Portofrei Courage und Engagement – was wir tun können

Portofrei
Grafik: Bernd Struckmeyer

Warum haben Nationalismus und Populismus derzeit so einen starken Zulauf? Um das zu verstehen, ist Ursachenforschung nötig. Woraufhin sich weitere Fragen stellen: Was können wir dieser Entwicklung im Sinne einer liberalen Demokratie entgegensetzen? Wie können wir Zivilcourage zeigen? Was ist jetzt zu tun? Kübra Gümüşay, Publizistin und Aktivistin, und der Politikwissenschaftler und Autor Luis Felipe Miguel diskutieren, was jeder Einzelne von uns im Alltag tun kann, um sich für eine offene und tolerante Gesellschaft stark zu machen. Die von Geraldine de Bastion moderierte Debatte ist offen für Ihre Meinung: im Kommentarfeld dieser Seite oder auf Facebook und Twitter unter dem Hashtag #portofrei.

17. November 2017   |   Kübra Gümüşay
Kübra Gümüşay Foto: Mirza Odabaşı Wenn man verstehen möchte, wie der Rechtspopulismus in unseren Gesellschaften, in West-Europa und den USA, derart erstarken konnte, dann muss man sich auch mit seinen Strategien beschäftigen. Eine der Strategien ist die Diktatur der Themen, mit denen wir – „wir“ sind all jene, die für eine plurale und offene Gesellschaft stehen – uns beschäftigen sollen. Aber auch die Diktatur der Form, in der wir uns miteinander beschäftigen. Und die Diktatur der immerwährenden Wiederholung dieser Beschäftigung.

Durch kalkulierte Provokationen schafften die Rechtspopulisten es, die politische und mediale Agenda in Deutschland weitestgehend zu dominieren. Wir reagierten auf jede ihrer Provokationen. Einerseits mit Empörung – wir glaubten, dass wir uns dabei erhöht hätten, weil sie uns eine moralische Steilvorlage boten. Andererseits verstanden wir darin den Auftrag, diese Themen zu diskutieren, zu erklären, um dem Vorwurf zu entgehen, man würde kritische Themen unterschlagen oder Denkverbote erteilen. Ein Paradebeispiel für diese Diktatur der Inhalte ist Alexander Gaulands (AfD) Aussage über den Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng gewesen. Gauland sagte, „die Leute“ würden „einen Boateng“ nicht zum Nachbarn haben wollen. Daraufhin wurde in sämtlichen Medien darüber diskutiert, ob Boateng ein guter Nachbar sei, andere machten sich über Gauland lustig, wieder andere führten Interviews mit Boatengs Nachbarn. Und plötzlich standen wir vor menschenfeindlichen Grundfragen, die in die Richtung gingen: Können schwarze Menschen gute Nachbarn sein?

Allein die Diskussion dieses Themas auf dieser Ebene ist ein Einknicken vor der Diktatur der Inhalte durch Rechtspopulisten. Denn damit erheben wir ihre Beschimpfungen und destruktiven Inhalte zu legitimen „Meinungen“, obwohl diese beispielsweise ganz klar rassistisch und menschenfeindlich sind.

In der Folge heißt das aber nicht: die AfD und ihre Provokationen einfach ignorieren und ihnen damit freie Bahn gewähren, sondern: Wir sollten genau überlegen, wie auf sie zu reagieren ist. Beispielsweise, indem diskutiert wird, dass sie bewusst provozieren. Also Rechtspopulisten und ihre Strategien entlarven, statt ihnen auf den Leim zu gehen.

Stärkere politische Bündnisse gegen rechts können nur entstehen, wenn wir eine eigene Agenda entwickeln. Eigene Themen setzen, statt uns der Themen-Diktatur von rechts unterzuordnen. Das bedeutet Arbeit, Streit und Schweiß. Aber es ist ein Weg, den es sich zu gehen lohnt. 
 
14. Novembro 2017   |   Geraldine de Bastion
Geraldine de Bastion Photo: Roger von Heereman / Konnektiv Liebe Kübra, lieber Luis Felipe,

ich freue mich auf die Diskussion
, die wir – gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern – in den kommenden Wochen führen: Wir wollen uns über die Ursachen der nationalistischen und populistischen Strömungen austauschen – und darüber, was wir dagegen tun können.

Vergangenen Samstag demonstrierten Zehntausende Nationalisten und Rechtsradikale in der polnischen Hauptstadt Warschau. Laut einem Bericht von CNN trugen Demonstranten Transparente, auf denen „White Europe, Europe must be white“ und „Pray for an Islamic Holocaust“ zu lesen war. Experten schätzen, dass dies eine der größten Demonstrationen der extremen Rechten in den vergangenen Jahren war.

Der rechte Populismus scheint Europa zu durchdringen. In Polen, Ungarn, Tschechien, aber auch Frankreich und in Deutschland sind Rechtspopulisten in den Parlamenten oder sogar an der Regierung. Was viele immer noch nicht wahrhaben wollen, ist längst Realität: Rechts zu sein gilt heute als akzeptabel.

Die Reaktion der anderen Parteien auf den Einzug der AfD in den Bundestag, die ich am Wahlabend und in den darauffolgenden Wochen wahrgenommen habe, war eine klare Positionierung in Richtung der Wahlparolen der AfD. Stichwort: Migration einschränken. Warum positionieren sich nicht mehr Politiker klar gegen die Positionen der Rechten? Warum gibt es noch keine stärkeren politischen Bündnisse in Europa gegen rechts?