Äthiopien Daniel Worku Kassa

Daniel Worku Kassa
Foto: Daniel Worku Kassa

Was bedeutet für Sie der Begriff Flüchtling?

Ein Flüchtling ist jemand, der auf der Suche nach dem Licht aus der Dunkelheit läuft. Sie/er ist eine Person, die nach einem Ort sucht, der ihre verlorengegangenen menschlichen Elemente wieder zurückbringt; es handelt sich um eine Person, die nach einem Ort sucht, an dem sie beweisen kann, dass er/sie ein menschliches Wesen ist und das Recht zu einem Leben auf Erden besitzt. Nun gut, all dies hängt von der Einstellung der politischen Mächte und der Großzügigkeit und Herzlichkeit von anderen ab, um ihr/sein Recht auf Leben zu gewährleisten.

Ist Flucht vor Armut für Sie weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung?

Die Flucht vor der Armut ist nicht weniger legitim. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir nach dem Grund suchen, warum Menschen verarmen und es schwierig finden, im eigenen Land zu überleben. Die wesentlichen Gründe für die Armut und Elend sind Krieg, fehlende Gerechtigkeit, instabile Regierungen, Gier und schlechte Regierungsformen. Eine hochgradig ungleiche Vermögensverteilung wird in solchen Ländern lebhaft beobachtet, aus denen Menschen auf der Suche nach besseren Lebensräumen flüchten. Auch wenn sie nicht direkt mit Krieg und politischer Unterdrückung in Verbindung gebracht wird, ist die Flucht vor der Armut nicht weniger legitim. Die grundlegenden Ursachen der Armut in den meisten armen Ländern der Welt sind schlechte Regierungsformen und politische Unterdrückung.
Wer bin ich, dass ich eine Familie, die beschließt, aus einem Land zu flüchten, um ihre ausgehungerten und entrechteten Kinder zu retten, als weniger legitime Flüchtlinge beurteile als solche, die vor politischer Unterdrückung fliehen?

Und Flucht vor ökologischen Problemen?

Jedes Problem hängt mit anderen zusammen. Die Grundursachen von Umweltproblemen sind denen der Armut ähnlich. Wilde Gier, die Lust nach Kontrolle über alles, die nichts zurückgibt – sie zerstören alles, einschließlich der Umwelt. Die Ursachen von Umweltproblemen sind ein wenig anders als diejenigen, die wir zuvor erwähnt haben, da die Gründe manchmal mit dem in Verbindung stehen können, was in der Nähe und überall im Land geschieht. Wie es oft in jeder Sitzung der UN erwähnt wird, werden die zivilisierten/entwickelten Länder zum Hauptgrund des Klimawandels, der Umweltprobleme verursacht. Also betrifft das, was anderswo auf der Welt geschieht, Menschen, die nichts mit der Situation zu tun haben? Die einzige Wahl, die solchen Leuten bleibt, besteht darin, um ihr Leben zu laufen.

Wann hört man auf, Flüchtling zu sein?

Das geschieht, wenn ein Mensch den Geschmack der Freiheit kostet: der Gedankenfreiheit, der Bewegungsfreiheit und der Freiheit, den Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, den sie/er leisten kann. Es geschieht, wenn man ein Leben ohne Angst und Terror führt. Es geschieht, wenn man einen anerkannten Platz als Mitglied einer Gemeinde hat oder glaubt, dass man akzeptiert wird und beginnt, sich wie ein menschliches Wesen zu verhalten.

Gibt es für Sie ein Recht auf Asyl?

Ja, und auch wenn es nicht in den Gesetzen eines jeglichen Landes oder der Vereinten Nationen festgeschrieben steht, so ist das Asylrecht doch ein natürliches Recht der Menschen, wie bei Vögeln und Tieren. Die Erde ist ein gemeinsamer Ort für menschliche Wesen. Ob in Südafrika oder in Alaska, ob mit schwarzer, brauner, gelber oder weißer Haut geboren – wenn man auf der Erde zur Welt kommt, dann hat man jedes Recht, auf ihr zu leben. Man sehe sich die Vögel an; Vögel sind ein gutes Beispiel für ein naturgegebenes Recht, und sie machen die Freiheit zur Auswanderung geltend.

Wenn ja: ist es bedingungslos, oder kann man es verwirken?

Dieses Recht ist bedingt. Zunächst hat jeder einen Geburtsort und die Verantwortung zu arbeiten und seinen/ihren Geburtsort so zu gestalten, wie es ihm/ihr gefällt, um ihn für seine/ihre Familie, seine/ihre Landsleute und die menschliche Rasse im Allgemeinen passend zu machen. Es müssen die Mühe, die er/sie sich gemacht hat, und die Hindernisse, denen er/sie gegenüberstand, in Betracht gezogen werden. Zweitens müssen die Aufnahmebedingungen in Betracht gezogen werden, wenn Flüchtlinge das Gesetz brechen oder kriminell sind und die Absicht haben, anderen Schaden zuzufügen und sie zu verletzen, wo immer sie hingehen.

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft begrenzt oder unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann?

Es ist eine Catch-22-Situation. Wie können wir die Zahl einschränken, wenn die Leute geflohen sind, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten, Leute, die Asyl in Situationen suchen, in denen es um Leben und Tod geht? Wie können wir entscheiden, einige leben und andere sterben zu lassen? Es handelt sich um eine unfassbare Situation. Zudem ist es sehr schwierig, alle Flüchtlinge aufzunehmen und zur gleichen Zeit die Wirtschaft des Landes und den Lebensstandard seiner Bewohner aufrechtzuerhalten. Man kann mit Dingen, die man nicht hat, nicht großzügig sein. Meiner Ansicht nach besteht die einzige Lösung darin, sich zusammenzutun und zu teilen. Es gibt immer Lösungen, um alle zu akzeptieren, das ist die Funktion der UN (zumindest theoretisch). Ich kann keinen unbefangenen  Grund finden, einige zu akzeptieren und andere sterben zu lassen, während sie an unsere Tür klopfen und um unsere Barmherzigkeit betteln.

Falls begrenzt: worin bestehen diese Grenzen?

Da gibt es keine Grenze zu ziehen... nur die Suche nach einer Lösung.

Gibt es in Ihrem Land privilegierte Flüchtlinge, d.h. solche, die Ihr Land eher aufzunehmen bereit ist als andere? Wenn ja, warum?

Ja, die hat es gegeben, und es gibt sie immer noch, aber nur sehr wenige. Es gab Flüchtlinge, die bis zum Rang eines Ministers und zu Freunden unserer Könige aufstiegen. Es gibt einige wenige und sehr respektierte Europäer. Mein Land ist eines der ärmsten der Welt und kämpft um seine Entwicklung. Normalerweise entscheiden sich Leute nicht dafür, in meinem Land um einen Flüchtlingsstatus nachzusuchen. Äthiopien hat eine große Flüchtlingsbevölkerung, doch wird diese als vorübergehend betrachtet und weitgehend von der UN unterstützt. Die meisten bleiben ein paar Jahre als Gäste. Und Flüchtlinge, die irgendeine Unterstützung genießen, sind immer privilegiert und willkommen. Es gibt eine Anzahl Flüchtlinge aus unseren Nachbarländern und auch aus verschiedenen anderen Ländern Afrikas, die lange bleiben. Sie mögen nicht sehr privilegiert sein, aber sie haben keine Probleme, wenn sie in unserer Gesellschaft leben. Einige haben sogar ihre eigenen Stadtviertel, in denen es alles gibt, was sie zum Unterhalt brauchen, einschließlich Andachtsstätten, Geschäfte, Kliniken und sogar Banken; sie werden alle von ihren eigenen Leuten, von Flüchtlingen, betrieben.

Werden Flüchtlinge in Ihrem Land aus Ihrer Sicht gerecht behandelt?

Das glaube ich. Es kann sein, dass es eine Anzahl von Problemen gibt, doch sind diese nicht von wesentlicher Bedeutung. Dem zufolge, was ich bisher beobachtet und erlebt habe, ist die Behandlung fair.

Wären für Sie Einschnitte im Sozialsystem Ihres Landes akzeptabel, wenn dies helfen würde, mehr Flüchtlinge aufzunehmen?

Ich glaube nicht, dass ich das beantworten kann, weil wir kein soziales Sicherheitsnetz haben, und wir haben nicht so viele bleibende Flüchtlinge.

Was sind für Sie Voraussetzungen für erfolgreiche Integration? Gibt es Mindestanforderungen

- an die Ankommenden?

Wenn man in Rom ist, sollte man sich wie ein Römer verhalten. Sich an die örtliche Kultur gewöhnen und diese respektieren. Die eigene Kultur schrittweise vorstellen und sie mit den Einheimischen teilen. Die Kultur- und Traditionsunterschiede akzeptieren und freundlich sein. Die Schwierigkeit, Variationen der Tradition aufzunehmen, gibt es auf beiden Seiten.

- an die Aufnehmenden?

Im Hinblick auf die Bürger glaube ich, dass sie wissen, wie man sich als Flüchtling fühlt. Weil wir Millionen eigene Flüchtlinge haben, die auf der Welt verstreut leben, verstehen die Menschen diese Empfindungen. Erfahrungen mit schlimmen Nachrichten, die aus verschiedenen Teilen der Welt über die Grausamkeit und die schlechte Behandlung eintreffen, die ihren Kindern zuteil wird –glaube ich -  ermöglichen meinen Leuten, die Gefühle der Flüchtlinge zu teilen. Ihre Ängste und Verwirrung zu verstehen und zumindest zu versuchen, sie auf eine Weise zu behandeln, auf die sie ihre Töchter und Söhne anderswo behandelt wissen möchten.

Kennen Sie persönlich Flüchtlinge?

Ja, ich habe eine Anzahl von Familien gekannt.

Unterstützen Sie aktiv Flüchtlinge?

Ja, ich versuche ihnen zu helfen, so viel wie ich kann, auf verschiedene Weise. Vorwiegend agiere ich als Brücke. Ich versuche ihren Nachbarn zu helfen, ihre Situation zu verstehen, ihre Kinder als die eigenen zu akzeptieren. Ich spreche mit Vermietern, Nachbarn und anderen in dem Versuch, allen beim Verständnis der Situationen zu helfen, in denen sie sich befinden. Die kulturellen und religiösen Unterschiede zu würdigen, das Verständnis unter ihnen zu fördern und sie vor allem daran zu erinnern, dass wir alle menschliche Wesen sind und alle mit dem Recht geboren wurden, Fehler zu machen. Welche Irrtümer sie auch immer bei ihnen finden, sie können von jedem Menschen begangen werden, auch von ihnen selbst. Das hilft sehr bei den Beziehungen zwischen dem Einheimischen und dem Flüchtling.

Wie wird sich die Flüchtlingssituation in Ihrem Land entwickeln?

a) in den nächsten zwei Jahren?

Keine Veränderung.

b) in den nächsten zwei Jahrzehnten?

Das kommt mit der Veränderung, die erfolgen wird. Angesichts des gegenwärtigen Status´ meines Landes ist das schwer abzuschätzen.

Können Sie sich eine Welt ohne Flüchtlinge vorstellen?

Überhaupt nicht. Die Welt wird von Flüchtlingen gestaltet. Selbst Flüchtlinge aus sehr reichen Orten wie etwa Europa haben die Chance erhalten, richtig nachzudenken und die Welt aus den Länder heraus zu verändern, die sie aufgenommen haben. Freiheit ist von sehr wesentlicher Bedeutung für Menschen. Leute suchen nicht nur wegen Armut, Krieg, politischen Vorgängen oder Umweltveränderungen um Asyl nach, sie sind Flüchtlinge, die flüchten, um Orte zu suchen, an denen sie ihre intellektuellen Fähigkeiten voll nutzen können.

Haben Sie oder Ihre Familie in der Vergangenheit Erfahrung mit Flucht gemacht?

Ja, mein Onkel ist nur geflohen, weil er sein Fachwissen und seine Kenntnisse nirgendwo im Land anwenden konnte. Daher entschloss er sich dazu, dorthin zu gehen, wo er wieder nützlich sein konnte. Und zwei Cousins sind aus wirtschaftlichen Gründen geflüchtet, und beide von ihnen wurden im Sarg zurückgebracht.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben jemals zum Flüchtling werden?

- Wenn ja: warum?

Bisher glaube ich, dass ich eine Verantwortung habe, einen Beitrag für meinem Land zu leisten. Ich arbeite hart, um mein Land in ständigem Wohlbefinden zu sehen, so dass es für meine Kinder und ihre Altersgenossen ein angenehmes Zuhause ist. Bisher habe ich mein Bestes versucht, aber die Zukunft ist nicht vorhersehbar, sie hängt von den politischen Entwicklungen in meinem Land ab. Das ist ein unbestimmter Faktor. Ich wünsche uns, dass wir nicht wieder darauf zurückgreifen, einander zu bekämpfen. Sollte dies geschehen, ja, dann könnte ich zum Flüchtling werden.

- Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Ich muss mich nicht vorbereiten; ich ziehe es vor, hart zu arbeiten, um zu verhindern, dass diese Art der Ungewissheit in meinem Land zustande kommt.

- In welches Land würden Sie fliehen?

Wenn dies Gott behüte geschehen sollte, wäre meine erste Wahl Deutschland, die zweite die Niederlande und die dritte Uganda.

Wie viel Heimat brauchen Sie?*

Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich brauche einen Ort, an dem ich meine Kinder in Frieden  und ordentlich großziehen kann, das ist alles. Ich brauche einen Ort, an dem ich der Gesellschaft nützlich sein kann. Darüber hinaus brauche ich die Freiheit, ungehindert in jedes Land der Welt zu reisen. Jedes Mal, wenn ich nach Europa kam, empfand und genoss ich die Süße des ungehinderten Reisens von Land zu Land. Auch wenn ich die Situation verstehen kann, in der wir uns befinden, wünsche ich allen Menschen diese Art der Freiheit, und vor allem den schwarzen Menschen aus Afrika.

*Diese Frage ist Max Frischs Fragebogen zu „Heimat“ entnommen.