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Portofrei
Stadt, Land, Europa – wie die Kunstwelt zusammenwächst

Portofrei #2 Runde 2
Wie können wir gemeinsam agieren? | Illustration: © Bernd Struckmeyer

Kunst kennt keine Grenzen, die Kunstwelt hingegen schon. Wie können sich Kuratoren und Künstler besser vernetzen – und für gemeinsame Werte einstehen? Darüber diskutieren: Simona Da Pozzo, Gottfried Hattinger und Hajnalka Somogyi – und Sie können mitmachen: auf dieser Seite sowie auf Twitter und Facebook unter dem Hashtag #portofrei!

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2. Juli 2019   |   Simona Da Pozzo
Simona Da Pozzo Foto (Ausschnitt): Emilia Castioni Auch in diesem Jahr stießen die Europawahlen wie immer keine große Debatte in Italien an. Die Diskussionen blieben auf lokaler Ebene und setzten keine weitreichenden Perspektiven. Selbst unter Künstlern fand keine nennenswerte Mobilisierung statt, obwohl einige von ihnen, wie Mirco Canesi, über das Thema im Zusammenhang mit der eigenen künstlerischen Arbeit nachdachten. Mit seiner Einzelausstellung „European Party“ im Kunstraum Recent Activity in Birmingham reflektierte Canesi jedoch weniger über die bevorstehenden Wahlen, als über die mögliche Bedeutung, die die europäische Gemeinschaft für ihre Bürgerinnen und Bürger heute haben kann.

Wenn wir die Ergebnisse der Europawahl betrachten, stellen wir fest, dass der Zuspruch für die Lega, für das reine Mehrheitsprinzip in Italien, momentan noch von einer breiteren europäischen Vision überwogen wird. Das sorgt zwar für Erleichterung, hält uns aber auch in einem Schwebezustand.

Diese Wahlen verdeutlichen für mich die dringende Notwendigkeit, dem Aufstieg der Rechtsextremen etwas entgegenzusetzen

Dieser Schwebezustand, der einem schlimmeren Szenario vorausgehen könnte, erfordert von Kunstschaffenden, die Distanz zwischen Kunstpraxis (die als vielschichtig gilt) und Dialog (der eine Vereinfachung sein soll) neu zu überdenken. Sie appelliert an uns, in diesen Zwischenraum kritisch einzudringen und dort kleinere und größere Umstöße von Denkmustern anzuregen. Dabei kommt dem Narrativ eine Schlüsselfunktion zu. Unter dem Druck profaschistischer Einflüsse hat sich das dominante Narrativ in ein dominierendes Narrativ verwandelt und ein Feindbild auf Kosten der Logik und Geschichtsschreibung geschaffen. Das ist das Ausmaß, gegen das man sich jeden Tag zur Wehr setzen muss. Diese Wahlen verdeutlichen für mich die dringende Notwendigkeit, dem Aufstieg der Rechtsextremen etwas entgegenzusetzen, etwa indem man sich täglich der ermüdenden Aufgabe widmet, mit Passantinnen und Passanten (im Bus, auf der Post, in der Bäckerei) zu diskutieren. Vielleicht sollten wir hier neu ansetzen – Menschen begegnen, dem Unerträglichen zuhören, Quellen, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wieder als Schwerpunkte in das Narrativ einbinden  –, um Aktionen von Kunstschaffenden sowie von Bürgerinnen und Bürgern auf den Weg zu bringen, die Zweifel und alternative Gedanken säen können.

Eines ist jedoch positiv: Die Abwesenheit von Salvini im Europaparlament in der Vergangenheit lässt hoffen, dass der Einfluss der Lega auf das neue Parlament, trotz der 28 gewonnenen Sitze, absolut bedeutungslos sein wird. Anders ausgedrückt hoffen wir, dass das Schlimmste bedeutungslos sein wird, zumindest auf europäischer Ebene.
1. Juli 2019   |   Gottfried Hattinger
Gottfried Hattinger Foto (Ausschnitt): Julia Vogt Die Stimmung vor und nach der Wahl in Österreich ist bekanntlich besonders interessant gewesen: Wir durften uns über den Sturz der rechts-rechten Regierung freuen, ausgelöst durch das Bekanntwerden dümmlich-perfider und antidemokratischer Gesinnung einiger Regierungsmitglieder.

Und nein: Ich war an keinen konkreten politischen Projekten beteiligt; habe als Kunstkurator auch nicht die Ressourcen und Netzwerke, um in irgendeine Richtung zu mobilisieren. Was Auswirkungen der politischen Verhältnisse auf den Kulturbetrieb betrifft, so mögen dies zwei Zahlen aus meinem Heimatbundesland Oberösterreich illustrieren, wo immer noch eine Koalition der konservativen Partei ÖVP mit der rechten FPÖ regiert: Während das Ankaufsbudget für Kunst von 190.000 auf 20.000 Euro gekürzt wurde, durften sich gleichzeitig die am äußerst rechten Rand agierenden Burschenschaften von einem Subventionszuwachs von 15.000 auf satte 120.000 Euro freuen.

In diesen repressiven Zeiten kommt der Rolle von Kultur und Kunst eine extrem wichtige Funktion als Korrektiv zu

Alleine dieses Beispiel verdeutlicht sowohl den Stellenwert, den der Kultur zugemessen wird, als auch die gesellschaftliche Richtung, in die wir driften. Dass die Entwicklung für die Kulturschaffenden fatale Auswirkungen hat, liegt auf der Hand. Sie sind ja die natürlichen Feindbilder der Rechten. Trotzdem kommt gerade in diesen repressiven Zeiten der Rolle von Kultur und Kunst eine extrem wichtige Funktion als Korrektiv zu.

Für mich persönlich sehe ich keine Auswirkungen der Europawahlen auf meine Arbeit; zurzeit habe ich das Privileg, in einem guten kulturpolitischen Klima in Baden-Württemberg agieren zu dürfen.

Portofrei und die EU-Wahlen 2019

In unserem bisherigen Diskurs ging es darum, wie Kunst und Politik miteinander verknüpft sind und inwiefern Künstler*innen und Kurator*innen lokal und global mit ihrer Arbeit auf Diskurse einwirken und sich untereinander vernetzen und für gemeinsame Werte einstehen können. Unsere Debatte bekam eine aktuelle Bedeutung, als im Mai 2019 die neunte Europawahl stattfand und Menschen in 28 Staaten über das neue Parlament abstimmten.
 
Der Ausgang der Europawahlen in den Ländern, aus denen Sie kommen – Ungarn, Italien, Österreich –, wurde auch international mit großem Interesse beobachtet. Wir möchten deshalb zum Abschluss von Ihnen wissen: Wie haben Sie als Künstler die Stimmung vor der Wahl und den Wahlkampf selbst wahrgenommen? Haben Sie sich mit konkreten Projekten daran beteiligt, etwa für die Wahl mobilisiert? Was bedeuten die Ergebnisse der Europawahlen in Ihren jeweiligen Ländern für Sie und Ihre Arbeit?



1. April 2019   |   Simona Da Pozzo
Simona Da Pozzo Foto (Ausschnitt): Emilia Castioni Um Kultur, Kunst und Bürgerrechte ist es derzeit nicht gut bestellt, sowohl politisch als auch wirtschaftlich betrachtet. Aus dieser Situation heraus sind in den vergangenen Jahren zahlreiche unabhängige von Künstlerinnen und Künstlern organisierte Projekte, Orte für Kultur und Veranstaltungen entstanden. Einige sehen sich als eine Art Gewerkschaft, andere sind eher ein Zusammenschluss von Aktivisten und wieder andere vereinen beides, wie etwa das Netzwerk Non Riservato.

Ich glaube, dass das Netzwerken derzeit zu den interessantesten Strategien zählt: Es sorgt dafür, dass sich Beziehungen regenerieren können und Menschen aktiv teilhaben können, wie etwa folgende Beispiele zeigen:

Nesxt, ein unabhängiges Kunst-Netzwerk, das einen intellektuellen und künstlerischen Austausch zwischen Independent-Kollektiven, Veranstaltungsorten und Projekten ermöglichen will. 

Aus Künstlern und Kuratoren werden Stadtplaner und Kulturmacher

Altofest, ein Performance-Festival in Neapel, das Bürger und Künstler aus aller Welt auf der Grundlage, dass jeder aktiv vor Ort seinen Beitrag leisten kann, zusammenbringt.

A Cielo Aperto, ein aus einer Bürgerinitiative heraus entstandenes Projekt im süditalienischen Latronico. Mit einem sehr geringen Budget arbeiten die Künstler mit den Menschen vor Ort jedes Jahr an einem Kunstprojekt, welches öffentlich ausgestellt wird.

Kurz, aus Künstlern und Kuratoren werden auf der Suche nach neuen Perspektiven Stadtplaner und Kulturmacher. Damit üben diese Leute Funktionen aus, die in letzter Zeit nicht gerade von Leidenschaft und Visionen geprägt waren. Sie sind also Teil eines globalen Bemühens, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern und schließen damit oft auch Lücken zwischen einzelnen Menschen.
28. März 2019   |   Hajnalka Somogyi
Hajnalka Somogyi Foto (Ausschnitt): Csaba Aknay / Orbital Strangers Wenn man außerhalb des institutionellen Rahmens Kunst schaffen will, braucht man viel Engagement und ausreichende finanzielle Ressourcen. Die OFF-Biennale war am Anfang so etwas wie eine Bewegung: Sie ist aus dem allgemeinen Frust und dem Unmut vieler Menschen heraus entstanden, die das Bedürfnis verspürten, mit ihrer Kunst bestimmte Werte und Diskurse zu vermitteln, die auch mal gegen das offizielle Programm gerichtet sein können.

Schon sehr früh hatten sich Kunstexperten sowie Künstlerinnen und Künstler bereit erklärt, für die erste OFF-Ausgabe ehrenamtlich zu arbeiten. Wir haben zwar diverse finanzielle Quellen angezapft, möglich wurde das Projekt letztendlich jedoch nur durch die Großzügigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Natürlich grenzt eine solche Praxis schnell an Ausbeutung, darum waren wir von Anfang an bemüht, die Beiträge auch finanziell zu honorieren

Mit unserem transnationalen Netz können wir der gegen uns gerichteten Lokalpolitik etwas entgegensetzen

OFF wurde als Dachprojekt für unabhängige Kunstinitiativen in Ungarn gegründet, und so war das Konzept der Zusammenarbeit schon immer ein zentraler Bestandteil dieses Projekts. Inzwischen sind viele Gruppen und Orte aus der Anfangszeit als Folge von Förderungskürzungen und dem generellen politischen Klima, das viele Kunstschaffende vertrieben hat, nicht mehr aktiv. Wir versuchen dennoch, all jene, die geblieben sind, in unsere nächste Ausgabe mit aufzunehmen. Außerdem setzen wir auf Zusammenarbeit mit Bürgerverbänden, Forschungs-Teams und lokalen NGOs, um unser Projekt auch außerhalb der Kunstszene sichtbar zu machen.

Wir bewerben uns um internationale Förderungen und bauen ein transnationales Netzwerk auf. Letzteres scheint von wachsender Bedeutung zu sein, nicht nur wegen der daraus entstehenden Diskurse, sondern auch, weil wir damit der gegen uns gerichteten Lokalpolitik etwas entgegensetzen können.
14. März 2019   |   Gottfried Hattinger
Gottfried Hattinger Foto (Ausschnitt): Julia Vogt Zunächst möchte ich meinen Respekt für Hajnalka Somogyi und ihrer OFF-Biennale in Budapest ausdrücken; für die Strategie der Selbstermächtigung und der widerständigen Energie in einem repressiven politischen System, das kritische Stimmen jedweder Provenienzen unterdrückt. Aber die angesprochene „Blase“ suchen wir uns zumeist nicht selber aus, ob sie nun als Schutzraum oder als Tummelplatz für Gleichgesinnte fungiert. 

Wir geraten hinein, weil wir symbiotische Beziehungen und Partnerschaften brauchen oder weil uns durch die Verhältnisse nichts anderes übrig bleibt. Die Luft in den Kunstblasen ist aber schon sehr dünn geworden, nicht nur in Ungarn oder Polen. In meinem kuratorischen Filterbläschen habe ich es noch einigermaßen bequem, weil ich kaum Partnerschaften suchen musste, sondern immer gefunden worden bin. Die Netzwerke entstehen wie von selbst mit den Projektarbeiten.
 

Wie weit lassen wir uns instrumentalisieren?

Letztlich sind die Spannungsverhältnisse zwischen Kunst und Gesellschaft uralt, gleichwohl der Künstlerschaft politische Verantwortung immer wieder abverlangt wurde und wird.

„Der Künstler beginnt politisch zu handeln, sobald er sich dem politischen Missbrauch entzieht“, und: „Nichtanpassung bedeutet, dass der Künstler hinter die von den Politikern determinierte Welt seine Fragezeichen setzt“, schreibt Werner Hofmann in seiner kleinen Schrift „Kunst und Politik“, die ich anlässlich unseres portofreien Diskurses wiedergelesen habe. Wie weit lassen wir uns instrumentalisieren? Gibt es nicht auch korrumpierbares Gewebe im Kunstbetrieb?
12. März 2019   |   Geraldine de Bastion
Geraldine de Bastion Foto (Ausschnitt): Roger von Heereman / Konnektiv Das „Festival der Regionen“, von dem Gottfried Hattinger spricht, scheint mir ein gutes Beispiel zu sein für Räume, die wir uns selber schaffen, um sie mit Gedanken zu füllen. Es ist auch eine Art von Blase, in der wir uns die Freiheit geben, unter Gleichgesinnten unsere Ideen zu teilen und weiterzuentwickeln.

Unsere individuellen Filterblasen sind nicht nur informationelle Echokammern. Sie können auch, wie Hajnalka Somogyi erklärt, Schutzräume sein, die uns helfen, unsere Gedanken zu fokussieren und das Rauschen der Informations- und Meinungsflut auszublenden. Wen lassen wir rein in unsere Filterblasen? Wo finden wir unsere Kollaborateure, unsere Mentoren, unsere Partner?

Es gibt unterschiedliche Strategien, um Begegnungen zu schaffen

Eigene Räume kreieren oder öffentliche ausfüllen: Es gibt unterschiedliche Strategien, um Begegnungen zu schaffen. Der dezentrale Ansatz der OFF-Biennale ist ein gutes Beispiel, wie man die weitere Gesellschaft einbeziehen und Kunst zum Betrachter bringen kann. Solche Formate brauchen Patenschaften. Ich nehme an, Projekte wie das von Simona, wo der Bürgersteig durch subtil versteckte Nachrichten zu einer Art Geheimbrief wird, den der Regen entschlüsselt, ist auch nur durch die Kooperation mit den jeweiligen Städten möglich.

Dieses Mal würde ich gerne wissen, ob und wie Sie Partnerschaften suchen, um ihre Arbeit zu ermöglichen und zu amplifizieren. Von Ungarn bis Brasilien werden Künstler und anders Denkende durch autoritäre Regimes unterdrückt und Mittel gekürzt. Wenn die Zusammenarbeit mit Regierungen keine Option ist, welche anderen Formen der Unterstützung und welche Netzwerke gibt es für Künstler, um auf nationaler Ebene Einfluss zu haben?
12. Februar 2019   |   Hajnalka Somogyi
Hajnalka Somogyi Foto (Ausschnitt): Csaba Aknay / Orbital Strangers Die OFF-Biennale in Budapest boykottiert die staatliche Kunst-Infrastruktur in Ungarn; das Projekt findet außerhalb der öffentlichen Kunsteinrichtungen statt. Somit befindet es sich schon einmal außerhalb der professionellen Kunst-Filterblase: Wir gehen in den öffentlichen Raum, Geschäfte, Cafés, Industrieflächen, soziale Zentren. Dabei passt die Art der Präsentation sich oft ihrem Umfeld an. Für die Zuschauer ist es sehr abenteuerlich, einige versteckte Winkel der Stadt zu erkunden – und die Projekte erscheinen so ganz offensichtlich weniger losgelöst vom Alltag. 

Wenn ich die Vorstellung einer Filterblase politisch verstehe, habe ich zwei Antworten: 
  1. Die fast gänzliche staatliche Kontrolle über die Medien erschwert es uns, ein breites Publikum zu erreichen. In diesen Medien ist die Berichterstattung extrem einseitig: Kritische Stimmen werden weitgehend ignoriert oder aggressiv als „kommunistisch” oder „Schwulen-Propaganda“ bezeichnet (siehe Frida Kahlo!). Dadurch wird es sehr schwierig, Menschen außerhalb der eigenen politischen Komfortzone zu erreichen. Unsere Projekte wurden von der „offiziellen“ Medienmaschinerie bislang ignoriert – wir produzieren eigene Inhalte, die wir in den Sozialen Medien teilen. Gleichzeitig müssen wir uns auf bevorstehende Angriffe gefasst machen, da die Regierung und ihre Medien immer krudere Theorien über eine angebliche internationale Verschwörung gegen das Land verfolgen. 

    Man sollte nicht unterschätzen, Ideen in eigenen Echokammern laut werden zu lassen

  2. Unserer Erfahrung nach sollte man es nicht unterschätzen, Ideen in den eigenen Echokammern laut werden zu lassen. Angesichts der vielen gebildeten, eigenständig denkenden Menschen, die das Land derzeit in Scharen verlassen und einer erschreckend mächtigen Propaganda, die sich im ganzen Land breitmacht, kann man sich mit bestimmen Meinungen und Überzeugungen schon sehr entmutigt und alleine fühlen. So lange eine Filterblase vor Verzweiflung bewahren und zum Weitermachen motivieren kann (was ja eine Grundvoraussetzung dafür ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen), ist OFF gerne bereit, diese Filterblase zu stärken. 
7. Februar 2019   |   Simona Da Pozzo
Simona Da Pozzo Foto (Ausschnitt): Emilia Castioni Ich verstehe den Begriff „öffentlicher Raum” so, wie ihn das Netzwerk Non Riservato definiert: Es geht um Orte, an denen das Handeln des Einzelnen der Situation unterworfen ist und an denen unvorhergesehene Begegnungen einen Dialog zwischen verschiedenartigen Themen ermöglichen können. Wie bereits Bernard Stiegler erklärte, können im öffentlichen Raum miteinander in Bezug stehende Kunstwerke und gemeinschaftlich erarbeitete Ansätze den schmalen Grat zwischen dem Individuum und dem „wir“ transportieren.

Aus einer politischen Perspektive heraus betrachtet, sehe ich „Vorbeigehende“ gleichermaßen als Ziel- und als Studienobjekt, der Dialog ist hier gleichsam Mittel und Zielsetzung. Im direkten Eins-zu-Eins-Austausch bringe ich den Interessenten das Thema Zugehörigkeit näher, und zwar anhand von Themen, zu denen jeder unabhängig seines kulturellen Hintergrunds seine Meinung äußern und einen Beitrag zu einer neuen kollektiven Vision leisten kann. Durch die verschiedenen angewendeten Strukturen (Labyrinth, Kataloge, chinesische Boxen) wird mit der Neugier der Besucher gespielt, die sich hier auf ganz verschiedenen Arten dem Kunstwerk nähern können. 

Der Dialog ist hier gleichsam Mittel und Zielsetzung

So habe ich etwa in meinem Projekt Luminescenze (eine im Rahmen des Borderlight Collective realisierte Zusammenarbeit) jene Orte dargestellt, mit denen die Einwohnerinnern und Einwohner ein anderes Licht auf das nächtliche Milan werfen sollten. Das Projekt skizziert die Einwohnerinnen und Einwohner als „Sichtbarmacher“ von Orten, Beziehungen und Resilienz und sammelt gleichzeitig Informationen, mit deren Hilfe eine alternative Ansicht der Stadt bei Nacht darstellbar wird. In diesem Fall stand das aktive Mitgestalten des Publikums im Vordergrund eines Projekts, das mit Hilfe von Online-Plattformen und sozialen Medien eine quantitativ bestimmbare Arbeit erzeugt hat, bei dem aber im Rahmen von geselligen Zusammenkünften auch Aussagen zur Qualität entstanden sind. 
5. Februar 2019   |   Gottfried Hattinger
Gottfried Hattinger Foto (Ausschnitt): Julia Vogt Als ich vor etwa zehn Jahren die künstlerische Leitung des „Festival der Regionen“ in Oberösterreich übernahm, stand ich erstmals vor der Herausforderung, Kunstfestivals in kleineren Orten zu gestalten, in denen sich kaum jemand für zeitgenössische Kunst interessiert. Ich war veranlasst, die „Komfortzone“, also den geschützten Bereich der Kulturinstitutionen zu verlassen, in den öffentlichen Raum zu gehen und mich und die künstlerischen Aktivitäten den Kommentaren der Bevölkerung auszusetzen.

Von Beginn an war mein Arbeitscredo, eine möglichst leichtfüßige Balance zu finden zwischen künstlerischem Agieren und sozialem Handeln. Das Vermitteln von zuweilen absurden und schrägen Inhalten gelingt bestens jenseits des üblichen Expertenjargons in zahlreichen persönlichen Gesprächen und mit der Ambition, Menschen aus den Orten in künstlerische Prozesse einzubeziehen, ohne sie zu instrumentalisieren.

Etwas weniger Verkrampfungen, dafür etwas mehr tänzerischer Geist

Dass dies ausschließlich durch persönliches, individuelles Engagement funktioniert und nicht über soziale Medien, E-Mails oder telefonieren, ist mir schnell klar geworden. Als bekennender Skeptiker glaube ich sowieso nicht an eine Breitenwirkung von Kunst in die Gesellschaft. Letztlich agieren wir im Mikrokosmos der Weltverbesserung als Pieps-Stimme im Chor der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Trotzdem sind sie wichtig, diese Stimmen. Mit etwas weniger Verkrampfungen, dafür mit etwas mehr tänzerischem Geist.

Über rechtspopulistische Tendenzen vielleicht nächstes Mal …
28. Januar 2019   |   Geraldine de Bastion
Geraldine de Bastion Foto (Ausschnitt): Roger von Heereman / Konnektiv Wir leben im Zeitalter der Informationsüberflutung und dank unserer digitalen Welt werden unsere Aufmerksamkeitsspannen immer kürzer. Studien belegen Zusammenhänge zwischen online verbreiteten Fake News und viralen Falschmeldungen, der Flut neuer Informationen und unserer verkürzten Aufnahmefähigkeit.

Das Filterblasen-Phänomen führt zudem zu regelrechten Meinungssilos und einem Mangel an echtem Meinungsaustausch zwischen Menschen verschiedener Interessengemeinschaften in den sozialen Medien. Hier einen bedeutsamen und wirkungsvollen Austausch zu ermöglichen, ist eine der Herausforderungen des digitalen Zeitalters.

Wie können wir Zugang zu den Menschen bekommen, die sich außerhalb unserer politischen Komfortzone befinden?

In der jüngsten Ausgabe von Portofrei haben wir darüber diskutiert, wie politisch Künstlerinnen und Künstler in Europa heutzutage sein sollten und welche Rolle diese in Bezug auf politische Bewegungen einnehmen. In dieser Ausgabe würde ich nun gerne mehr darüber erfahren, inwieweit künstlerische Maßnahmen und Strategien konkret sozial und politisch etwas bewirken und ein breites Publikum erreichen können. Wie können wir Zugang zu den Menschen bekommen, die sich außerhalb unserer politischen Komfortzone befinden? Mit welchen künstlerischen Mitteln kann man ideologische Blasen platzen lassen und die zeitgenössische Kunst in die Lage versetzen, Menschen mit anderen politischen Überzeugungen zu erreichen und Diskussion und Interaktion ermöglichen? Um diese Grundsatzfragen soll es in der hier angestoßenen Debatte gehen.

Sie alle kommen aus verschiedenen Ländern in Europa: Ungarn, Österreich und Italien. Wie bereits in der vergangenen Portofrei Runde thematisiert, müssen wir gerade zusehen, wie populistische Tendenzen in ganz Europa zunehmen, vor allem auch in den Ländern, in denen Sie leben. Zu Anfang unserer Gesprächsrunde würde ich mich gerne auf unser direktes Umfeld konzentrieren, den nächstgelegenen Ort, an dem wir in dieser globalisierten, zunehmend digitaler und immaterieller werdenden Welt aktiv werden können: die kleinen und großen Städte, in denen Sie leben und arbeiten. In welcher Art und Weise tauschen Sie sich mit den Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung aus? Nutzen Sie die Öffentlichkeit und in welcher Form versuchen Sie, mit den Menschen außerhalb Ihrer eigenen Filterblase zu kommunizieren?
 

Partner

Logo IGBK Die aktuelle Ausgabe der Digitaldebatte „Portofrei“ findet in Kooperation mit der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) statt. Die IGBK veranstaltete im November 2017 gemeinsam mit der Akademie der Künste, Berlin, das Symposium „Fragile Affinities“. Das Thema dieser „Portofrei“-Debatten schließt an dort diskutierte Fragen an.

 

Es debattieren


Simona Da Pozzo Foto (Ausschnitt): Emilia Castioni Simona Da Pozzo lebt als Performance- und Videokünstlerin in Mailand. In ihrem Atelier Vegapunk arbeitet sie gemeinsam mit weiteren Künstlerinnen und Künstlern an verschiedenen Projekten. Seit 2013 stellt Simona Da Pozzo zudem im Rahmen von „Artist Hosting Artists (AHA)“, „Camouflage“ und „AUBatVPK“ ihre Atelierräume anderen Künstlern zur Verfügung.




Gottfried Hattinger Foto (Ausschnitt): Julia Vogt Gottfried Hattinger, freischaffender Kurator und Buchdesigner, lebt in Ottensheim bei Linz. Er studierte an der Kunstschule Linz und war von 1987 bis 1991 künstlerischer Leiter des Festivals „ars electronica“ im Brucknerhaus Linz. Gottfried Hattinger konzipiert und gestaltet Festivals und Ausstellungen, hauptsächlich in den Bereichen Performance und Theater, Bildende Kunst, Klangkunst und Musik, alte und neue Medien.



Hajnalka Somogyi Foto (Ausschnitt): Csaba Aknay / Orbital Strangers Hajnalka Somogyi ist Kuratorin für zeitgenössische Kunst. Seit 2014 arbeitet sie als Leiterin und Co-Kuratorin der OFF-Biennale in Budapest, dem größten unabhängigen Kunstprojekt Ungarns, das auf Somogyis Initiative hin gegründet wurde. Hajnalka Somogyi war unter anderem Redakteurin bei artmagazin.hu und Kuratorin des Ludwig Museums für zeitgenössische Kunst in Budapest.




Moderation

Geraldine de Bastion Foto (Ausschnitt): Roger von Heereman / Konnektiv Geraldine de Bastion berät als Politologin öffentliche Institutionen, NGOs und Unternehmen zum Einsatz digitaler Technologien. Weltweit schätzen Netzaktivisten und Blogger ihre Expertise. Sie ist Mitglied der Digitalen Gesellschaft e.V., die sich für Grundrechte und Verbraucherschutz im digitalen Raum einsetzt. Alljährlich wirkt sie als gefragte Kuratorin und Moderatorin bei der internationalen Netzkonferenz re:publica.
 
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