Russland Elena Fanailova

Elena Fanailova
Foto: Alexander Tjagny-Rjadnal

Was bedeutet für Sie der Begriff Flüchtling?

Ein Mensch, der aufgrund von Krieg, einer humanitären Katastrophe oder Naturkatastrophe, politischer Unterdrückung, Androhung einer Inhaftierung aus ideologischen Gründen, Verfolgung aufgrund der Rassen- oder Religionszugehörigkeit, sozialer Probleme ( Armut, Hunger, Lebensbedrohung durch schlechte gesundheitliche Versorgung, usw.), Diskriminierung aufgrund seiner sexuellen Orientierung und anderer Gründe, gezwungen ist, seine Heimat oder eine Region seiner Heimat zu verlassen. Ein Mensch sucht Schutz in einem anderen Land oder einer sicheren und wohlhabenderen Region seines Landes, um dort vorübergehend oder für immer zu wohnen. Er ist bereit, vorübergehende Schwierigkeiten  (Lebensbedingungen im Flüchtlingslager, schlecht bezahlte Arbeit, befristete Aufenthaltsdokumente) auf sich zu nehmen, um sein Leben zu retten oder seine Lebensbedingungen zu verbessern. Menschen, die zur Emigration gezwungen wurden, halte ich auch für Flüchtlinge.

Ist Flucht vor Armut für Sie weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung?

Auf gar keinen Fall. In der Regel ist eine Flucht vor Armut bei genauerer Betrachtung ihrer Gründe und Motive auch verbunden mit politischen Regimen und den durch diese verursachten Bedrohungen. Die sogenannte „Wurst-Emigration“ aus der Sowjetunion in den 70er/80er Jahren war verbunden mit der Unzufriedenheit mit der gesamten Struktur des sozialen Lebens im Land und der totalen Kontrolle des Staates über alle Aktivitäten bis hin zu Festnahmen und Gefängnisstrafen für alle Arten des privaten Unternehmertums. Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern flüchten nach Europa vor einer  Armut, die an Hungertod und Tod der Familien und der Gemeinschaft grenzt.

Und Flucht vor ökologischen Problemen?

Die Antwort liegt in demselben Bereich wie eben gesagt: ökologische Probleme sind mit politischen Regimen und mit dem Ausmaß des staatlichen oder oligarchischen Monopols auf Bodenschätze verbunden. Russische Ökologen (Suren Gazarjan, Ewgenij Bitischko (von „Ökologische Wache des Nordkaukasus“) oder Konstantin Rubachin (die Bewegung „Verteidigung des Chopjors“) wurden zur Emigration gezwungen, weil man sie aufgrund ihres Umweltaktivismus, der die Interessen von wichtigen Beamten und Monopolen bis hin zum russischen Präsidenten und kremlnahen Kreisen berührte, strafrechtlich verfolgte.

Wann hört man auf, Flüchtling zu sein?

Wenn der Flüchtling die Dokumente über seinen ständigen Aufenthaltsstatus im Land erhält und eine Arbeit, die seiner Qualifikation entspricht mit dem entsprechenden Verdienst, oder eine Beihilfe. Er bekommt dann den Status eines Emigranten. Psychologisch gesehen kann er sich jedoch weiterhin als Flüchtling fühlen.

Gibt es für Sie ein Recht auf Asyl?

Es gibt ein internationales Recht, das das angeborene juristisch bestätigt. Das sind die UN-Konvention und UN-Protokolle.

Wenn ja: ist es bedingungslos, oder kann man es verwirken?

Ich denke, dass es ein unveräußerliches Recht ist.

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft begrenzt oder unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann?

Ich denke, dass es solche Länder gibt: USA, Kanada, Australien.

Falls begrenzt: worin bestehen diese Grenzen?

Diese möglichen Grenzen bestehen in der Größe des Landes, in dem Stand seiner wirtschaftlichen Entwicklung und politischen Kultur, sowie in der Fähigkeit der Elite, die Verantwortung für die Flüchtlingsströme und den Grad der Fremdenfeindlichkeit in den eigenen Ländern abzuschätzen. Amerika nahm im 19. und 20. Jahrhundert eine  solche Anzahl von Flüchtlingen und Emigranten auf, mit der kein europäisches Land zurecht kommen würde. Wenn ein Land in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass die Flüchtlingsströme eine Unterkunft bekommen und sich an ein normales Leben gewöhnen können, dann ist das dessen positive Grenze. Die negative Grenze besteht in der Notwendigkeit, Flüchtlinge während Krieg und Katastrophen aufzunehmen, die unabsehbare Mengen erreichen kann. Die bürgerliche Vorstellung der „Flüchtlingskrise“, beispielsweise infolge des Syrienkonflikts, ist ein wenig übertrieben, was man bemerkt, wenn man sich die Statistik über das Verhältnis der Flüchtlingen und der Bevölkerung dieser Länder ansieht.

Gibt es in Ihrem Land privilegierte Flüchtlinge, d.h. solche, die Ihr Land eher aufzunehmen bereit ist als andere? Wenn ja, warum?

Nach dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine wurde viel darüber geschrieben, wie herzlich die russischen Flüchtlinge aus dem Donbass in den verschiedenen Regionen Russlands aufgenommen wurden. Dann stellte sich heraus, dass dem Staat und den Beamten die Ressourcen und der gute Wille fehlte, diese Menschen mit Unterkünften und Arbeitsplätzen zu versorgen, und die Bevölkerung vor Ort den Flüchtlingen gar nicht so wohlgesonnen war. Die Erklärung für die erste Welle des herzlichen Empfangs ist einfach: „Das sind Russen, die unter der neuen, nichtlegitimen ukrainischen Regierung litten, Menschen unserer Ethnie!“ Das ist im hohen Maße die Folge der Propaganda. Russen aus Tschetschenien oder Abchasien (zur Zeit des Krieges) wurden von der Gesellschaft nicht „herzlich“ empfangen, sie wurden von der Öffentlichkeit oder vom Staat einfach gar nicht wahrgenommen.

Werden Flüchtlinge in Ihrem Land aus Ihrer Sicht gerecht behandelt?

In meinem Land werden selbst die eigenen Bürger ungerecht behandelt. Alle Probleme Russlands spiegeln sich in den Problemen der Flüchtlinge wider. Besonders ungerecht werden die Gastarbeiter aus den Ländern Zentralasiens behandelt, die Vormundschaftsbehörden können deren Kinder wegnehmen. St. Petersburg wurde von dem Tod von Umaral Nazarov erschüttert, der auf illegale Weise  seiner tadschikischen Familie weggenommen wurde.
Die Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten Moldawiens und Abchasiens besitzen überhaupt keinen offiziellen Status, sie alle haben, soweit ich weiß, ihre Probleme eigenständig gelöst.

Wären für Sie Einschnitte im Sozialsystem Ihres Landes akzeptabel, wenn dies helfen würde, mehr Flüchtlinge aufzunehmen?

Die Realität sieht so aus, dass das Budget für Bildung und Gesundheit in Russland zugunsten eines höheren Militärbudgets monströs gekürzt wird. Die Frage ist meiner Meinung nach nicht ganz richtig gestellt: das Budget für soziale Bedürfnisse sollte alle humanitären Ausgaben umfassen, darunter auch die Flüchtlingshilfe.

Was sind für Sie Voraussetzungen für erfolgreiche Integration? Gibt es Mindestanforderungen

- an die Ankommenden?

Das Erlernen der Sprache des Landes und der Wunsch nach Integration seitens der Flüchtlinge oder Emigranten. Nicht gegen das Gesetz zu verstoßen. Die Sprache des Landes zumindest für den alltäglichen Gebrauch zu lernen und  zu versuchen, die in dem Land üblichen allgemeinen Regeln einzuhalten.

- an die Aufnehmenden?

Die Zurverfügungstellung von legalen Arbeitsplätzen seitens der Aufnahmeländer. Die internationalen Verpflichtungen zur Aufnahme von Flüchtlingen zu erfüllen. Juristische Hilfe zu leisten, für einen vernünftigen Standard hinsichtlich Unterkunft, Arbeit und Bildung zu sorgen.

Kennen Sie persönlich Flüchtlinge?

Ja, enge Verwandte meines Lebenspartners, Flüchtlinge aus Suchumi, eine russisch-georgische Familie.  Ihr Haus wurde beschossen, sie haben es im letzten Moment noch geschafft, zu Verwandten nach Moskau zu flüchten. Einen offiziellen Status als Flüchtling haben sie nie erhalten. Eine Reihe von Kollegen, Literaturschaffenden und Journalisten, die Zentralasien während der bewaffneten Auseinandersetzungen Anfang der 90er Jahre und nach dem Aufbau der dortigen Diktaturen verlassen haben. Dann meine Studenten aus afrikanischen Ländern, die die Möglichkeit des Studiums als Vorwand nutzten, die Konflikt- und Armutsgebiete zu verlassen (meine Diplomstudentin war Tutsi, Fakultät für Journalistik an der Woronescher Universität, 1994). Meine Freunde aus Sarajewo, die jetzt in Ljubljana leben (sie wurden als Jugendliche  während der Blockade der Stadt durch die jugoslawische Armee  unter Beschuss aus der Stadt gebracht). Der oben genannte Konstantin Rubachin, Umweltaktivist und politischer Emigrant, dann noch einige politische Emigranten des „Bolotnaja-Prozesses“. Weiter eine Reihe Kollegen von Radio Svoboda in Prag, politische Emigranten aus unterschiedlichen Generationen und Ländern. Ein paar meiner LGBT-Freunde verließen das Land aufgrund der Diskriminierung. Im Juli habe ich Flüchtlinge aus Donezk und der Krim in Lwow getroffen, Russen, Ukrainer und Krimtataren, die nach der Annexion der Krim und dem Beginn der Kriegshandlungen im Osten der Ukraine ihre Heimat verlassen haben.

Unterstützen Sie aktiv Flüchtlinge?

Wie ich oben beschrieben habe, sind Flüchtlinge für mich keine fremde Gruppe , unter meinen Freunden sind genug davon, deshalb ist die Frage in meinem Fall ein wenig seltsam. Man kann es auch mit dem Wort „Zusammenarbeit“ bezeichnen.

Wie wird sich die Flüchtlingssituation in Ihrem Land entwickeln?

a) in den nächsten zwei Jahren?
b) in den nächsten zwei Jahrzehnten?

Da man nicht vorhersagen kann, wie sich die politische Situation in Russland in zwei oder in zwanzig Jahren entwickeln wird, ist es schwierig, sich irgendeinen Bereich auszumalen, unter anderem auch die Situation mit den Flüchtlingen.

Können Sie sich eine Welt ohne Flüchtlinge vorstellen?

Leider wird es wohl kaum gelingen, die Ursachen für diese Erscheinung auszurotten: Krieg, Katastrophen, soziale Ungerechtigkeit und Fremdenfeindlichkeit.

Wenn ja: was braucht es dazu?

Riesige Anstrengungen seitens der Menschheit.

Haben Sie oder Ihre Familie in der Vergangenheit Erfahrung mit Flucht gemacht?

Siehe Antwort auf die Frage „Kennen Sie persönlich Flüchtlinge?“
Plus die Erfahrung der Familie meiner Großmutter, die vor der Hungersnot in der Ostukraine in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts („Holodomor“) geflohen ist.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben jemals zum Flüchtling werden?

- Wenn ja: warum?

Ja, kann ich. Im Zusammenhang mit der Verfolgung der beruflichen Tätigkeit als Journalistin, die für ein amerikanisches Unternehmen arbeitet, als Literaturschaffende, die demokratische, antimilitaristische Ansichten äußert, die nicht dem Kurs der Führung des Landes entsprechen. Im Zusammenhang mit der Ablehnung des politischen Kurses Russlands in Richtung Militarisierung und militärische Expansion.

- Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Ich denke, darauf kann man sich nicht vorbereiten.

- In welches Land würden Sie fliehen?

In ein Land in Zentraleuropa.

Wie viel Heimat brauchen Sie?*

Ich muss zugeben, dass mich die ganze Welt interessiert. Ich fürchte, Heimat ist ein äußerst veraltetes Konstrukt.

*Diese Frage ist Max Frischs Fragebogen zu „Heimat“ entnommen.