Das Opernhaus von Sydney Eine Geschichte mit Schönheitsfehlern

Sydney Opera House
Sydney Opera House | © Sophie Deutsch

Das Opernhaus von Sydney gilt als Flaggschiff des modernen Australien. Durchweg als eines der wichtigsten architektonischen Monumente des 20. Jahrhunderts gepriesen, dienen die zauberhaft geschwungenen Segel auf seinem Dach als Tor zu Sydneys großartigem Hafen. Aber es herrschte nicht immer eine so positive Einstellung zu diesem emblematischen Meisterwerk.
 

Während der Baujahre gaben technische Komplikationen und explodierende Kosten ernsten Anlass zur Sorge. Und seit der Eröffnung von Australiens berühmtestem Gebäude im Jahr 1973 sah sich das Opernhaus wiederholt Vorwürfen von minderwertiger Innenarchitektur und unterdurchschnittlicher Akustik ausgesetzt. Trotz dieser angeblichen Mängel zieht das Opernhaus jedes Jahr mehr als 8,2 Millionen Besucher an und wird allseits als eines der grandiosesten, revolutionärsten und aufsehenerregendsten Gebäude der Welt bewundert.

Architektonisches MeisterwerK

Von Anfang an hatte der dänische Architekt Jørn Utzon die Vision, eine markante plastische Form zu schaffen, die ganz natürlich auf die schaukelnden Wellen von Sydneys eindrucksvollem Hafen Bezug nimmt. Organische Materialien und Farben bilden daher die Grundelemente von Utzons Entwurf: Ein solider Sockel aus rotem Granit verankert die geschwungenen weißen Segel, die sich elegant in Sydneys Skyline erheben.

Aber die Konstruktion dieser geblähten Segel erwies sich als technische Herausforderung. Nach Änderungen am ursprünglichen Konzept entschied sich Utzon schließlich für ein innovatives Design, das auf der Geometrie einer Kugel basierte. In einem wegweisenden Verfahren wurden dreiseitige Segmente aus Kugeln mit variierender Krümmung geschnitten und dann mit Stahlzuggliedern verbunden. Die imposante visuelle Wirkung von Utzons geblähten Segeln, deren Größe perfekt auf die Harbour Bridge abgestimmt ist, brachte die vormals eher unspektakuläre Stadt Sydney auf die internationale Bühne.

Haus mit wechselhafter Geschichte

Obwohl bahnbrechend, wurde Utzons visionäre Idee von Budgetüberschreitungen, Bauverzögerungen und drohenden politischen Spannungen überschattet. In den ersten drei von insgesamt neun Jahren, die Utzon an dem Projekt arbeitete, fand keinerlei Bautätigkeit statt. Das ursprüngliche Budget für das Opernhaus lag bei sieben Millionen Dollar, der Staat gab unter Utzon jedoch 22 Millionen Dollar aus. Dem dänischen Wirtschaftsgeografen Bent Flyvbjerg zufolge macht die gigantische Kostenexplosion von insgesamt 1.400 Prozent das Opernhaus zu einem der teuersten Architekturprojekte der Welt.

Die Concert Hall Die Concert Hall | © Sydney Opera House Bauminister David Hughes äußerte Geringschätzung gegenüber Utzon und der Vorgängerregierung, die das Opernhaus-Vorhaben initiiert hatten, verzögerte Utzons Bezahlung und zwang den Architekten 1966 schließlich zum Rücktritt.

Nach Utzons Abgang wich die Regierung signifikant vom ursprünglichen Entwurf des Architekten ab. Ministerpräsident Askin entschied, dass im großen Konzertsaal keine Opern, sondern nur Symphonien gespielt werden sollten. Opern sollten dafür im kleinen Konzertsaal stattfinden, der ursprünglich für Bühnenproduktionen gedacht war. Diese massive Änderung hatte nachhaltige Konsequenzen für Sydneys Vorzeigeobjekt. Der kleine Konzertsaal, heute als Joan Sutherland Theatre bekannt, verfügt jetzt über einen winzigen Orchestergraben und ist damit für die Inszenierung großer Opern untauglich. Gleichzeitig bietet der große Konzertsaal oder Concert Hall, wie er heute genannt wird, keinerlei Ausstattung für große Produktionen von Opern wie Aida, Turandot oder Madame Butterfly.
 
Trotz dieser drastischen Änderungen, die von Utzons Originalentwurf abwichen, wurde der berühmte Architekt 1999 erneut angeheuert, um zukünftige Umbauten am Opernhaus zu begleiten. „Meine Aufgabe ist es, die Gesamtvision und die detaillierten Designprinzipien für die Stätte auszuarbeiten“, erklärte Utzon stolz. „Das Opernhaus von Sydney gleicht einem Musikinstrument, und wie jedes gute Instrument benötigt es von Zeit zu Zeit etwas Instandhaltung und Feinjustierung, wenn es weiterhin auf höchstem Niveau funktionieren soll.“

Modernes Meisterwerk oder Chaos?

Mit seiner wechselvollen Geschichte hat das Sydney Opera House Kritik von Designern ebenso wie von Regisseuren auf sich gezogen. Nach den Proben für Don Giovanni beschrieb der Schotte David McVicar, ein weltberühmter Opernregisseur, dass Joan Sutherland Opera Theatre 2014 als Saal mit „extremen“ Problemen, der schlichtweg „für Opern ungeeignet“ sei. Der Eingangsbereich der Oper gilt als zu klein für eine herausragende Akustik und der Orchestergraben ist für seine diminutive Größe berüchtigt, aufgrund derer er sich für Musiker gedrängt und einen Deut klaustrophobisch anfühlt.

Das Joan Sutherland Theatre Das Joan Sutherland Theatre | © Sydney Opera House Ähnlicher Kritik sah sich die Concert Hall ausgesetzt. Laut Andrew Haveron, dem Konzertmeister des Sydney Symphony Orchestra, trägt die schlechte Akustik zu einem Hörerlebnis bei, das oft wirkt, als „habe man Watte in den Ohren“. Durch die 25 Meter hohe Decke ist der Klang häufig gedämpft oder geht gar ganz verloren.

Modernisierung und Erneuerung

Die Defizite in der Innenausstattung haben die Geschäftsführerin des Opern Hauses, Louise Herron, beflügelt, eine „Dekade der Erneuerung“ einzuläuten. Als größte Renovierungen seit der Eröffnung des Opernhauses werden die Umbauten für zukünftige Generationen von Besuchern, Publikum und Künstlern entscheidende Verbesserungen mit sich bringen.
 
In der Concert Hall wird eine neue akustische Decke mit Reflektoren eingebaut, die den Klang besser verteilen und so für das Publikum angenehmer sein sollen. „Wir versuchen […], diesem wunderbaren Saal eine Akustik zu verleihen, die ihn wahrhaft zur Weltklasse macht“, erklärte der Geschäftsführer des Sydney Symphony Orchestra, Roy Jeffes. „Das Gebäude wird dann innen wie außen eine Ikone der absoluten Weltklasse sein.“
 
Die Verbesserung der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen ist ebenfalls ein zentrales Anliegen der aktuellen Umbauten und umfasst den Bau eines rollstuhlgerechten Weges und die Erweiterung des Konzertsaals um bis zu 26 rollstuhlgerechte Sitzplätze.

Ein bleibendes Symbol

Das Sydney Opera House erhält auch weiterhin internationalen Beifall für sein wegweisendes Design und seine geblähten Segel, die über Sydneys glitzernder Skyline triumphierend in den Himmel ragen. 2007 erklärten die Vereinten Nationen das Meisterwerk zum Weltkulturerbe – der Sachverständigenbericht des Internationalen Rats für Denkmalpflege an das Welterbe Komitee merkte an, dass das Opernhaus von Sydney „eines der unbestrittenen Meisterwerke menschlicher Kreativität nicht nur des 20. Jahrhunderts, sondern der gesamten Geschichte der Menschheit“ sei.

Sydney Opera House Sydney Opera House | © Sophie Deutsch Die anhaltende Bedeutung von Utzons Meisterwerk wurde 2013 anlässlich des 40. Geburtstags des Opernhauses gewürdigt. Auf dem großen Vorplatz ließ das Sydney Symphony Orchestra zusammen mit dem Sydney Philharmonia Choir und Solisten von Opera Australia die Aufführung von Beethovens Neunter Symphonie wieder aufleben – dem klassischen Stück, mit dem das Gebäude vor 40 Jahren eröffnet worden war.

Die Fülle von Feierlichkeiten an der monumentalen Treppe anlässlich des 40. Geburtstags des Opernhauses symbolisiert das bleibende Vermächtnis dieses Meisterwerks der Architektur. Wie der stellvertretende Ministerpräsident und Kultusminister von New South Wales, Tony Grant, anmerkte: „Das Opernhaus von Sydney ist das Symbol des modernen Australien. Als Hüter dieser außergewöhnlichen Stätte liegt es in unserer Verantwortung, sie für alle Australierinnen und Australier zu erhalten und zu erneuern."