Judith Hermann im Gespräch „Lauter Rätsel“ – die Faszination von Erzählungen

Judith Hermann wird seit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ (1998) als Meisterin der Erzählung gefeiert. Mittlerweile sind zwei weitere Erzählbände erschienen: „Nichts als Gespenster“ (2003) und „Alice“ (2009). Im Gespräch verrät die Autorin, wie ihre Geschichten entstehen.

Judith Hermann; © Cordula Giese Judith Hermann | © Cordula Giese Frau Hermann, was macht für Sie die Faszination von Kurzprosa aus?

Am ehesten vielleicht das Unvollständige, Ungenaue – das offene Ende. In der kurzen Prosa beginnt die Geschichte meist nach der Geschichte. Die Erzählung ist zu Ende und beginnt zugleich im Kopf des Lesers, der Leser muss sich die Geschichte selber zu Ende erzählen. Eine Kurzgeschichte weiß nichts besser. Sie will wenig behaupten, meistens hat sie keine Moral. Sie lässt die Dinge oft in der Schwebe. Ich mag das als Lesende und aber auch als Schreibende, vielleicht, weil mir das Entscheiden so schwer fällt, weil ich mich beim Schreiben von Kurzgeschichten also nicht für ein bestimmtes Ende entscheiden muss?

Aber irgendwie hört doch jede Erzählung auf …

Natürlich hat jede Kurzgeschichte ein Ende, aber dieses Ende stellt oft mehr Fragen, als dass es Antworten gibt. Kurze Prosa will einen Moment festhalten. Das Leben ist ja voller winziger Momente die man bergen will und die scheinbar ein Geheimnis haben, eine eigentlich große Bedeutung. Lauter Rätsel. Kurzgeschichten sind rätselhaft, vielleicht fordern sie auch ein wenig heraus. Mir hat einmal eine Leserin gesagt, dass sie am Ende einer jeden Geschichte im Regen stehen bliebe – kein schönes Gefühl –, aber für mich ist das ein schönes und stimmiges Bild.

Haben Sie schon immer gern Erzählungen gelesen?

Ja. Ich mag den Moment nach der Erzählung, den Blick hoch aus dem Buch zurück in die Wirklichkeit, die Frage, was die Figuren denn jetzt tun werden, was aus ihnen wird. Wenn ich eine Erzählung zu Ende gelesen habe, kann ich anfangen, ihre Figuren in meiner Wirklichkeit zu verorten, zu sehen, ob ich sie eigentlich kenne, ob ich etwas über sie weiß. Das geschieht ohne Buch, im Kopf, freihändig sozusagen. Der Roman begleitet den Leser, er lässt ihn nicht so früh allein. Das ist auch schön, aber vielleicht ist das Lesen und Denken zu einer Erzählung freier.

Haben Sie sich bewusst für das Schreiben von Erzählungen entschieden?

Katja Lange-Müller hat einmal gesagt, nicht der Autor entscheide über die Länge eines Textes, sondern der Text. Und das stimmt! Im besten Fall verselbstständigt sich der Text und führt den Autor alleine zu seinem Ende hin. Das Ende kommt dann oft unerwartet und meist schneller, als man gedacht hat.

Als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich nicht darüber nachgedacht, ob ich Erzählungen schreiben wollte oder einen Roman. Ich wollte eine bestimmte Geschichte erzählen und ich hatte keine Ahnung, wie lange ich dafür brauchen würde. Diese Geschichte ist eine Kurzgeschichte geworden, alle anderen danach auch. Ich hätte nichts dagegen, wenn sich ein Text, an dem ich schreibe, für eine lange Länge entscheiden würde. Aber er tut es nicht, und ich glaube auch, dass das, was ich erzählen will, so klein ist, dass es in einem Roman untergehen würde.

Wie entstehen Ihre Geschichten?

Es gibt für jede Geschichte einen autobiografischen Kern, manchmal ein Bild, ein Augenblick, manchmal ein Satz, den ich höre. Und ich habe das Gefühl, dieser Satz habe einen Subtext, einen doppelten Boden, eine zweite, wichtige Bedeutung. Ich merke mir diesen Satz und manchmal entsteht aus diesem Satz eine Geschichte.

Ich finde eine Figur, die das sagen könnte, eine andere Figur, für die gesprochen wird. Und dann gibt es eine Art Rückwärtsbewegung, der Textfaden wickelt sich auf. Ich finde den Tisch, an dem diese zwei Figuren sitzen, den Raum, in dem der Tisch steht, die Straße draußen vor dem Fenster, den Grund fürs Zusammensein, den Grund fürs Auseinandergehen. Ich brauche Namen, die Namen der Figuren sind wie Schlüssel zum Text. Ich brauche einen Titel und einen ersten Satz. Und wenn ich all das habe, versuche ich loszugehen. Es ist ähnlich wie eine kleine Expedition, ich muss ausgerüstet sein. Manchmal komme ich dann durch – in die Geschichte hinein, durch sie hindurch und heil zurück.

Wie kommen die Geschichten zu einem Band zusammen?

Ja – obwohl ich Erzählungen schreibe, gehören sie dann eben doch zusammen, so als müssten sie zusammen dann doch einen längeren Text versuchen. Ich habe bei allen drei Büchern nach einer bestimmten Zahl von Erzählungen gedacht: das ist jetzt ein Buch, diese Erzählungen sind genug und eine weitere wird’s zunächst nicht geben. Die Erzählungen sind auch alle hintereinanderweg geschrieben, sie gehören zu einer Zeit in meinem Leben.

Welche Ihrer Geschichten ist Ihnen die liebste?

Aus Sommerhaus, später dann wohl doch Sonja. Weil sie so romantisch ist? Aus Nichts als Gespenster die Erzählung Kaltblau, ich habe das Gefühl, dass das eine gute Erzählung ist. Aus Alice ist es Richard, weil sie so unscheinbar ist, weil nichts mehr geschieht und sich dennoch in dieser Geschichte die Geschichten wenden, das Buch leichter zu werden beginnt. Und an und für sich vielleicht Micha, weil ich mich nach Micha entschieden habe, das Buch Alice überhaupt zu schreiben.