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Verzeichnis einiger Verluste #5
Wuhan, Bezirk Jiang'an, ein Sohn

Wuhan (#8745)
© Goethe-Institut China 2020

Wang Hongfas Tante wartete am 4. Februar immer noch auf ein Bett im Krankenhaus und starb schließlich im Eingangsbereich der Klinik. Ein ähnliches Schicksal stand nun seinen über 80-jährigen Eltern bevor.

Von Liu Lutian (刘璐天)

Schon am 26. Januar zeigten sie alle Symptome, die für COVID-19 typisch sind: Husten, 38 Grad Fieber, Schwindel und Schwäche, Atemschwierigkeiten. Ein CT-Check im Zentralkrankenhaus zeigte Schatten auf der Lunge, vereinzelte milchige Flecken, und die Sauerstoffsättigung des Blutes war unter 90 Prozent gesunken.

Es war der vierte Tag der Sperrung Wuhans. An diesem Tag lag die Zahl der bestätigten Fälle in ganz China bei 2744, die Hälfte davon in der Provinz Hubei. Wuhan hatte bereits zweimal Krankenhäuser speziell für Corona-Patienten designiert, zusammen mit 4000 Betten, die aber praktisch alle belegt waren. Die Medien berichteten, dass weitere Krankenhäuser mit einer Kapazität von 6000 Betten am folgenden Tag zum Einsatz kommen sollten.

Wang Hongfas Eltern aber sollte das nicht helfen. Zwischen dem 26. Januar und dem 2. Februar setzte Wang Hongfa Himmel und Erde in Bewegung, um für seine Eltern Krankenhausplätze zu organisieren. Mit dem zuständigen Leiter des Wohnviertels namens Huang erstritt er sich letztendlich sogar eine Freundschaft. Täglich telefonierte er von frühmorgens bis zum Schlafengehen und kritzelte unzählige Zettel voll mit Telefonnummern: vom Kommandostab für die Epidemiebekämpfung des Bezirks über die Gesundheitskommissionen des Bezirks und der Stadt bis zur Hotline des Bürgermeisters. Herr Huang sagte ihm, dass man auf Wohnviertelebene auch nicht klar sagen könne, welches Krankenhaus einen Nukleinsäuretest durchführen könne oder welches Krankenhaus freie Betten habe – man müsse die Benachrichtigung durch die städtische Gesundheitskommission abwarten. Die Wartezeit überbrückte Wang mit der Suche nach intravenös zu verabreichendem Immunglobulin, einem Blutplasmaprodukt, das die körpereigenen Abwehrkräfte stärkt. Zwar war der Preis pro Flasche in Wuhan schon von 600 auf 800 Yuan gestiegen, aber trotzdem war der Markt wie leergefegt.

Was die zahllosen Menschen am Telefon konkret gesagt hatten, vergaß er schnell. Woran er sich erinnert, ist dass ihr Tonfall sich kaum von Robotern unterschied: „Wurde ein Nukleinsäuretest gemacht? Nein? Dann wenden Sie sich an Ihr Wohnviertel.“ „Ich hab’s notiert, wir geben es nach oben weiter.“ „Ihre Frage fällt nicht in die Zuständigkeit unserer Behörde, die offiziell Folgendes umfasst…“

Wang Hongfa verstand nicht, warum unter 70-jährige, bei denen die ganze Familie infiziert war, oder noch jüngere bevorzugt behandelt wurden und sein Vater, ein Veteran der Roten Armee nicht. Er verstand ebenfalls nicht, warum es eines CT-Scans oder eines Nukleinsäuretests bedurfte, bevor eine Behörde feststellen konnte, dass jemand im Sterben lag. Wenn sie nur mal selbst schauen würden, würden sie das doch sofort erkennen?

Wuhan (#8745) © Goethe-Institut China 2020
Am Vormittag des 3. Februar konnten die Eltern endlich einen Nukleinsäurereagenztest im Stadtviertel machen, mussten aber auf das Ergebnis wieder zwei Tage lang warten. Während er abends um acht eine Tropfinfusion bekam, wurde Wangs Vater ohnmächtig und kam erst nach Anwendung von Erste-Hilfe-Maßnahmen wieder zu sich. Wang Hongfa schrieb einen Hilferuf, den er unter dem Hashtag #lungenentzündung über Weibo verbreitete.

Am 4. Februar um Mitternacht begann Wuhan mit dem Bau des ersten provisorischen Containerkrankenhauses in einem Sportstadion des Stadtteils Hongshan. Bei gerade mal 6 Grad Außentemperatur waren am Abend mehr als 200 Freiwillige kurzfristig an diesem Ort zusammengebracht worden, um in einer Nacht 1000 Betten aufzustellen. Als es hell wurde, wurden sie zum Messezentrum in Wuhan gebracht, um weitere 1000 Betten aufzustellen.

Am Morgen des 5. Februar erfuhr Wang Hongfa aus den Nachrichten vom Kommandostab für Epidemiebekämpfung, dass bis abends 24 Uhr alle bestätigten Corona-Patienten einen stationären Behandlungsplatz erhalten würden. Am Nachmittag erhielten seine Eltern rechtzeitig die positive Diagnose. Würden sie tatsächlich noch vor Mitternacht ein Bett im Krankenhaus bekommen, fragte sich die Familie halb zweifelnd, halb hoffend.

Eine Liege reihte sich hier an die andere, es gab Heizdecken und eine Grundversorgung mit Essen und Trinken, aber keine medizinische Ausrüstung, nicht einmal fiebersenkende Mittel.

Am 6. Februar morgens um 5 Uhr kam der Bescheid vom Wohnviertel, dass die Eltern ins Krankenhaus aufgenommen würden – nur wann genau ein Fahrzeug kommen würde, um sie abzuholen, und welches Krankenhaus sie aufnehmen würde, blieb weiter unklar. Alle drei gingen frühzeitig zum Sammelpunkt, hielten aber Sicherheitsabstand zueinander und konnten sich nur stumme Blicke zuwerfen. Die Eltern atmeten immer schwerer und brachten schon keinen zusammenhängenden Satz mehr heraus.

Um 6:47 kamen ein mintgrünes Taxi und ein weißer, kastenförmiger Lieferwagen. Die Eltern fanden Platz im Lieferwagen, der schon voller Menschen war. Erst als sie ausstiegen, sahen sie, dass sie ins provisorische Containerhospital eingeliefert werden würden. Wie zuvor bekannt gegeben worden war, sollte dieses nur Corona-Patienten mit leichten Symptomen aufnehmen. Eine Liege reihte sich hier an die andere, es gab Heizdecken und eine Grundversorgung mit Essen und Trinken, aber keine medizinische Ausrüstung, nicht einmal fiebersenkende Mittel. Die Mitarbeiter kümmerten sich nur um die Erstaufnahme und es gab kaum medizinisches Personal.
Wuhan (#8837) © Goethe-Institut China 2020
Wang Hongfa machte sich große Sorgen: Wenn die Versorgung mit Spritzen, Sauerstoff und Medikamenten hier überhaupt nicht gewährleistet ist, wäre es vielleicht besser gewesen, gar nicht hierher zu kommen. Er hatte sogar den Verdacht, dass das Wohnviertel seine Eltern mit ihren schweren Symptomen nur deshalb hierhergeschickt hatte, um der Anweisung des Kommandostabs für Epidemiebekämpfung, „allen bestätigten Corona-Patienten einen stationären Behandlungsplatz zu beschaffen“, Folge geleistet zu haben.

Am Abend hatte sein Vater 40 Grad Fieber und fiel in einen Schockzustand. Wang Hongfa war ebenfalls am Ende seiner Kräfte, er hatte über 40 Stunden nicht geschlafen, musste nun aber weiter telefonieren. Um 9:30 kam die Nachricht, dass der Arzt Li Wenliang am Zentralkrankenhaus nach erfolglosen Rettungsmaßnahmen verstorben war. Zwei Stunden später wurde Wangs Vater endlich in eine Spezialklinik für Lungenkrankheiten verlegt, wo Rettungsmaßnahmen unternommen wurden. Erst nachts um eins hatte er den lebensbedrohlichen Zustand überstanden und wurde zur Behandlung seiner Lungenentzündung in den 7. Stock verlegt.

Am Nachmittag des 8. Februar wurde endlich auch Wangs Mutter in den Westflügel des Union-Hospitals eingewiesen. Es war der 15. Tag des neuen Jahres, das Laternenfest, das Familien traditionell eigentlich zusammen verbringen. Aber Wang Hongfa war jetzt alleine. Die TV-Sendung zum Laternenfest war um eine Coronavirus-Lyriklesung erweitert worden: „Was hast du gesehen, woran erinnerst du dich, was hat dich berührt, was lässt dich nachts nicht schlafen?“   

Weil er 60 Stunden nicht geschlafen hatte, sah Wang Hongfa die Sendung nicht zu Ende, aber auf Weibo zog ihn ein Video in den Bann: Ein Mädchen sitzt auf dem Balkon eines Hochhauses, weint und schlägt dabei einen Gong. „Meine Mutter hält nicht mehr lange durch“, schreit das Mädchen im Wuhan-Dialekt. „Warum kommt denn niemand, warum hilft uns denn keiner!“

Bilder von Yin Xiyuan (尹夕远).

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