Das SNFCC in Athen Aufwertung und neues Selbstbewusstsein

Der Gebäudekomplex, die Esplanade und der künstliche Kanal bilden zusammen das Kulturzentrum SNFCC in Athen
Der Gebäudekomplex, die Esplanade und der künstliche Kanal bilden zusammen das Kulturzentrum SNFCC in Athen | © Giorgis Gerolipos

Die Besucher und Einwohner Athens erfreuen sich an den vielseitigen, insgesamt mehr als  20 Fußballfelder des Stavros Niarchos Foundation Cultural Center (SNFCC). Die prachtvolle Anlage und das abwechslungsreiche Kulturangebot werten nicht nur den Bezirk auf, sondern kommen der gesamten Metropole Athen zugute.

Es ist Freitagabend und im Schein des ersten Vollmonds des Sommers schauen rund 500 Besucher Alfred Hitchcocks „Die Vögel“. Ausgestattet mit Strohmatten, Kissen und Getränken schauen alle gespannt auf die Leinwand.  Das Wetter ist für die Jahreszeit und für griechische Verhältnisse etwas kühl; die Sitze auf den Panoramastufen des Stavros Niarchos Foundation Cultural Center (SNFCC) sind nicht recht komfortabel, aber niemanden scheint das zu stören. Keiner verlässt seinen Platz vor Ende des Abspanns. 

Das SNFCC zieht Menschen aus aller Welt und jeden Alters an Das SNFCC zieht Menschen aus aller Welt und jeden Alters an | © Nikos Karanikolas Bis vor vier Jahren konnte so etwas in Athen nur selten kostenlos erlebt werden. Öffentliche Räume gibt es in der Stadt nur wenige und viele Athener nutzen die wenigen öffentlichen Orte noch nicht mit gebührender Aufmerksamkeit. Das SNFCC widmet sich der Bildung, der Kultur und der Nachhaltigkeit und soll die Einstellung gegenüber öffentlichem Raum in Athen verbessern. Die Anlage des Kulturzentrums lädt Besucher zum Verweilen ein und scheint der Stadt bereits zu helfen, das durch die jahrelange Krise beschädigte Selbstbewusstsein allmählich wiederherzustellen.

Ein ungeahntes Geschenk inmitten eines vernachlässigten Stadtviertels

„Monatelang beobachtete ich von außen die Bauarbeiten. Als sich dann die Tore öffneten, konnte ich meinen Augen kaum trauen“, meint die 40-jährige Eleni aus dem Athener Stadtviertel Kallithea, in dem sich auch das SNFCC befindet. Für den Besucher ist der Weg zu Fuß über das Gelände und durch den Gebäudekomplex, der die Griechische Nationalbibliothek sowie die Griechische Staatsoper unter seinem Dach bergen wird, vorbei an der Esplanade und dem Wasserkanal, quer durch den riesigen Bildungs- und Kulturpark, eine spannende Entdeckungsreise.

Der Park des SNFCC wurde mit verschiedenen mediterranen Pflanzen gestaltet Der Park des SNFCC wurde mit verschiedenen mediterranen Pflanzen gestaltet | © Giorgis Gerolipos „Ich wohne gleich nebenan, fühle mich auf dem Gelände aber als wäre ich im Ausland“, fügt Eleni hinzu, „Ich komme hier täglich mit meiner kleinen Tochter im Kinderwagen vorbei. Ein Spaziergang mit dem Kinderwagen außerhalb des SNFCC, hier in der Gegend, ist normalerweise sehr beschwerlich und eine echte Herausforderung. Hier ist es jedoch sehr angenehm. Ich interessiere mich auch für die Kulturveranstaltungen und halte mich einfach gerne in dieser wunderschönen Anlage auf.“

Im nordwestlichen Teil des SNFCC hat die Stiftung darüber hinaus auch eine Sportanlage mit einer Fläche von 30.000 Quadratmetern fertiggestellt. Ihren Betrieb hatte die Gemeinde in Kallithea schon im September 2013 übernommen. Der gut ausgestattete kommunale Sport- und Freizeitpark übt auf die Anwohner eine große Anziehungskraft aus. Für viele ist die Übergabe des Sportparks an die Gemeinde ein erster Schritt für die entsprechende Konzession des SNFCC an die öffentliche Hand. Das allerdings bereitet so manchem Bürger Sorgen. Aufgrund des in Griechenland fehlenden Vertrauens in die staatlichen Einrichtungen, fragt man sich, was aus dem SNFCC werden wird, wenn es aus der Hand der Stiftung in die öffentliche Hand wechselt.
 
Nichtsdestotrotz genießt der Stadtteil Kallithea, der seine günstige Lage am Meer nie voll ausgeschöpft hatte, das unerwartete Geschenk des SNFCC. Ein Geschenk, das auch schon zum Anstieg der Immobilienpreise geführt hat. „Alle wollen jetzt in die Nähe von Niarchos ziehen“, meint ein Makler. Für die alteingesessenen Bewohner ist die Verwandlung ihres Viertel etwas Unglaubliches. An dem Ort, an dem der Architekt Renzo Piano diesen eindrucksvollen Bau errichtet hat, war bis 2003 noch eine alte Trabrennbahn in Betrieb.

„Sehr oft bestimmt ein Raum unser Verhalten in ihm”, meint Maria Vidali, Historikerin und Architekturphilosophin und erinnert an alte Befürchtungen etwa nach der Eröffnung der Athener Metro. „Die Fahrgäste haben die Metro-Stationen jedoch von Beginn an respektiert und genau so wird es voraussichtlich auch mit dem SNFCC sein“.

Viele erkennen im Hauptgebäude die Form eines Schiffes Viele erkennen im Hauptgebäude die Form eines Schiffes | © Giorgis Gerolipos Vidali fügt hinzu, dass die außergewöhnliche Atmosphäre und die Ästhetik dieses Ortes zu respektvollem Verhalten veranlassen würden. Die SNFCC-Leitung hätte auch eine gezielte Strategie, um das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken und dem Zentrum zu Akzeptanz und Wertschätzung zu verhelfen. 

Im Juni 2015 stellte sich das SNFCC dem Athener Publikum mit einer viertägigen Veranstaltungsreihe vor, die ein Jahr später, vor der Übergabe an den Staat und vor der offiziellen Einweihung der Griechischen Nationalbibliothek und der Griechischen Staatsoper, wiederholt wurde. Neben den großen Eröffnungsfeierlichkeiten finden auch ständig Führungen für Interessierte statt. „Die Menschen, die im vergangenen Sommer spontan kamen, erhielten von den Vertretern des SNFCC als Geschenk ein Informationsheft sowie die Möglichkeit zu einer Mitgliedschaft“, erinnert sich Vidali im Rückblick an ihren ersten Besuch im Zentrum. 

Ein Raum für Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen

Die Begeisterung der Besucher für dieses prachtvolle architektonische Werk muss allerdings auch im Hinblick auf das Momentum, in dem es entstanden ist, betrachtet werden. Mitten in einer nicht endenden Wirtschaftsrezession mussten die Athener Zeugen des Verfalls ihrer Stadt sowie des Potentials an Freizeit- und Unterhaltungsmöglichkeiten werden. Das SNFCC hat mit einem abwechslungsreichen Kultur- und Freizeitangebot geholfen dieses Vakuum zu füllen – unter anderem Jazz und Oper, Segeln und Radtouren, byzantinische Tonarten, Lesungen aus Kriminalromanen oder organisierte Spaziergänge am Meeresufer gehören zum Programm.
 
In wenigen Wochen wird auch der Umzug der Staatsoper in das SNFCC, von der Odos Akademias im Zentrum Athens, abgeschlossen sein. In dieser experimentellen Phase wurden interessante neue Produktionen mit Werken des 20. Jahrhunderts realisiert, neue Komponisten ausgewählt und subversive Vorstellungen in das Programm aufgenommen.

Die neue Oper wird für Musik-Liebhaber viele Emotionen bereithalten Die neue Oper wird für Musik-Liebhaber viele Emotionen bereithalten | © Giorgis Gerolipos Die künstlerische Leitung unter Giorgos Koumentakis hat sich zum Ziel gesetzt aufzuzeigen, dass die Kunstform Oper nicht importiert wurde, sondern viele griechische Elemente in sich trägt. Für die große Premiere im Oktober wählte Koumentakis die Oper Elektra von Richard Strauss, mit der international berühmten Mezzosopranistin Agnes Baltsa in der Rolle der Klytaimnestra. Der eindrucksvolle Saal der neuen Staatsoper im SNFCC ist allerdings schon seit November 2016 weltbekannt. Denn als Barack Obama Athen besuchte, hielt er seine Rede in ebendiesem Saal.
Umso mehr, als ab Herbst 2017 auch die Griechische Nationalbibliothek vollständig in das SNFCC einzogen sein wird. Hier wird es die Möglichkeit geben, im ersten griechischsprachigen Buch zu blättern, das im Jahre 1476 gedruckt wurde sowie Einsicht in das Werk von Konstantinos Laskaris und in die älteste Überlieferung der homerischen Epen zu erhalten.
 

Die Räume sind so konzipiert, dass sie vom berühmten attischen Licht profitieren können Die Räume sind so konzipiert, dass sie vom berühmten attischen Licht profitieren können | © Giorgis Gerolipos

Anziehungspunkt für Liebhaber der griechischen Literaturgeschichte

Dr. Filippos Tsimpoglou, der Leiter der Griechischen Nationalbibliothek, erklärt: „Die Nationalbibliothek Griechenlands hat nun die geeigneten Voraussetzungen und Strukturen, um weltweit dauerhafte Kontakte mit Interessierten aufzubauen." Abschließend fügt er hinzu: „Wer auch immer hier herkommt, wird auf bekannte und unbekannte Schätze der griechischen schriftlichen Kultur stoßen und dies als eine einzigartige Erfahrung erleben und, was noch wichtiger ist, vielleicht auch zu einem Liebhaber der griechischen Literatur- und Kulturgeschichte werden.”

Ein Raum der Nationalbibliothek Ein Raum der Nationalbibliothek | © Giorgis Gerolipos