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Verzeichnis einiger Verluste #4
Wuhan, Bezirk Wuchang, ein Ehemann

Wuhan (#6835)
© Goethe-Institut China 2020

Dass Zhang Hong weg war, kam Xie Qing immer noch wie ein Traum vor.

Von Liu Lutian (刘璐天)

Zhang Hong starb im Auto. Ihr Mann Xie Qing hatte den Wagen direkt vor dem Krankenhaus geparkt. Es war ihm unbegreiflich, wie sich die Notaufnahme ganz oben im dritten Stock befinden konnte. Er war nach oben gerannt und hatte den Arzt gefragt, ob sie eine Dialyse machen könnten, und dieselbe Antwort wie immer erhalten: Sie müssten warten. Als er wieder herunterkam, waren die Hände der im Auto wartenden Zhang Hong schon ganz kalt.

Noch eine Woche zuvor war Zhang Hong gesund und munter gewesen. Sie war 37 Jahre alt, Beraterin in einem Consulting-Unternehmen und hatte ein fünfjähriges Kind. Seit Oktober 2018, nachdem bei ihr Nierenversagen festgestellt worden war, ging sie zwei bis drei Mal pro Woche zur Blutreinigung in das Volkskrankenhaus der Universität Wuhan. Später hatte sich ihr Zustand verbessert und die Behandlung wurde auf zweimal wöchentlich reduziert.

Am 3. Februar hatte Zhang Hong die letzte Blutwäsche vor ihrem Tod erhalten. Am Morgen des 6. Februar gingen sie wieder gemeinsam ins Volkskrankenhaus. Der Arzt meinte, dass sie zuerst einen CT machen müsse. Dabei zeigte sich ein Schatten auf Zhang Hongs Lunge. Nichts Ungewöhnliches bei Dialysepatienten, denn bei einer Störung der Nierenfunktion kann auch die Lunge in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Arzt allerdings schätzte Zhang Hong als Verdachtsfall des neuartigen Coronavirus ein. Xie Qing fiel ein, dass Zhang Hong im Dezember eine Zeit lang stark gehustet hatte. Nach der Einnahme eines entzündungshemmenden Medikaments hatte sich der Husten jedoch gebessert. Xie Qing war sich sicher, dass Zhang Hong keine Lungenentzündung hatte, konnte jedoch die Zweifel des Arztes nicht ausräumen. Ein Mediziner namens Lü teilte Xie Qing mit, dass das Volkskrankenhaus dem städtischen Hämodialysezentrum ihren Namen melden würde. Sie müssten auf eine Benachrichtigung von oben warten. Xie Qing riet er, sich erst einmal an die Nachbarschaftsverwaltung zu wenden, um dort zum Ausschluss des Coronavirus einen PCR-Test zu machen.

Noch an demselben Vormittag hatte Xie Qing zwei Orte aufgesucht. Zunächst ging er zur Nachbarschaftsverwaltung und bekam die Auskunft, dass dort keine PCR-Tests durchgeführt würden. Sie sollten sich an das Nachbarschaftskrankenhaus wenden. Bei dem Hospital, das an die Abteilung für Ingenieurswesen der Universität Wuhan angeschlossen war, hieß es jedoch, man hätte ebenfalls keine Testmöglichkeiten. Sie sollten sich beim Volkskrankenhaus zunächst eine Überweisung besorgen und sich dann für den Test mit einem Wagen der Nachbarschaftsverwaltung in ein anderes Krankenhaus zur Dialyse einweisen lassen. Zurück in der Nachbarschaftsverwaltung warteten sie bis zwei Uhr nachmittags. Doch es kam kein Krankentransport. Am Ende wurde ihnen gesagt, sie sollten nach Hause gehen und dort auf den Wagen warten. Am 7. Februar war der Krankentransport immer noch nicht da. Xie Qing rief zweimal bei der Nachbarschaftsverwaltung an. „Wir können nicht mehr warten“, meinte er, „sie hat schon vier Tage keine Blutreinigung mehr erhalten.“ Man gab ihm die Nummer eines Nachbarschaftsvorstehers, Direktor Feng. „Gut, ich leite das sofort in die Wege,“ sicherte der Direktor ihnen zu, aber bis zum Nachmittag war immer noch kein Wagen da.

Am 8. Februar wurde Xie Qing auf ein drei Tage zuvor von der Hygiene- und Gesundheitskommission der Stadt Wuhan veröffentlichtes Dokument aufmerksam, das Krankenhäuser auflistete, die für die Behandlung von Patienten mit COVID-19 vorgesehen waren. Für Patienten, die eine Dialyse benötigten, waren sechs Kliniken ausgewiesen: Krankenhaus Nr. 3 im Optics Valley von Wuhan, das Pu‘ai-Hospital im Westen von Wuhan, die Kliniken in den Stadtteilen Hankou und Wuchang sowie die Krankenhäuser Nr. 5 und Nr. 9.

Wuhan (#6835) © Goethe-Institut China 2020
Die Bezirksklinik von Wuchang und das Krankenhaus Nr. 9 lagen für sie am günstigsten. Zhang Hong wollte es zunächst im Krankenhaus Nr. 9 versuchen. Ihrer Meinung nach war diese Klinik nicht ganz so renommiert. Dort würde vielleicht weniger Andrang herrschen, was das Risiko für eine Infektion minimiere. Im Krankenhaus Nr. 9 teilte man ihr mit, dass die Dialyseabteilung bereits geschlossen sei, sich gerade im Umbau befinde und noch keine Patienten aufnehme. Also fuhren sie zum Krankenhaus von Wuchang. „Hier können Sie das nicht machen“, sagte die Krankenschwester am Empfang. Zhang Hong platzte der Kragen. Sie zeigte der Dame auf ihrem Smartphone das Foto mit der Liste der Hygiene- und Gesundheitskommission: „Hier haben Sie es schwarz auf weiß! Sie dürfen mich nicht fortschicken.“ Die Krankenschwester holte einen Arzt namens Xiong. Er erklärte, dass das Wuchang-Krankenhaus Dialysepatienten erst behandeln dürfe, sobald ihr Name auf der Liste des Hämodialysezentrums der Stadt auftauche. „Bisher haben wir Ihren Namen nicht auf der Liste.“ Xie Qing erinnerte sich wieder an jenen Arzt Lü vom Volkskrankenhaus, der ihnen vor zwei Tagen zugesagt hatte, er würde ihren Namen nach oben weiterleiten. Er rief ihn an. „Ich habe alle zwei Stunden beim Amt nachgehakt“, berichtete Lü. „Es gab noch einen Patienten, der sich in derselben Situation wie Sie befand. Er hat mittlerweile einen Ort für die Dialyse gefunden.“ Xie Qing fragte, wie er mit diesem Patienten Verbindung aufnehmen könne, um sich weiterhelfen zu lassen. Da habe er leider keine Kontaktinformationen, meinte Lü.

Am 9. Februar war Zhang Hong sechs Tage lang an keine Dialyse mehr angeschlossen gewesen. Sie bekam Schmerzen am gesamten Körper. Sie hatte Atemnot und konnte nicht mehr schlafen.

Nun versuchte Xie Qing über das Internet die Telefonnummer des Hämodialysezentrums von Wuhan ausfindig zu machen, doch ohne Erfolg. Außerdem telefonierte er alle anderen vier Krankenhäuser auf der Liste durch. Entweder hob gar niemand ab oder er bekam die Antwort, sie könnten die Blutwäsche erst durchführen, wenn eine dementsprechende Benachrichtigung des städtischen Hämodialysezentrums vorliege. Er wählte die Notrufnummer 120. Von so einem Zentrum hätte man noch nie etwas gehört, hieß es am anderen Ende der Leitung. „Sie können es unter den folgenden vier Nummern versuchen“, empfahl man ihm schließlich, und nannte ihm die Namen der vier Kliniken, bei denen Xie Qing bereits unzählige Male angerufen hatte. Xie Qing geriet in Panik. Er wählte jede Rufnummer, die ihm nur einfiel: 110 (Büro für öffentliche Sicherheit), 12345 (Hotline des Bürgermeisters), 12320 (Städtische Hygiene- und Gesundheitskommission). Er versuchte es sogar unter der Bürgerhotline des Wirtschaftskanals des lokalen Fernsehsenders Hubei TV. Immer und überall bekam er dieselbe Auskunft: „In Ordnung, wir leiten Ihre Anfrage an höhere Stelle weiter.“

Am 9. Februar war Zhang Hong sechs Tage lang an keine Dialyse mehr angeschlossen gewesen. Sie bekam Schmerzen am gesamten Körper. Sie hatte Atemnot und konnte nicht mehr schlafen. Musste sie auf die Toilette, war sie auf Xie Qings Hilfe angewiesen, um überhaupt stehen zu können. „Vielleicht müssen wir erst versuchen, einen PCR-Test durchzuführen“, sagte Zhang Hong. „Anscheinend hat momentan eine Lungenentzündung Vorrang vor allen anderen Krankheiten. Wenn ich erst einmal in einer Klinik aufgenommen wurde, komme ich vielleicht auch leichter an eine Dialyse.“

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen, am 9. und am 10. Februar wandte sich Xie Qing an das Krankenhaus in Wuchang. Und erhielt jedes Mal dieselbe Antwort: Man müsse auf Anweisung von oben warten. Wieder daheim kontaktierte er, während Zhang Hong im Bett lag, immerzu neue Leute, die ihnen vielleicht weiterhelfen konnten. Er erkundigte sich nach allen Seiten, ob man die Dialyse bei einer Privatklinik durchführen könne. Doch offensichtlich waren fast alle Privatkliniken von der Regierung zu Spezialkliniken für Lungenentzündungen umfunktioniert worden. Er kontaktierte sogar einen der Chefs bei seiner Arbeitsstelle und bat ihn, einen persönlichen Kontakt zum Hospital Süd oder dem Volkskrankenhaus herzustellen. Weiter kontaktierte er einen Arzt namens Qiu, der beim Volkskrankenhaus in leitender Funktion arbeitete, und fragte, ob man statt einer Hämodialyse zur Not auch eine Peritonealdialyse durchführen könne. Die Peritonealdialyse war eine Form der Blutwäsche, die auch zu Hause durchgeführt werden konnte und bei der über den Bauchraum ein Schlauch eingeführt wurde. Allerdings war dazu zunächst eine Operation notwendig. Keine Chance, meinte Qiu. Sie kommen nicht darum herum, zunächst einen PCR-Test durchzuführen, um den Verdacht auf Lungenentzündung auszuräumen. 

Am 11. Februar antwortete der Chef von Xie Qings Arbeitsstelle, dass weder das Hospital Süd noch das Volkskrankenhaus etwas für seine Frau tun könnten. All jenen Leitungsbefugten, die hier normalerweise etwas bewirken konnten, waren die Hände gebunden. Jedoch würde das Hospital Süd mittlerweile PCR-Schnelltests anbieten, dort sollten sie es versuchen. Indessen kam endlich ein Anruf der Nachbarschaftsverwaltung: Sie sollten sich bereithalten, am Nachmittag würde man sie abholen und zur Quarantänestation bringen.
Wuhan (#7837) © Goethe-Institut China 2020
Xie Qing fiel ein Stein vom Herzen. Er packte für Zhang Hong eine Tasche mit Kleidung, Schuhen und Medikamenten zusammen. Doch am Nachmittag wurde der Transport der Nachbarschaftsverwaltung noch einmal verschoben. Uns bleibt keine Zeit mehr zu warten, dachte Xie Qing. Er packte Zhang Hong ins Auto und fuhr sie selbst zum PCR-Test ins Hospital Süd.

Am 12. Februar standen sie in aller Früh auf und waren schon um acht Uhr morgens beim Hospital, um nach dem Testergebnis zu fragen. Das liege erst zwischen zwei und drei Uhr nachmittags vor, erfuhren sie in der Klinik. Xie Qing brachte Zhang Hong erneut ins Volkskrankenhaus. Sie saßen im Dialyseraum und warteten in der Hoffnung, sofort mit der Blutreinigung beginnen zu können, sobald das negative Testergebnis da ist. 60 Prozent der Geräte im Dialyseraum waren frei, aber solange das Ergebnis nicht vorlag, konnte Zhang Hong nicht an die Maschinen. Sie hatte am ganzen Körper so große Schmerzen, dass sie sich permanent auf die Zunge biss, um nicht ohnmächtig zu werden. Als jemand in Schutzkleidung vorbeikam, ein Arzt oder eine Krankenschwester, meinte sie wütend: „Der Schutzanzug, den Sie da tragen, ist wahrscheinlich eine Spende von mir und meinem ehemaligen Kommilitonen, wissen Sie das?“ Zhang Hongs Mitstudent Meng Zhi war einer der Initiatoren der japanisch-chinesischen Spendenaktion, die wegen eines klassischen chinesischen Sprichworts auf der gelieferten Kleidung allgemeine Aufmerksamkeit erhalten hatte: „Wer sagt, dass du keine Kleider hast? Ich teile sie mit dir.“

Nach zwei Uhr nachmittags kam die Nachricht aus dem Hospital Süd. Der Test war negativ. Xie Qing wandte sich sofort an den Leiter Qiu. Doch dessen Politik hatte sich nun wieder geändert. Ein einmaliger negativer PCR-Test reicht bei uns nicht aus, meinte er. Schließlich könne das Ergebnis auch falsche sein, sie müssten mehr als zwei Tests vorweisen. Dann sagte er noch, eine Behandlung sei eigentlich nur möglich, wenn sich im CT kein Schatten auf der Lunge zeige. Als Xie Qing ihn anflehte, erklärte er zuletzt: „Das Volkskrankenhaus steht momentan nicht mehr unter der Verwaltung des Volkskrankenhauses.“

Am Tag davor hatte das Kommandozentrum für Prävention und Kontrolle der Provinz Hubei eine Pressekonferenz gegeben. Dabei hatte Xu Shunqing, der stellvertretende Dekan der Akademie für Öffentliche Gesundheit an der Huazhong-Universität verkündet, dass es bei den PCR-Tests eine gewisse Quote von falschen Negativ-Ergebnissen gab.

Nun rief Zhang Hongs Schwester an und sagte, sie habe eine Zusage vom Krankenhaus Nr. 3 im Optics Valley. Zhang Hong könne dort zur Dialyse vorbeikommen. Xie Qing hatte seinen Vater angerufen, damit er sich auf dem Rücksitz um Zhang Hong kümmerte und ihr Zucker gab, wenn sie wegzukippen drohte. Xie Qing konnte später nicht mehr sagen, wie viele rote Ampeln er auf dem Weg vom Hospital Süd zum Krankenhaus Nr. 3 des Optics Valley überfahren hatte und um wieviel Stundenkilometer er die Geschwindigkeitsbegrenzung übertreten hatte. Er hatte nur einen Gedanken, seine Frau zu retten.

Sie erreichten das Krankenhaus. Die Notaufnahme befand sich im dritten Stock. Xie Qing rannte nach oben und fragte den Arzt, ob er eine Dialyse durchführen könne. Die Antwort war dieselbe wie immer, sie müssten warten. Als er wieder herunterkam, waren Zhang Hongs Hände bereits kalt.

Xie Qing wusste nicht, wie er seiner fünfjährigen Tochter erklären sollte, wohin ihre Mutter gegangen war. Sie sei auf Geschäftsreise im Ausland, sagte er ihr, dort gäbe es kein WLAN und telefonieren könne man auch schlecht. Während seine Tochter mit ihrer Großmutter daheim blieb, wurde Xie Qing mit seinem Vater in einem Hotel isoliert. Als er später Zhang Hongs Hinterlassenschaft sortierte, stellte er fest, dass sie seit 2015 für ein wohltätiges Spendenprojekt monatlich zwanzig Yuan gespendet hatte. Er fand auch einen Überweisungsschein, von dem er nicht wusste, wann er in die Krankenakte gelegt worden war. Und er erfuhr aus Zhang Hongs WeChat-Gruppe der Dialysepatienten, dass andere Patienten des Volkskrankenhauses einen Platz für eine Dialyse gefunden hatten.

Bilder von Yin Xiyuan (尹夕远).

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