser Unternehmen einen Niedergang angesichts der Preisinflation und der Schwierigkeiten, die wir haben, unsere Kunstwerke zu verkaufen. Die Vorschriften und Verordnungen haben die Durchführung des normalen Betriebs erschwert. Viele Geschäfte in unserem Land mussten schließen, es konnten nur diejenigen weiter geöffnet bleiben, die wesentliche Dienstleistungen erbringen. Die Epidemie hat die Kunst- und Tourismusbranche in unserer Heimat Südafrika genauso hart getroffen wie in der ganzen Welt. Unser Unternehmensmodell operiert an der Schnittstelle eben dieser beiden Sektoren sowie im Bildungssektor, wo wir mit der Veranstaltung von Kunstführungen, Ausstellungen und Kunstentwicklungsprogrammen im Rahmen von Workshops aktiv sind. In der aktuellen Situation fühlt es sich so an, als hätte das Coronavirus die Weltwirtschaft in die Knie gezwungen, damit die Menschen kontrolliert werden können, indem das Militär und die Polizei gegen diejenigen vorgeht, die sich nicht an die neuen Regeln halten. Einige Tage nach dem landesweiten Shutdown am 27. Mai wurde die südafrikanische Wirtschaft von der internationalen Ratingagentur S&P aus den USA heruntergestuft, was eine Abwertung unserer nationalen Währung, des Rand, zur Folge hatte.

Alexandra ist ein komplexer Ort – nicht weil es das älteste Township im Norden von Johannesburg ist, sondern weil dort viele verschiedene Kräfte aufeinander einwirken. Es gibt zwar Eigentümer, aber jede*r kann tun und lassen, was er oder sie will, weshalb der Ort inzwischen völlig überfüllt ist. Viele Menschen teilen sich Toiletten und Wasserhähne. Dies ist ein Problem, weil die Provinz Gauteng inzwischen zu den Orten mit den höchsten Infektionsraten des Landes zählt. Die derzeitige Situation erinnert uns an die Ära der Apartheid, als die Polizei mit Gewalt gegen uns vorging und uns wie kriminelle Anhänger*innen einer politischen Bewegung behandelte. Militär und Polizei verprügeln die Bewohner*innen von Alexandra und Menschen im ganzen Land, weil sie keine Genehmigung oder Maske bei sich haben, wenn sie ihnen begegnen. In mehreren Fällen wies das Militär alle Anschuldigungen zurück, bis ein Anwohner in seinem Hinterhof von Soldaten getötet wurde. Offenbar wollen die Ordnungskräfte mit Gewalt für unsere Sicherheit sorgen, und wir fragen uns, warum die Regierung immer mehr Polizisten zum Einsatz bringt. Durch die Überbevölkerung fällt es den Menschen nicht leicht, eine soziale Distanz von einem Meter zu wahren. In einem Hinterhof leben plus/minus 41 Familien und damit bis zu 200 Menschen, in einigen Fällen sogar mehr. In einem Haus teilen sich vier bis sieben Menschen ein oder zwei Zimmer. In Südafrika gibt es in vielen Townships oder ländlichen Regionen kein fließendes Wasser. Doch eine der Möglichkeiten, das Virus einzudämmen, wäre regelmäßiges Händewaschen mit 70-prozentigem Alkohol oder Seife.

Nun leben wir schon seit 26 Jahren in unserem neuen Südafrika. Und die Menschen in der Regenbogennation, der wir angehören und auf die wir stolz sein sollen, leiden noch immer unter Armut und Verbrechen, Drogen, Korruption und Arbeitslosigkeit. In Alex, wie in vielen anderen Teilen des Landes, halten sich die Menschen nicht an die Regeln und Vorschriften des Lockdown. Dies wird sich langfristig als Problem erweisen, weil der Winter und damit die Grippesaison Einzug gehalten haben. Viele Menschen wurden verhaftet, weil sie Zigaretten oder Alkohol verkauft und Falschnachrichten verbreitet haben. Die Polizeistation in Alexandra wurde als Hotspot ermittelt; zwei Polizeibeamte waren positiv auf das Virus getestet worden. Für die Gemeinde sind damit Gefahren verbunden, weil weniger Polizeikontrollen einen Anstieg der Zahl der Straftaten zur Folge haben werden. Die meisten Familien hatten Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen, weil die Kneipen schließen mussten, wodurch die Preise für Alkohol in die Höhe schnellten. Wir konnten auch eine Stärkung der familiären Zusammenhalts beobachten, weil viele Menschen lieber Lebensmittel für ihre Familien besorgten, anstatt teuren Alkohol zu kaufen. Man wird dadurch erleuchtet, dass man sich zunächst die Dunkelheit bewusst macht. Carl Gustav Jung hat als Erster bewiesen, dass es eine Verbindung zwischen moderner Psychologie, Alchemie und Platonismus gibt. Mandalas zeigen, dass aus 13 Kreisen jede der platonischen Formen gebildet werden kann. Uns Menschen sagt unser Gewissen, ob etwas richtig oder falsch ist.
Polizeistaaten Polizeistaaten | Künstler: Sipho Gwala, 2020

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Sollte sich das Virus langfristig ausbreiten, wird unser Gesundheitssystem in eine große Krise geraten. Es wird nicht genügend Arzneimittel geben und die Todesfälle durch chronische Erkrankungen wie Tuberkulose und Krebs werden zunehmen. Für Menschen mit Geld besteht eine größere Wahrscheinlichkeit zu überleben als für die Unterprivilegierten, die sich keine hochwertige Gesundheitsversorgung leisten können. Ärzt*innen und traditionelle Heiler*innen sollten sich gemeinsam um ein Heilmittel bemühen, damit wir die Lebenserwartung der Menschen verlängern können. Wenn das Virus nicht gestoppt werden kann, gibt es keinerlei Hoffnung, dass wir in unseren Alltag zurückkehren können. Wir werden für immer im Lockdown ausharren müssen. Die Erkrankten werden gezwungen sein, ihre Gemeinden zu verlassen, weil die Gesellschaft sie aufgrund ihrer Corona-Infektion stigmatisieren wird. In der Folge wird es zu mehr Armut und Verbrechen in der Gemeinschaft und zu mehr Wut unter den Menschen kommen, die keine Jobs mehr haben, um ihre Familien zu unterstützen. Einige Gesundheitseinrichtungen wurden geschlossen, weil es an Produkten wie Handwaschmitteln fehlte.

Für uns liegt das Problem darin, dass es nicht genügend Mittel gibt, um die notwendigen Dinge zu finanzieren. Unsere Regierung hatte einen entscheidenden Anteil daran, die Öffnung des Zigarettenmarktes zu verhindern, durch den sich Corona schnell ausbreiten kann, weil sich mehrere Menschen eine Zigarette teilen. Gleichzeitig gehört der Zigarettenmarkt zu unseren wichtigsten Wirtschaftszweigen und wird unsere Konjunkturerholung in Teilen langfristig beeinflussen. Da es verboten ist, Zigaretten zu kaufen, boomt der Schwarzmarkt für Zigaretten und die Preise sind auf 3 bis 10 Rand pro Zigarette angestiegen. Wir können den Menschen keinen Vorwurf machen, dass sie illegale Zigaretten aus Nachbarländern verkaufen, weil viele von ihnen keine Arbeit mehr haben. Kleinunternehmen werden lange brauchen, um sich wieder zu erholen, weil die Zinsen für die von ihnen benötigen Arbeitsmittel hoch sind. Mit den von unserer Regierung bereitgestellten Finanzen können einige Bereiche wie die Polizei und die Gesundheitsversorgung unterstützt werden. Doch wir als Künstler*innen stehen vor dem Problem, dass wir kein Geld verdienen können, weil die Interaktion mit unserem Publikum unsere Arbeit ausmacht. Öffentliche Versammlungen von mehr als 50 Menschen wurden verboten. Für die Kreativindustrie ist es damit schwierig, einen normalen Betrieb aufrechtzuerhalten, weil wir mit großen Gruppen von Menschen arbeiten. Ein Teil der politischen Entscheidungsträger beklagt sich darüber, dass die Wirtschaft von Weißen kontrolliert wird und die Unterprivilegierten Gefahr laufen, sich mit dem Virus anzustecken, weil sie keinen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung haben und sich nicht an der Wirtschaft beteiligen können. Unterdessen steigt die Zahl der Infizierten weiter an.
Geld regiert die Welt Geld regiert die Welt | Künstler: Sifiso Gumede, 2020

Was macht Ihnen Hoffnung?

Die aktuelle Situation gibt uns als Menschen Gelegenheit, in uns zu gehen und darüber nachzudenken, welche Institutionen unserer Meinung nach an der Lösung unserer Probleme beteiligt sein sollten, während die Menschen mit den Folgen der COVID-19-Pandemie kämpfen. Tatsache ist doch, dass es dieser Krankheit gleichgültig ist, ob man reich oder arm, jung oder alt ist. Daher müssen diejenigen, die etwas haben, es mit denen teilen, die nichts haben. COVID-19 hat gezeigt, dass die Menschheit zu Ubuntu (Menschlichkeit) in der Lage ist. Große Unternehmen und andere Organisationen haben lebensnotwendige Dinge für die Unterprivilegierten gespendet, wie Maismehl und Finanzmittel für die Südafrikanische Sozialversicherungsanstalt (South African Social Security Agency, SASSA), um Arbeitslose zu unterstützen. Andere regierungsunabhängige Organisationen arbeiten mit älteren Menschen und kleinen Kindern. Sie haben durch das Virus allerdings verstanden, dass sie ihre Türen für alle Menschen öffnen müssen. Auch wenn dies anfangs nicht leicht war, weil Menschen, die keine Mitglieder waren, an den Toren oder in einer Schlange zurückgewiesen werden mussten. Wir verlassen uns darauf, dass sich unsere Wirtschaft wieder erholen wird. Unser Präsident hat gesagt, dass die Regierung einige Einschränkungen lockern und mehr wirtschaftliche Aktivitäten, beispielsweise von Bekleidungsgeschäften, Unternehmen usw., zulassen will. Das Bildungsministerium hat Mut bewiesen mit seinem Plan, die Schulen und Universitäten auf Grundlage von Stufe 3 des Lockdown wieder zu öffnen. Schülerinnen der Klassen 7 und 12 an der High School sowie Student*innen im dritten Studienjahr und Doktorand*innen mit Laboraufgaben sind am 1. Juni 2020 an die Schulen und Hochschulen zurückgekehrt.

Unsere Hoffnung besteht darin, dass Ärzt*innen und traditionelle Heiler*innen so schnell wie möglich ein Heilmittel finden und dass sie dabei zusammenarbeiten. Vor einem Monat, am 25. Mai, feierten wir den Afrikatag, und wir sagen dies voller Stolz: Es ist nun an der Zeit, dass Afrika seinen Platz in der Geschichte einfordert. Unser Kontinent ist reich an Bodenschätzen, Jagd‑ und Wildtieren oder auch Bäumen und Blumen. In den afrikanischen Gesellschaften hat es immer traditionelle Heiler*innen gegeben, und interessanterweise werden Kräuter als Heilmittel für alle möglichen Krankheiten verwendet. Wissenschaftler*innen kommen von überall her, um sich die Zutaten für Heilmittel zu besorgen. Und diese Mittel wirken und haben schon immer gewirkt. Wenn wir Menschen an einem Strang ziehen und die Leitlinien zur Eindämmung des Virus befolgen, können wir die Zahl der Infektionen senken. Wir stehen vor der vierten Industriellen Revolution. Menschen knüpfen Kontakte und treffen sich auf digitalen Plattformen, wodurch die Online- und App-Entwicklung beschleunigt wurde, damit Unternehmen sich an die aktuelle Situation anpassen können. Wenn Unternehmen überleben wollen, benötigen sie eine starke Online-Präsenz. In unserem Fall planen wir eine Online-Galerie mit Kunstkursen für Abonnenten. Auf diesem Weg wollen wir auch mit unseren Kund*innen kommunizieren und, nicht zu vergessen, ein Crowdfunding durchführen. Unsere Gemeinderäte in Alex haben uns Hoffnung gemacht, weil sie darum bemüht waren, in diesen verrückten Zeiten, in denen wir gerade leben, für die Menschen da zu sein und sicherzustellen, dass die Regeln von der Gemeinde befolgt werden. Wir hoffen, dass sich unser Unternehmen von der Krise erholen wird, wenn wir neue Strategie entwickeln, um uns mit der gegenwärtigen Situation zu arrangieren.
Alex (Phutadichaba) Verteilung von Lebensmittelpaketen Alex (Phutadichaba) Verteilung von Lebensmittelpaketen | Foto: Sipho Gwala

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