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Tagebuch aus Wuhan
Im Auge des Sturms

Wuhan
© Goethe-Institut China 2020

Der Tag der Abriegelung von Wuhan war der 23. Januar, genau ein Tag vor dem chinesischen Neujahrsabend. Als ich aufwachte, war es noch dunkel. Es war erst kurz nach vier Uhr morgens, auf meinem Handy sah ich die Nachricht von Xiaohuo, meinem Freund aus Studientagen. Er hatte sie mir vor einer Stunde vom Flughafen Wuhan geschickt: „Pass auf dich auf, meine Liebe, ich bin schon mal weg.“ Das hatte er geschrieben, kurz bevor er in das Flugzeug nach Kambodscha gestiegen war. Dann hatte er noch folgende Meldung an mich weitergeleitet: „Um zehn Uhr werden im gesamten Stadtgebiet von Wuhan sämtliche Bus- und U-Bahnlinien eingestellt, Flughäfen und Bahnhöfe werden geschlossen.“ Diese Pressemitteilung war um zwei Uhr morgens veröffentlicht worden. Der Titel der Meldung, die „Abriegelung der Stadt“, war mit Anführungszeichen versehen.

Von Liu Lutian

Das war zwar zu erwarten gewesen, und kam doch plötzlich. Schon eine ganze Weile hatte es Gerüchte über eine Art Lungenentzündung gegeben, deren Ursache man sich nicht erklären konnte. Zu dieser Zeit hielt ich mich noch in Peking auf. Am Morgen des 31. Dezember hatte mir meine Kollegin Xiaogong aus Shanghai einen Screenshot geschickt: Eine Eilmeldung, die das Hygiene- und Gesundheitskomitee der Stadt Wuhan am Vortag veröffentlicht hatte. In der Nähe des Huanan-Fischmarktes sei eine Reihe von Menschen an einer mysteriösen Lungenentzündung erkrankt. Es hieß unter anderem, dass das Virus, das die Lungenentzündung verursache, dem von SARS ähnlich sei. Am 2. Januar berichtete das zentrale chinesische Staatsfernsehen CCTV hingegen, dass gegen acht Personen aus Wuhan wegen der Verbreitung von Gerüchten über eine Epidemie ermittelt werde. Damals begann ich mir langsam Sorgen zu machen. In der Lianhe Zaobao, einer chinesischsprachigen Zeitung aus Singapur war zu lesen, dass Hongkong die Lage mit größter Aufmerksamkeit beobachte, und auf dem chinesischen Nachrichtenportal Caixin hieß es, dass es nun auch in Thailand und Japan Patienten gäbe, die sich in Wuhan infiziert hätten. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Krankheit allgemein nur als die „Lungenentzündung von Wuhan“ bezeichnet.
 
Ich hatte meine Eltern über die tatsächliche Lage in Wuhan befragt. Sie meinten, das würde alles hochgespielt, schließlich hätte sich nur eine Handvoll Leute infiziert. Ihre einzige Sorge war, wann ich endlich wieder nach Hause käme. Dann leiteten sie mir noch einen Witz weiter, der in Wuhan die Runde machte: Die Welt betrachtet ganz China als „Infektionsgebiet“, die Chinesen hingegen halten nur Wuhan für eine „Infektionszone“ und die Bevölkerung von Wuhan wiederum hält nur den Stadtteil Hankou für ein „Seuchengebiet“. Indessen feiern die Einwohner von Hankou fröhlich das Frühlingsfest und versammeln sich zu kollektiven Neujahrsgelagen. Sie hatten Scheuklappen vor den Augen.

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Erst Ende des Jahres hatte ich meinen Job bei einer Agentur in Peking gekündigt. Da ich über das chinesische Frühlingsfest mit Xiahuo nach Kambodscha fahren wollte, um dort ansässige Auslandschinesen zu interviewen, hatte ich für den 25. Januar ein Flugticket von Wuhan nach Sihanoukville in Kambodscha gebucht. Aus diesem Grund wollte ich schon am 14. Januar mit dem Zug zu meinen Eltern fahren. Mein Endbahnhof lag im Stadtteil Hankou, nur wenige hundert Meter vom Huanan-Fischmarkt entfernt. Obwohl ich meinem Vater einschärfte, mich keinesfalls vom Bahnhof abzuholen, war er schon eine Stunde früher vor Ort, um auf mich zu warten. Die Reisewelle zum Frühlingsfest war noch nicht angerollt und so waren nur wenige Leute am Bahnhof, niemand trug einen Mundschutz. Auch nicht in der U-Bahn. Nichts unterschied sich von den Vorjahren. Einige Läden an der Straße hatten rote Laternen aufgehängt, die Obstgeschäfte stellten ihre mit Früchten gefüllten Körbe an prominenter Stelle auf und aus den Garküchen, die lokale Spezialitäten wie heiße trockene Nudeln oder mit Klebreis umhüllte Teigstangen anboten, stieg heißer Dampf auf, dass einem der Mund wässrig wurde.
 
Bis zum 19. Januar wurden durch das Hygiene- und Gesundheitskomitee der Stadt Wuhan keine neuen Fälle des neuartigen Coronavirus gemeldet. In den amtlichen Mitteilungen hieß es nur, dass es möglicherweise „in eingeschränktem Maß“ zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch kommen könne. Der stellvertretende Bürgermeister hielt eine erste Einsatzbesprechung ab und verkündete, eine Seuche sei „vermeidbar und kontrollierbar". Der Tenor der Nationalen Gesundheitskommission war derselbe. Als ich an diesem 19. Januar morgens aufwachte, hatte ich erhöhte Temperatur. Ich vermutete eine normale Erkältung. Zusammen mit meinen Eltern besuchte ich ein Feuertopfrestaurant, bei dem man sich aus einem Buffet aus Meeresfrüchten selbst bedienen konnte. Es ist wahrscheinlich keine schlechte Idee, etwas Heißes zu essen, dachte ich. Ich zog mir eine Mundschutzmaske über, konnte aber meine Eltern nicht dazu überreden es mir gleichzutun. Sie vertrauten fest auf die amtliche Diktion: „vermeidbar und kontrollierbar“.
Wuhan (#7819) © Goethe-Institut China 2020
Am Nachmittag des 20. Januar wartete der chinesische Epidemiologe Zhong Nanshan, der 2003 das SARS-Coronavirus entdeckt hatte, in den Nachrichten mit einer Neuigkeit auf, die die Dinge in ein völlig anderes Licht rückten: „Nach aktueller Datenlage wird der neuartige Coronavirus mit Sicherheit von Mensch zu Mensch übertragen.“ Der Wissenschaftler sagte zudem, dass sich in Wuhan bereits vierzehn medizinische Mitarbeiter infiziert hätten. Anschließend liefen auf allen Kanälen Berichte über die Anweisungen des Staatspräsidenten Xi Jinping zur Wuhan-Epidemie. „Wenn sogar Xi Jinping in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, muss die Lage tatsächlich ernst sein.“ Damit war der Zeitpunkt erreicht, an dem mein Vater, der sich ansonsten jeden Tag mit seinen alten Kameraden zum Mahjong traf, nicht mehr aus dem Haus ging. Ich informierte Xiaohuo, dass ich leichtes Fieber und trockenen Husten habe und nicht mit nach Kambodscha kommen konnte. Er solle gut auf sich aufpassen.
 
Nun wurden fleißig Meldungen aus Wuhan ausgegraben und mit ironischem Unterton präsentiert. So hatte die Wuhaner Lokalzeitung Metropolis Daily am 18. Januar auf ihrer Titelseite über das „Bankett der 10.000 Familien“ berichtet, beim dem sich mehr als 100.000 Einwohnern aus dem Viertel Baibuting eingefunden hatten, um gemeinsam das chinesische Neujahr zu begrüßen. An anderer Stelle gab es ein paar Tage altes Video-Interview, bei dem ein Reporter einen Einwohner fragte: „Tragen Sie einen Mundschutz?“ „Nein!“ „Warum nicht?“ „Ich vertraue der Regierung!“
 
Soweit ich mich erinnern kann, waren die Wuhaner schon immer so und agierten ganz im Sinne der lokalen Redensart: „Argwöhne nichts Böses“. Damit meint man, dass man sich, egal was passiert, erst mal keine Sorgen um die Konsequenzen machen sollte. Man geht gerne aufs Ganze und lässt es einfach darauf ankommen. Nicht umsonst hat Wuhan Punkrockbands wie SMZB (生命之饼) oder AV Okubo (AV 大久保) hervorgebracht und den Vox-Club, in dem Indie-Bands aus ganz China spielen. Wuhans am Jangtse gelegener Stadtteil Hankou hatte bereits in der Qing-Dynastie seinen Hafen für den Handel geöffnet, so dass die Hafenkultur hier auf eine jahrhundertelange Geschichte zurückblickt. Nach Einsetzen der Reform- und Öffnungspolitik waren die Händler von der Hanzheng-Straße in Hankou die ersten, die sich in freier Marktwirtschaft versuchten. Auf engem Raum drängten sich hier die Geschäftsleute, die von drei oder vier Uhr in der Früh bis nachts um zwölf Uhr schufteten, um ihrem Schicksal eine neue Wendung zu geben. Bei dem großen Jangtse-Hochwasser von 1998 war ich acht Jahre alt. Ich kann mich vor allem noch daran erinnern, wieviel Spaß es machte mit Regenschirm im Wasser zu spielen. Der Schrecken stellte sich erst im Nachhinein ein, als ich später Berichte über die Überschwemmungen las.
 
Doch dieses Mal, das lag auf der Hand, hatte die „Gutgläubigkeit“ der Leute aus Wuhan andere Gründe. Sie beruhte auf der asymmetrischen Informationslage.

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Die Bekanntmachung über die Abriegelung der Stadt erging durch die in Wuhan einstweilig eingerichtete Kommandozentrale für Seuchenprävention und Seuchenkontrolle. Es gab keinerlei offizielle Erklärung über einen Notfallplan oder darüber, was zu tun wäre, wenn die Stadtbevölkerung in ihrer Bewegungsfreiheit oder Ressourcenversorgung eingeschränkt würde. Zwischen der Ankündigung und der tatsächlichen Quarantäneverhängung lagen gerade einmal acht Stunden. Am Bahnhof und an den Autobahnausfahrten bildeten sich lange Staus. An diesem Morgen stand meine Mutter um sechs Uhr auf und sah sich die Nachrichten an. Um acht Uhr hastete sie zum zehn Minuten entfernt liegenden Supermarkt, um einzukaufen. Am Eingang wurde bei den Leuten die Temperatur gemessen. Fast alle Regale waren bereits wie leergefegt und in der Gemüseabteilung hatte sich eine lange Warteschlange gebildet. An der Kasse sah es nicht besser aus. Gemüse konnte meine Mutter keines mehr ergattern, stattdessen füllte sie zwei Einkaufswägen mit so vielen Eiern, Milchpakten und Grundnahrungsmitteln wie möglich. Als sie den Markt verließ, begegnete sie einem verzweifelten Nachbarn – es war kein einziger Einkaufswagen mehr da.
 
Am Silvesterabend selbst war alles wie immer und doch ganz anders. Draußen war nur der Regen zu hören, keine Silvesterkracher. Körperlich war ich anwesend, aber geistig war ich bei dem, was mir mein Handy und mein Computer zeigten. Nur hier ließ sich etwas über die wahre Lage erfahren.
Wuhan (#7367) © Goethe-Institut China 2020
Achtundvierzig Stunden nach der Quarantäneverhängung war Wuhan zu einer isolierten Stadt geworden. Und dies nicht nur im physischen Sinn. Wuhan wird durch den Jangtse und den Hanshui-Fluss in die drei großen Stadtteile Hankou, Wuchang und Hanyang mit insgesamt 13 Stadtbezirken unterteilt. Zählt man die registrierten Einwohner und die Wanderbevölkerung zusammen, leben hier insgesamt 14 Millionen Menschen. Die Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs erschwerte die Mobilität enorm. In schneller Folge gab die Abteilung für Prävention und Kontrolle acht Direktiven heraus, darunter die Schließung des Jangtse-Tunnels, die Abriegelung aller Stadtteile sowie der Startschuss für eine Hilfsaktion für materielle Spenden, wobei Spenden nur über das Rote Kreuz und die China Charity Federation zulässig waren. Es gab jedoch keine Verlautbarungen darüber, wie die Stadtbevölkerung im Alltag zurechtkommen sollte. Niemand wusste, wohin man sich wenden konnte. Volk und Regierung fuhren auf zwei parallelen Gleisen.
 
Die Probleme ließen nicht lange auf sich warten: Medizinische Angestellte ohne Privatauto konnten ihren Arbeitsplatz nicht mehr erreichen; den Krankenhäusern fehlten die Mittel zur Seuchenprävention. Im Handumdrehen stellten Stadtbewohner, die keine Krankheitssymptome zeigten und über ein eigenes Auto verfügten, in den Vierteln einen freiwilligen Chauffeurdienst auf die Beine. Die einzelnen Kliniken baten auf Plakaten um Sachspenden. Über WeChat-Gruppen organisierten sich unter allen möglichen Namen bald ehrenamtliche Helferteams: Der „Hilfstrupp Lumo-Street“, das „Helferteam Blauer Himmel“, die „Helfertruppe Lichtstrahl“, „Wuhans Hilfe von Herzen“, die „Fundgrube“. Abgesehen davon, dass Fahrdienste für Patienten und Krankenhauspersonal angeboten wurden, sammelten die Ehrenamtlichen Ressourcen aus dem Ausland und dem ganzen Land und brachten diese direkt zu den Kliniken. Im Vergleich dazu brachte die Präventions- und Kontrollkommission von Wuhan innerhalb derselben Zeit lediglich eine weitere Direktive auf den Weg, wonach den verschiedenen Nachbarschaftszentren 4.000 Taxis zugeteilt werden sollten.

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In WeChat-Gruppen und WeChat-Freundeskreisen zirkulierten immer mehr Screenshots von Spendenaufrufen durch Krankenhäuser, die schließlich auch zu Artikeln zusammengefasst öffentlich über Weibo gepostet wurden. Das Ausmaß der Ressourcenknappheit war bedrückend. Ärzte verzichteten auf Essenspausen, weil man, wenn man den Schutzanzug einmal ausgezogen hatte, einen neuen benötigte und nicht genügend vorrätig waren. Ein und dieselbe Hygienemaske musste für fünf Tage reichen. Hatte man keine, hielt man sich stattdessen die Hand vor den Mund. Ein Angestellter der Leichenhalle von Hankou berichtete, nach der Menge der eingelieferten Leichname zu urteilen müsse die Zahl der Todesfälle um ein Vielfaches höher liegen als offiziell angegeben. In einem über einen internationalen Account von Sina Weibo veröffentlichten Video sah man drei mit weißem Tuch bedeckte Leichname auf dem Gang eines Krankenhauses liegen, direkt daneben saßen oder standen Menschen mit Mundschutz. Das Video wurde von einer Frau aufgenommen, die unter Tränen im Wuhan-Dialekt klagte: „Bei der Hotline des Bürgermeisters kommt man nicht durch, niemand kümmert sich um die Toten, die Ärzte sind überlastet und der Klinikchef ist nicht auffindbar.“
 
So prompt die meisten WeChat-Gruppen auch zur Stelle waren, sie stießen alle auf dasselbe Problem: Von Überall gab es Hilferufe, aber es gab niemanden, der dafür verantwortlich war, die Authentizität und Aktualität der Informationen zu überprüfen. Immer mehr neue Akteure mit unklarem Status schalteten sich ein, die Nachrichten poppten im Schnelltakt auf und die Effizienz war naturgemäß viel geringer als bei einer zentralisierten Planung. Doch manche Menschen hatten einfach kein Vertrauen mehr in das Rote Kreuz und die China Charity Federation. Sie fragten sich, warum alles so lange dauern müsse, zweifelten an der Vertrauenswürdigkeit der Institution und wollten sicherstellen, dass ihr Geld dort ankam, wo es gebraucht wurde.

Von Überall gab es Hilferufe, aber es gab niemanden, der dafür verantwortlich war, die Authentizität und Aktualität der Informationen zu überprüfen.

Ein Arzt veröffentlichte eine Sprachnachricht in einer WeChat-Gruppe: „Der Nachschub kommt mit dem Verbrauch nicht hinterher. Außerdem agiert das Logistikpersonal in der Klinik eindeutig unkoordiniert. Zwischen ein und drei Uhr nachts sah ich, dass in zwei WeChat-Hilfsgruppen dieselbe Nachricht von zwei verschiedenen Personen weitergeleitet wurde. Darin hieß es, dass man im Wuhaner Hospital Nr. 5 nichts zu essen hätte. Eine Frau berichtete, die Klinik habe sie fünfmal kontaktiert, jedesmal durch eine andere Person. Erst im Nachhinein erfuhr man, dass man im Krankenhaus angewiesen war auf die Zuteilung durch das Rote Kreuz zu warten, weil der Klinikchef keine privaten Spenden annehmen wollte. Doch Ärzte und Pflegepersonal wollten nicht weiter abwarten. Die ursprünglich für die externe Kommunikation zuständige Person war bereits erkrankt und die neue Kontaktperson hatte kurzerhand versucht die Krankenhausleitung zu umgehen, um Hilfe von außen zu holen.“
 
Durch Berichte inoffizieller Medien wie des Magazins Life Week und des Nachrichtenportals Caixin wurde den Menschen der Ernst der Lage zunehmend bewusst. Die Corona-Testsets reichten nicht aus, man kam schwer zu einer gesicherten Diagnose, es gab zu wenige Betten und die Tatsache, dass nicht alle Patienten aufgenommen werden konnten, erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass sich noch mehr Menschen infizierten.
Wuhan (#7779) © Goethe-Institut China 2020
Allein in der Woche nach Abriegelung der Stadt erhielt ich hundert Grußbotschaften. Xiaosun, eine ehemalige Kollegin, die das Frühlingsfest in Wenzhou verbrachte, erzählte mir, dass ihre Eltern in der Nacht Fieber und einen trockenen Husten bekommen hätten. Beides Symptome, von denen Corona-Patienten berichteten. Xiaosun war mit den Nerven am Ende. Ihre Mutter war mitten in der Nacht um drei ins Krankenhaus gefahren. Der Arzt hatte gefragt, ob sie kürzlich in Wuhan gewesen sei, ob sie Husten habe und ob sie mit lebendigen Vögeln in Kontakt gekommen sei. Anschließend verschrieb er ihr lediglich ein fiebersenkendes Mittel und schickte sie nach Hause. Dabei lag die Stadt Wenzhou bei der Anzahl der bestätigten Diagnosen nach Wuhan an zweiter Stelle. 180.000 Geschäftsleute aus Wenzhou hielten sich regelmäßig in Wuhan auf und 330.000 Menschen aus der Provinz Hubei arbeiteten in Wenzhou.
 
Der Regisseur K., den ich vorher nie persönlich getroffen hatte, kontaktierte mich. Er wollte, so erklärte er mir, etwas über die tatsächliche Lage in Wuhan erfahren. Sein Plan war es, ganz normale Leute dazu zu gewinnen, ihr eigenes Leben zu filmen und daraus einen Dokumentarfilm zu machen. Er hatte in ganz China schon über dreißig Leute gefunden, die mitmachten. Per Video berichteten sie über das Leid, das ihnen widerfuhr: Ein Fotograf aus Wuhan hatte am 9. Januar noch ein Gruppenfoto von sich und zwei Freunden aufgenommen, nun waren beide tot. In der Provinz Guangdong saß ein junger Vater in Zhaoqing fest, dessen Frau ausgerechnet am Tag der Quarantäneverhängung in Wuhan ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Nun musste er als Vater voll Sorge in der Ferne abwarten. In Guangzhou war die Großmutter eines Mittelschülers schwer erkrankt, und er hatte ein Gespräch seiner Eltern darüber gefilmt. „Wir brauchen keine Aufnahmen von Propagandasprüchen, das interessiert uns nicht, wir müssen die Realität zeigen.“
 
Ich unterhielt mich jeden Abend mit einer freiwilligen Helferin aus Huanggang, einer Stadt im Osten von Hubei. Sie arbeitete eigentlich als Lehrerin im Kreis Yingshan. Ursprünglich wollte sie einfach Geld an ein Krankenhaus spenden, aber dann ließ sie sich dafür einspannen medizinisches Material aufzutreiben und belieferte am Ende vierzehn Kliniken. Sie saß den ganzen Tag im Auto und suchte gleichzeitig in diversen WeChat-Gruppen nach Atemschutzmasken, Schutzanzügen und Fieberthermometern. Da die bezirksfreien Städte in Hubei im Vergleich zur Provinzhauptstadt Wuhan immer noch „unter dem Radar“ liefen, war die Ressourcenversorgung hier noch problematischer. Nur an einem Tag erlebte ich sie zuversichtlich. Sie erzählte mir, sie habe einen Passierschein von Huanggang nach Wuhan erhalten. In Zukunft müsse sie sich nicht mehr für jede Etappe einen speziellen Transitschein ausstellen lassen.
 
Auch von Xiaohuo erhielt ich eine Nachricht. Bei einem Mitreisenden im Flugzeug sei Corona diagnostiziert worden. Nun sei er auf seiner Rückreise aus Kambodscha in Wuxi isoliert worden und müsse dort vierzehn Tage in Quarantäne bleiben.

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Aufgrund der Unterversorgung stellten wir in der Familie auf zwei Mahlzeiten um: Um neun Uhr gab es Frühstück und um sechzehn Uhr eine Mischung aus Mittag- und Abendessen. Anfangs sprachen wir beim Essen kaum über die Epidemie. Doch als sich im Bekanntenkreis die Krankheits- und Todesfälle immer mehr häuften, begannen wir bei Tisch über das Leben und Sterben von Freunden zu berichten. Mein Vater erzählte, dass ein Freund aus seiner Zeit als Berichterstatter, ein Redakteur des Senders Wuhan TV am ersten Tag des neuen Jahres gestorben sei. Meine Mutter berichtete von einer ehemaligen Mitschülerin, die an der der Nanjing Normal University angeschlossenen Mittelschule eine Klasse unter ihr besucht hatte und in den USA arbeitete. Sie war für das Frühlingsfest nach Wuhan zurückgekehrt und auch sie war am ersten Neujahrstag verstorben. Ich wiederum hatte im letzten Jahr zwei Chefs von Logistikunternehmen in Hankou interviewt. Von einem war nun die Mutter, vom anderen der Vater tot. Bei beiden Elternteilen hatte sich aufgrund ihres hohen Alters der gesundheitliche Zustand beim Warten auf ein Krankenhausbett von leichten Symptomen schnell zu einer schweren Erkrankung entwickelt.
 
Das offizielle Narrativ erfolgt stets aus einer Makroperspektive, dabei steckt die Wahrheit immer auch im Detail. Es war als würde man dabei zusehen, wie ein gewaltiges System aus der Not heraus wieder in Betrieb gesetzt wird und die rostigen Teile knirschend aneinander reiben.
Wuhan (#7760) © Goethe-Institut China 2020
Infolge der strengen behördlichen Kontrolle von Ressourcen und Logistik war es den freiwilligen Helfern immer weniger möglich materielle Hilfe zu leisten. Deshalb verlagerte sich ihr Fokus auf die direkte Unterstützung der Kranken. Am 2. Februar schloss auch ich mich zwei Freiwilligenteams an und begann mit hilfsbedürftigen Patienten in Kontakt zu treten. Am Abend des 4. Februar wurden für das im Hongshan-Sportstadion provisorisch eingerichtete Nothospital über 200 Freiwillige gesucht, um über Nacht 1.000 Betten aufzustellen, damit mit der Behandlung von Patienten begonnen werden konnte. Trotzdem hatten wir täglich das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Es war offensichtlich, dass die Betten nicht ausreichen würden. Alles, was wir tun konnten, war die Patienten zu informieren: Sie müssten auf jeden Fall einen Weg finden einen CT oder einen DNA-Test zu machen, um die Diagnose so schnell wie möglich zu sichern. Nur eine gesicherte Diagnose konnte ihr Leben retten. In Notfällen sollten sie über Weibo nach Hilfe suchen. Sie sollten immer wieder bei ihrer Nachbarschaftsverwaltung anrufen und nachfragen. Und außerdem müssten sie auch das Hygiene- und Gesundheitskomitee und die Abteilung für Prävention telefonisch kontaktieren und sämtliche Formulare ausfüllen, die es auszufüllen gab.
 
Eine Freundin von mir war im Freiwilligenteam der People's Daily, verließ es aber schon nach drei Tagen wieder. Ihre Aufgabe war es, die Hilfegesuche zu überprüfen und jeden Infizierten per Telefon nach dem Stand der Dinge zu befragen. Im Vergleich zu den jüngeren Erkrankten, die Familie hatten, konnten ältere Menschen über 70 in den meisten Fällen nicht priorisiert werden. Man konnte ihnen schon am Telefon anhören, in welch verzweifelter Lage sie sich befanden. Der letzte Anruf, den meine Freundin tätigte, wurde von einem Angehörigen angenommen. Der eigentliche Patient war gerade zu Hause verstorben. Die Familie hatte eben die 120 gewählt, um den medizinischen Notdienst zu verständigen und musste nun darauf warten, dass der Notdienst den Totenschein ausstellte, ehe sie die Bestattungshalle kontaktierten konnten. Selbst wenn man einen Notruf absetzte, musste man sich also in eine Warteschlange einreihen, und manchmal waren dann noch über 300 Leute vor einem.

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Der 6. Februar, der Tag, an dem Li Wenliang starb, war der deprimierendste Tag seit der Abriegelung der Stadt. Li Wenliang war Augenarzt im Zentralkrankenhaus gewesen und einer der ersten acht Whistleblower, denen man wegen der Verbreitung von Gerüchten eine Abmahnung erteilt hatte. Li war der einzige, der den Medien ein offizielles Interview gegeben hat.
 
An diesem Tag waren drei der vier schwerkranken Patienten, die ich anrief, noch nicht von einer Klinik aufgenommen worden. Bei der Kontaktaufnahme mit einem neuen Hilfesuchenden war am anderen Ende der Leitung nur sein schweres Keuchen zu hören. Ich rief seinen Sohn an. Er erzählte mir, dass seine Tante mehr als zehn Tage auf eine Diagnose gewartet hatte und schließlich im Foyer des Krankenhauses gestorben war. Er schilderte mir, wie sie händeringend nach Immunglobulinen gesucht hätten, von denen ein Fläschchen mittlerweile 600 Dollar kostete. Dann berichtete er von seinem Vater, bei dem man die Krankheit bereits am 26. Januar diagnostiziert hatte, der aber erst am Morgen des 6. Februar eingewiesen wurde. Und auch das nur in ein Nothospital, das lediglich zur Quarantäne diente und nicht einmal die grundlegendsten Bedingungen für ein Krankenhaus erfüllte. „Haben wir uns da nicht auf ein Spiel eingelassen, das nun einen schrecklichen Tribut fordert?“, fragte er mich. Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte.

Er erzählte mir, dass seine Tante mehr als zehn Tage auf eine Diagnose gewartet hatte und schließlich im Foyer des Krankenhauses gestorben war.

Nach diesem Telefonat erreichte mich die Nachricht von Li Wenliangs Tod. Anschließend poppte eine Meldung in der Freiwilligengruppe auf: Über dreißig ältere Menschen mit milder Symptomatik hätten in ein Nothospital gebracht werden sollen. Die Klinik war jedoch schon voll belegt und nahm nur noch Patienten im Alter zwischen 18 und 60 Jahren auf. Als Transportfahrzeug diente ein umgebauter öffentlicher Bus. Der Fahrer hatte den Bus auf dem Parkplatz des Bahnhofs in Wuchang abgestellt, Feierabend gemacht und die alten Leute einfach sich selbst überlassen. Inzwischen war es bereits halb eins in der Nacht. Wir versuchten es unter mehreren Nummern: der Bürgermeister-Hotline, den Notrufnummern 110 und 120, beim Hygiene- und Gesundheitskomitee, der Präventions- und Kontrollabteilung und schließlich bei der Stadtverwaltung. An keiner Stelle bekamen wir die Zusage, dass sofort ein Rettungswagen geschickt würde. Erst um halb drei Uhr in der Nacht hatten wir alle Senioren untergebracht. Nachdem wir das Nachbarschaftskomitee jedes einzelnen kontaktiert und dort freiwillige Fahrer gefunden hatten, die bereit waren die Patienten abzuholen.
Wuhan (#8113) © Goethe-Institut China 2020
Im Nachhinein erfuhren wir, dass die Nachbarschaftsverwaltung lediglich für die Weitergabe von Patienteninformationen an höhere Stellen verantwortlich war und das Hygiene- und Gesundheitskomitee nur für das Filtern dieser Informationen, die Zuweisung von Klinikbetten und die Kontaktaufnahme mit Patienten und Krankenhäusern. Es war dieses Vakuum zwischen Nachbarschaftskomitees und Krankenhäusern, das den Boden für weitere vergleichbare Vorfälle bereitete.
 
Am 13. Februar wurden der Parteisekretär der Provinz Hubei sowie der Parteichef von Wuhan abgesetzt. An diesem Tag wurden in Hubei 14.840 neue Fälle bestätigt, von denen 13.332 über Computertomographie direkt festgestellt und 1.508 durch Nukleinsäuretests indirekt nachgewiesen worden waren. Wir waren alle erleichtert, dass es nun möglich war, die Krankheit durch eine Kombination von CT und Symptomen zu diagnostizieren. Eine weitere gute Nachricht war, dass 16.000 medizinische Mitarbeiter aus dem ganzen Land freiwillig nach Wuhan kommen würden. Vor Ort wurden mehr als ein Dutzend Hochschulen zu Quarantänestellen umfunktioniert, darunter die Universität, an der meine Mutter arbeitet.
 
Die Erhöhung der Bettenzahl und der ständige Zustrom von medizinischem Personal führten andererseits jedoch zu noch gravierenderen Versorgungsengpässen. In vielen für Spenden zuständigen Teams wurde darüber geklagt, dass das Geld nicht ausreiche und dass es keine sicheren Bezugsquellen für Hygienemasken und Schutzkleidung gäbe. Mittlerweile war sogar ein Markt für gebrauchte Atemschutzmasken entstanden. Zudem kam es vor, dass amtlich ausgewiesene Hersteller den freiwilligen Helfern Anti-Epidemie-Ausrüstungen zu einem Preis anboten, der zehnfach über dem Bezugspreis der Regierung lag. Nachdem die Unternehmen ihre Produktion wieder aufgenommen hatten, wurde, ähnlich wie beim Mundschutz, auch der überteuerte Weiterverkauf von Infrarot-Thermometern zur Geschäftsidee.

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Am 14. Februar verhängte Wuhan eine noch strengere Ausgangssperre über die Wohngebiete. In den Wohnblöcken bleibt nur ein Ausgang für Arztbesuche geöffnet, bei allen anderen Gründen wird die Passage untersagt. Lebensmitteleinkäufe werden innerhalb des Nachbarschaftskomitees zentral organisiert oder per Internet getätigt. Allerdings haben Online-Handelsplattformen wie JD.com oder Tmall uneinheitliche Richtlinien. Zudem ist die Logistik teilweise unterbrochen, sodass nur selten etwas rechtzeitig ausgeliefert wird. Derzeit gibt es in unserem Block zehn Krankheitsfälle oder Verdachtsfälle und einen Todesfall. Gestern hat das Nachbarschaftskomitee jeder Familie zwei Bund Radieschen und zwei Kohlköpfe zugeteilt, wir waren richtig happy.
Wuhan (#9235) © Goethe-Institut China 2020
Wer krank ist, steht vor neuen Herausforderungen. Patienten, die nicht an Lungenentzündung erkrankt sind, wissen nicht mehr, an wen sie sich wenden sollen. Ich habe in den letzten Tagen mehr als ein Dutzend Menschen getroffen, die dringend eine Dialyse benötigen. Stattdessen stecken sie in einem Dilemma: Solange nicht geklärt ist, ob sie Corona haben oder nicht, ist es schwierig ein zuständiges Krankenhaus zu finden, das bereit ist sie zu behandeln. Darüber hinaus gibt es Patienten mit Gehirnblutung und Krebs. Manche von ihnen wurden zwangsweise entlassen, weil die Klinik, in der sie ursprünglich hospitalisiert waren, als Spezialklinik für die Behandlung von Lungenentzündungen ausgewiesen wurde. Andere können erst gar kein Krankenhaus finden, das ihnen die notwendige medizinische Behandlung zukommen lässt.
 
Als es um die Behandlung von Patienten im Spätstadium in Wuhan ging, meinte ein Arzt zu uns: „Die Hoffnung liegt allein darin, unter den aktuellen Umständen nach einem Weg des Lebens zu suchen. Nicht das am Leben sein ist normal, wie die Leute heute immer meinen, Krankheit und Tod sind die Normalität.“
 
Gestern Morgen hat unsere Familie eine weitere Hiobsbotschaft erreicht. Chang Kai, Regisseur bei den Hubei Film Studios, war ein Freund meines Vaters, den er aus der Parteischule kannte. Nun ist seine gesamte Familie an dem Virus verstorben. Mein Vater hatte die Nachrichten am Morgen gelesen. Er setzte sich wieder auf den Balkon und rauchte in der Sonne eine Zigarette. Der Balkon ist nach Abriegelung der Stadt zu dem Ort geworden, an dem er die meiste Zeit verbringt.
 
Fotos von Yin Xiyuan. Übersetzung aus dem Chinesischen von Julia Buddeberg.

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