Portofrei Filterblasen und Faktendämmerung

Filterblasen und die Faktendämmerung
Grafik: Bernd Struckmeyer

Einst versprach man sich vom Internet, den gesellschaftlichen Diskurs zu demokratisieren – heute ist vor allem von Fake News und Filterblasen die Rede, wenn es um den Einfluss der Digitalisierung auf die Politik geht. Was können Journalisten tun, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen? Und was können Bürger tun, um wieder stärker miteinander ins Gespräch zu kommen? Darüber debattierten an dieser Stelle die Journalisten Robert Misik aus Österreich und Antony Loewenstein aus Australien. Ihr digitaler Briefwechsel war portofrei – und offen auch für Ihre Meinung, im Kommentarfeld dieser Seite oder auf Facebook, Twitter und Instagram unter dem Hashtag #portofrei. Geraldine de Bastion moderierte die Debatte.

Geraldine de Bastion Foto: Roger von Heereman / Konnektiv
Geraldine de Bastion: Der 4. Dezember 2009 markierte einen Paradigmenwechsel im Internet
: An diesem Tag begann Google damit, persönliche Profile für jeden Nutzer anzulegen und die Suchergebnisse individuell zu filtern. Dies beschrieb der Netzaktivist Eli Pariser als Beginn der Ära „personalisierter Weltsichten“ und prägte dafür den Begriff „Filterblasen“ in seinem Buch Filter Bubble: Wie wir im Internet entmündigt werden.
 
Die fortschreitende Individualisierung zeigt sich, wenn wir speziell auf uns zugeschnittene Werbung angezeigt bekommen – und eben auch in vermeintlich neutralen Werkzeugen wie Suchmaschinen, mit denen wir uns durch das Informationsmedium Nummer eins navigieren müssen, weil es sonst geradezu unbezwingbar ist.
 
„Customizing“ als Service ist allgegenwärtig. Statt Lexikon des Weltgeschehens ist das Internet ein „Special-Interest-Paper“. Auch auf unseren Social-Media-Profilen, die doch eigentlich verbinden sollen, statt zu trennen: Überall treffen wir zunächst mal auf eine Art „arithmetisches Spiegel-Ich“, wie Eli Pariser es in seinem Buch diagnostiziert. Algorithmen lernen durch unsere Klicks immer mehr über uns – und wir verstricken uns online immer stärker in unsere persönliche Bias: Nutzer bekommen im Internet nur noch das zu sehen, was zu ihrem Profil passt, zu ihrer Weltsicht, zu ihren festen Überzeugungen.
 
Einige Kritiker dieser Theorie behaupten, die Filterblase sei kein rein digitales Phänomen – sie sei in jedem Menschen von Anfang an angelegt. Man betrachtet die Welt aus seiner Brille, umgibt sich mit Gleichgesinnten und liest nur das, was die eigene Meinung bestätigt.
 
Wie nehmen Sie Ihre Filterblase wahr, online und offline? Gibt es Filterblasen überhaupt?  
 
 
Robert Misik Foto: Helena Wimmer
Robert Misik: Selbstverständlich gibt es Filterblasen. Darüber muss man doch gar nicht diskutieren.
Die Frage ist eher eine der Interpretation: Kapseln uns die Filterblasen der digitalen Kommunikation noch mehr ein als wir ansonsten eingekapselt werden? Wenn man die Frage so stellt, dann wird es schon komplizierter.

Moderne Gesellschaften bestehen aus einer Vielzahl an Subgruppen, die sich in Lebensart, politischer Überzeugung, persönlichem Stil und so weiter unterscheiden. Urbane Innenstadt-Milieus, proletarische Vorstadt, untere Mittelklasse in den Suburbs, die Superreichen in ihren bevorzugten Stadtteilen, Großstadt, Kleinstadt, Dorf … Die Bewohner dieser jeweiligen Sub-Communities kommen auch im realen Leben mit den Bewohnern anderer Sub-Communities nur sehr selten in Kontakt, und wenn sie in Kontakt kommen, dann auf eher oberflächliche Weise.

Mit der digitalen Kommunikation, sei das in Sozialen Netzwerken, sei das in Postingforen und anderen Online-Medien, wird diese Logik einerseits verstärkt, andererseits durchbrochen. Verstärkt, weil wir, wenn wir in das Raster einer Meinungs-Community hineinpassen, mit immer mehr Botschaften beschossen werden, die die vorherrschenden Meinungen dieser Meinungs-Communities bestärken. Das führt zu Verhärtungen, zu einem Tunnelblick. Aber das ist natürlich nur die eine Seite der Wahrheit. Wir können in den Sozialen Medien und in den Postingforen die Meinungen der anderen sehen, tagtäglich. Wir werden mit Haltungen konfrontiert, die wir ansonsten womöglich gar nicht wahrnehmen würden. Das wird oft übersehen, wenn wir von der filter bubble sprechen. 
 
 

Antony Loewenstein Foto: Reuben Brand Antony Loewenstein: Eine der gefährlichsten Entwicklungen der modernen Gesellschaft ist der Mangel an Empathie für unterprivilegierte Menschen. Entstehen konnte diese Krankheit, weil wir inzwischen unser Leben nur noch innerhalb unserer eigenen Blase wahrnehmen. Das, was wir nur online lesen und nicht mit eigenen Augen sehen, und das, was wir in unserem Alltag hören und erleben, mindert unsere Fähigkeit, Menschen zu akzeptieren, die aus unserer Sicht fremd aussehen oder klingen. Es ist nur zu einfach, dagegen zu sein, dass Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten oder Afrika kommen, wenn man selbst die wirtschaftliche Unsicherheit und den Rassenhass um sich herum erlebt und in seiner altvertrauten Tageszeitung, vom Fernsehmoderator oder auch seinem Freund gesagt bekommt, man soll alles Fremde fürchten, weil es eine Bedrohung für unser Leben darstellt. Um diesem Impuls zu widerstehen, muss man breit gefächerte Medien konsumieren und die Lage jeden Tag neu bewerten. Diese Tendenz hat es übrigens schon vor dem Zeitalter von Internet und Social Media gegeben, allerdings ist es inzwischen viel einfacher geworden, sich online nur mit seinesgleichen zu umgeben. 

Dies habe ich bei meiner eigenen Arbeit schon erlebt. Wenn ich als Journalist Gaza besuche und den Leuten dort sage, dass ich mich als Jude nicht von den hiesigen Einwohnern oder der islamistischen Regierung bedroht fühle, dann wird diese Haltung sofort argwöhnisch betrachtet. Schließlich haben die Medien seit Jahrzehnten verbreitet, dass Palästinenser von sich aus gewalttätig sind und Muslime alle Juden töten wollen. Diesen Irrglauben kann man nur zurechtrücken, indem man immer wieder die Wahrheit erklärt und das jahrelang propagierte Zerrbild vorführt. 

Der Aufstieg von Donald Trump, der Brexit und der überall in Europa, den USA und Australien aufsteigende Nationalismus hat mich dazu gebracht, noch mehr zu lesen, zuzuhören und über jene Bewegungen zu berichten, die diese politischen Erdbeben verursacht haben. Wenn man einen Donald Trump verächtlich aus seinem Amt wirft, werden damit nicht automatisch auch seine Anhänger verschwinden. Ich persönlich kenne niemanden, der Trump oder den Brexit gewählt hat und ich habe auch nichts mit weißen, nationalistischen Islamhassern zu tun, aber ich finde es ungeheuer spannend, herauszufinden, was diese Menschen antreibt. 
 
   
Geraldine de Bastion Foto: Roger von Heereman / Konnektiv
Geraldine de Bastion: Ich habe in den letzten Monaten öfter versucht, mich mit Bekannten von Freunden
und Followern von Followern außerhalb meiner „Filterblase“ auszutauschen. Meistens endeten diese Diskurse nach recht kurzer Zeit, indem man mir „Make Amerika great again“ oder andere Parolen an den Kopf warf. Auf Fakten basierende Argumente stießen auf wenig Gehör.
 
Auch Kolumnist Sascha Lobo hat für die im Mai ausgestrahlte Reportage „Manipuliert“ das Abtauchen in das „Andere“ gewagt und versuchte nachzuvollziehen, wie soziale Medien uns beeinflussen. Sein Befund: Sie nutzen Verzerrungen in unserer Wahrnehmung und in unserer Erinnerung. Besonders stark sei im Internet der Mitläufer-Effekt sowie die „Hyperemotionalisierung“: Soziale Medien sind Gefühlsmedien. Und weil das so ist, werden empörte Beiträge sehr viel weiter und schneller verbreitet. Seine Empfehlung: Plattformen reflektierter und bewusster zu nutzen. Je mehr man über die Funktionsweisen von Technologien weiß, desto weniger kann man manipuliert werden.
 
Was wir als Individuen versuchen, macht #ichbinhier als Kollektiv. Die Facebook-Gruppe geht gegen Hasskommentare und Hetze im Internet vor. Sie schreibt und liked sachliche und respektvolle Kommentare, um diese Positionen im Netz sichtbarer zu machen. Sie will damit das Diskussionsklima auf Facebook verbessern.
 
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht: Wie kann man den konstruktiven Diskurs außerhalb der Filterblase suchen und führen?
 
 
Robert Misik Foto: Helena Wimmer
Robert Misik: Ehrlich gesagt habe ich nicht wirklich die Zeit dazu, Online-Diskussionen außerhalb der Filterblase zu suchen
und zu betreiben. Denn es braucht erst einmal Zeit, die Gesprächspartner von der online-typischen aggressiven Abwehrhaltung zu einem vertrauensvollen Dialog zu bringen, und dann muss man auch noch einen halben Tag hin und her schreiben.
 
Ich weiß allerdings auch aus Erfahrung, dass Gespräche über Milieugrenzen und Meinungsgemeinschaften hinweg online einfach viel zu schwer zu führen sind. Die netzbasierte Kommunikation triggert Aggression, Grobheiten, die Freude an Polemik und Verhärtungen, und sie triggert nichts vom Gegenteil – also etwa Bedürfnisse nach Höflichkeit, nach Verbindlichkeit, oder die Bereitschaft, im Gegenüber mehr als nur einen Textträger, nämlich auch eine potenziell sympathische Person zu sehen (all das, was im „normalen“ Offline-Umgang eine Selbstverständlichkeit ist). Für die Menschen generell, also für dich und mich, gilt: Offline sind wir ja ganz nett, aber online sind wir Monster. Das hat auch damit zu tun, dass wir online nicht nur mit Personen sprechen, sondern auch vor Personen, also jede Kommunikation Beobachter hat, die mitlesen. Das allein verwandelt jeden Dialog ein wenig in einen Schaukampf. 

Aber es ist mir klar, dass man auch in sozialen Netzwerken mit ‚positiver‘ Kommunikation Wirkung haben kann. Es ist zwar einerseits wahr, dass man in sozialen Netzwerken sehr viel leichter Aufmerksamkeit erhält, wenn man negativistisch, dauerempört und polemisch agiert, zugleich ist ebenso wahr, dass das sehr vielen Menschen längst auf den Keks geht und positive Kommunikation daher auch „ansteckende Wirkung“ haben kann.
 
 

Antony Loewenstein Foto: Reuben Brand Antony Loewenstein: Wenn wir außerhalb unserer Filterblasen leben und arbeiten wollen, müssen wir zunächst einmal erkennen, dass unser bisheriges Sichtfeld eingeschränkt war und wir unsere Perspektive wechseln müssen. Ich bin stolz darauf, ein Liberaler zu sein, aber dennoch finde ich es immer wieder erschreckend, wie überheblich sich manche Mitglieder meiner eigenen Gruppierung in politischen Diskussionen aufspielen.

Nehmen wir den Irak-Krieg im Jahr 2003, den wohl folgenreichsten Konflikt des 21. Jahrhunderts. Unzählige Journalisten, Kommentatoren und angeblich seriöse Politiker aus aller Welt haben diese unrechtmäßige Invasion in den Irak und die Besetzung des Landes unterstützt, darunter auch viele fortschrittlich denkende Köpfe. Sie alle haben einen fatalen Fehler begangen, aber keiner von ihnen hat irgendwelche Konsequenzen zu spüren bekommen, die sich negativ auf die politische und berufliche Karriere ausgewirkt hätten. Und genau diese Leute befürworten nun die Bombardierungen in Syrien, Libyen, im Irak und in Afghanistan. Ich habe aus dieser grundlegenden Erfahrung gelernt, dass wir nicht nur die Lügen und Bigotterie unserer Feinde entlarven müssen, sondern auch erst einmal unsere eigene Haltung auf den Prüfstand stellen müssen, und zwar sowohl in unserem Online-Verhalten als auch im persönlichen Bereich.

Die Wahrheit auszusprechen kann weitreichende Folgen haben. Wenn Wikileaks schon im Jahr 2003 existiert hätte und die konspirativen, auf Lügen aufgebauten Gespräche zwischen George W. Bush und Tony Blair über den Irak-Krieg veröffentlich hätte, hätte man den Krieg dann vielleicht sogar verhindern können?

Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten erfüllt mich mit Grauen, trotzdem machen mir die sogenannten Fake News jetzt nicht mehr Sorgen als vor 15 Jahren. Die sozialen Medien haben dafür gesorgt, dass sich Gleichgesinnte zusammenschließen und sich von Menschen, die anderer Meinung sind, systematisch abkapseln. Dieses Gruppendenken finde ich aber noch viel bedrohlicher, wenn es um Krieg und Frieden geht und um all die Millionen Menschenleben, die die verstärkten nationalen Sicherheitsmaßnahmen und der Kampf gegen den Terrorismus seit dem 11. September gekostet haben.

Unser Ziel sollte es sein, online konstruktiv und verständnisvoll miteinander zu diskutieren und dabei persönliche Beleidigungen zu vermeiden. Keinesfalls sollten wir so arrogant werden, zu glauben, dass wir dabei die Wahrheit für uns gepachtet haben und andere, etwa die Anhänger von Trump, Brexit oder Marine Le Pen, allesamt nur unter Wahnvorstellungen leiden. 
 
 
Geraldine de Bastion Foto: Roger von Heereman / Konnektiv
Geraldine de Bastion: Wir halten uns online mit Facebook-Algorithmen und lauten Stimmen auf
, die aus den rechten Echokammern schallen. Wie Herr Misik aber bereits festgestellt hat, hat nicht jeder die Zeit und Kraft, sich für den pluralistischen Meinungsaustausch zu engagieren. Brauchen wir neue Tools, um eine digitale Agora zu sichern?

Sehen Sie den kompletten Beitrag von Moderatorin Geraldine de Bastion – diese Woche als Video: 
 
Robert Misik Foto: Helena Wimmer
Robert Misik: Ich würde zu Beginn die Frage aufwerfen, inwieweit die Technologie denn überhaupt selbst den Ton bestimmt.
Wenn wir das Gefühl haben, in diesen Online-Debatten läuft manches nicht so, wie es laufen soll – liegt das an den Menschen? Oder liegt es an der Zeit? Oder liegt es an der Technologie selbst?

Sehen Sie den kompletten Beitrag von Robert Misik – diese Woche als Video:
 

Antony Loewenstein Foto: Reuben Brand Antony Loewenstein: Wir müssen immer auch über den eigenen politischen Tellerrand hinausschauen. Meiner Meinung nach gelingt das am besten, indem man mit anderen Leuten spricht, und zwar persönlich und online.

Sehen Sie den kompletten Beitrag von Antony Loewenstein – diese Woche als Video:
 
Geraldine de Bastion Foto: Roger von Heereman / Konnektiv
Geraldine de Bastion:
Ich stimme Antony zu: Die in den letzten Jahren entstanden neuen journalistischen Initiativen
, die bei einem investigativ untermauerten Wahrheitsverständnis ansetzen, sind vielversprechende Wegweiser – wie etwa Correctiv in Deutschland oder auch The Intercept, die Antony in seinem Videobeitrag bereits erwähnt hat.

Hier setzt auch Eliott Higgins’ Bellingcat an: ein Recherchenetzwerk, das mithilfe von online verfügbaren, gecrowdsourcten Informationen zum Beispiel den Einsatz von Waffen im syrischen Bürgerkrieg untersucht. Das Team wertet Fotos und Videos aus, die öffentlich zugänglich sind, und versucht so aufzuklären, wo andere nur spekulieren. Dies könnte ein Ansatz sein – und eine Fähigkeit, die ich mir nicht nur bei Spezialisten wünschte: die Kompetenz, Informationen zu hinterfragen und in Kontext setzen zu können, und diese nicht einfach nur ungeprüft zu übernehmen. 

Wie erreichen wir, dass mehr Internetnutzer diese Kompetenz entwickeln? Ein wichtiger Ansatz ist natürlich Bildung, die zu mehr Medienkompetenz führt. 

Ich stimme Antony auch darin zu, dass neben allen berechtigten Bedenken bezüglich Filterblasen ein anderer Aspekt der sozialen Medien ebenfalls wichtig ist: dass hier Meinungen aufeinanderprallen, die sich im echten Leben kaum begegnen. In einem Ted-Talk erklärt Megan Phelps-Roper, wie sie in der Westboro Baptist Church aufwuchs und ihre Kindheit damit verbrachte, gegen Homosexuelle, Juden und andere zu predigen, die von der Westboro Baptist Church als böse definiert werden. Nur durch Twitter lernte sie langsam, andere Perspektiven zu verstehen und ihren Glauben kritisch zu reflektieren.

Auch ich scrolle täglich durch Twitter-Konversationen und erschrecke teilweise über die Perspektive anderer – bin aber auch froh, dass ich sie auf diese Weise überhaupt wahrnehme. Hier zeigt sich, wie unterschiedlich verschiedene Plattformen und ihr Aufbau solche Diskurse beeinflussen: Während ich auf Facebook selten Begegnungen mit Menschen aus anderen politischen Spektren habe, finden sie auf Twitter regelmäßig statt. 

Wir brauchen aus meiner Sicht sowohl die Medienstrukturen, also Plattformen, die den Diskurs fördern, als auch die Kompetenz, diese zu nutzen und sich einzubringen. Zu Recht ist Robert skeptisch, was die Umsetzung dieser Ansätze angeht. Vielleicht brauchen wir aber doch:

1. mehr Förderung für offene Plattformen und mehr Druck auf Plattformen wie Facebook,

2. mehr Förderung für neue journalistische Ansätze und 

3. endlich richtigen Medienunterricht an Schulen. 

Was wären Ihre Forderungen?
 
 
Robert Misik Foto: Helena Wimmer
Robert Misik: Ich stimme Antony natürlich in vielem zu, möchte aber ein paar mögliche Einwände formulieren
, oder Gegenevidenzen, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten. 

Natürlich ist es prima, wenn dissidente Gruppen, Unzufriedene und andere ihre eigenen Medien gründen, und es ist noch besser, wenn es diesen Medien gelingt, eine relevante Anzahl von Lesern und Leserinnen zu gewinnen. Nur sollten wir gerade im Kontext unseres Themas nicht übersehen, dass das dann meist auch nur Medien sind, die eine kleine Zielgruppe an Leserinnen und Lesern erreichen, und meist natürlich die, die schon zuvor nach einem Medium dieser Art suchten.

Was es aber dann immer weniger gibt sind Massenmedien im positiven Sinne des Wortes, also Medien, die eine breite, diverse Leserschaft haben, die weite Teile einer Gesellschaften verbinden, weil sie im Idealfall dafür sorgen, dass wir eine gewisse gemeinsame Basis an Information, an Themensetting haben.

Ein größeres Problem, das viel mehr zu einer „Einheits-Kultur“ in den Medien beiträgt als die Inserate der Energiewirtschaft, von denen Antony sprach, scheint mir aber ein anderes: Was gerne übersehen wird, sind die unsichtbaren Eintrittshürden in den Journalismus als Beruf generell. Mein Eindruck ist, dass diese Hürden in vielen Ländern höher werden. Die Ausbildung ist teuer, der Berufseinstieg dauert lange, in vielen Ländern ist die Bereitschaft, lange, unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktika zu machen, eine Notwendigkeit. Wer kann sich das schon leisten? Kids aus der Oberschicht oder der upper middle class. Die Mehrzahl derjenigen, die überhaupt eine Chance bekommen, sind dann: jung, weiß, reich. Es gibt somit eine Monokultur unter denen, die überhaupt in die Lage versetzt werden, schreibend unsere Wirklichkeit zu begleiten. Das können liebenswerte Menschen mit den besten Absichten sein, aber sie haben doch eine natürliche Perspektive, und diese ist nicht die Perspektive des Einwandererkinds, das mit Sozialhilfe aufwuchs.

All das heißt für mich, dass es nicht „die Lösung“ gibt, die Golden Bullet, mit der wir diese Probleme lösen. 

Wir brauchen gute Stipendien für junge Journalisten, Affirmative Action, bezahlbaren Wohnraum in den Metropolen (wo sich ja die Medien ballen), wir brauchen wohl auch Modelle für öffentliche Finanzierung von Medien, durch die sowohl die großen etablierten Medien in die Lage versetzt werden, Qualitätsstandards zu halten, als auch neue gegenkulturelle Medien in die Lage versetzt werden, innovativen Journalismus zu entwickeln – ohne dass damit ein Eingriff in Inhalte einhergeht. Wir brauchen smarte Lösungen, entweder für neue Soziale Medien, oder um die existierenden Sozialen Medien besser zu nutzen, das heißt, auf eine Art und Weise, von der wir alle profitieren, nicht nur Herr Zuckerberg. Und wahrscheinlich tausend andere wichtige Ideen dazu.
 
 

Antony Loewenstein Foto: Reuben Brand Antony Loewenstein: Wir werden derzeit von Public Relations geradezu erschlagen, und zwar zu Lasten des Journalismus. Laut einer aktuellen US-Umfrage kamen dort vor 15 Jahren noch auf jeden Reporter zwei PR-Leute, heute sind es 4,8. Das Ergebnis: Die Öffentlichkeit wird zunehmend mit als „Nachrichten“ deklarierten Pressemitteilungen zugeschüttet, weil es einfach zu wenig Journalisten gibt, die das Tagesgeschehen kritisch analysieren.

Ein Weg, diesem besorgniserregenden Trend entgegenzuwirken, wäre es, durch öffentliche Gelder die Vielfalt des Journalismus zu unterstützen. Eine von der Regierung gesponserte Presse ist aber nicht die einzige Lösung. Vielmehr müssen wir schon in einem möglichst frühen Alter lernen, unsere Filterblasen zu verlassen. Vom Kindergarten an und dann weiter in Schulen und an Universitäten müssen wir dringend Wert auf Medienkompetenz legen und die Wichtigkeit von verantwortungsvollem und anklagendem Journalismus betonen. Es würde uns allen gut tun, wenn wir den berühmten Ausspruch des Journalisten Claud Cockburn wie ein Mantra wiederholen würden: „Glaube nie etwas, bevor es offiziell dementiert worden ist.“

Bei der Verarbeitung der täglichen Behauptungen aus Regierungs- und Unternehmenskreisen sollte man also ruhig eine gesunde Portion Skepsis walten lassen. Man sollte keinem Journalisten trauen, nur weil er in einer privilegierten Situation ist. Ein Journalist sollte sich vielmehr mit einer Berichterstattung Respekt verdienen, die unseren Blick für die Gesellschaft schärft und denjenigen mit Empathie begegnet, die zum Schweigen gebracht wurden oder vergessen worden sind.

Trotz der rasanten Ausbreitung von sozialen Netzwerken im letzten Jahrzehnt ist der persönliche Kontakt mit Menschen immer noch viel besser dazu geeignet, Menschen zum Nachdenken zu bewegen, als ein Statement zu re-tweeten oder ein Facebook-Posting zu teilen. Kurz: Sprechen Sie mit den Leuten, die anderer Meinung sind als Sie! Gehen Sie zu Gesprächsrunden mit Autoren und Politikern, mit denen Sie alles andere als konform gehen und verbringen Sie weniger Zeit online.

Ach ja, und noch ein paar Tipps für einen gesunden Lebensstil: Genießen Sie die Sonne, lesen Sie ein Buch, gehen Sie mit einem Freund essen und teilen Sie Ihre Mahlzeiten nicht auf Instagram!
 
 
Geraldine de Bastion Foto: Roger von Heereman / Konnektiv Geraldine de Bastion: Die letzten vier Wochen haben wir zum Thema Filterblasen diskutiert. Wir haben dabei unter anderem den Begriff definiert und technische Strukturen thematisiert. Wir haben über die Funktionsweisen von Echokammern und die Verantwortung des Einzelnen gesprochen, sich aus ihnen heraus zu trauen, sowie auch über die Möglichkeit, durch soziale Medien aus der „Offline-Filterblase“ auszubrechen, und über Chancen neuer Journalismusmodelle.

Im Vergleich zu unserer vorherigen Debatte zum Thema Heimat hat sich diesmal leider unsere Diskussion nicht weit aus ihrer eigenen Filterblase bewegt. Auch wenn z.B. der Videobeitrag von Robert Misik laut Facebook-Statistik von ca. tausend Personen gesehen wurde, eine Diskussion auf sozialen Medien entstand hierzu nicht. Die einzigen Reaktionen bezogen sich auf die Diskussionsteilnehmer, nicht den Inhalt unseres Gesprächs.

Trotzdem hoffe ich, dass die Diskussionsbeiträge als Referenz für zukünftige Debatten genutzt werden, allein wegen der konkreten und wichtigen Forderungen und Vorschläge, die geäußert wurden, und vor allem, dass Sie Lust haben, bei der kommenden Diskussion mitzureden, in den Kommentaren, auf Twitter oder Facebook. Beim nächsten Mal diskutieren wir über Werte wie Demokratie und was das ganz konkret für jeden Einzelnen von uns bedeutet. Diskutieren Sie mit – ab Mitte September!