Julia Franck
Das Private wird Literatur

Julia Franck ist erfolgreich beim Publikum wie bei der Literaturkritik, Foto: Mathias Bothor/photoselection
Julia Franck ist erfolgreich beim Publikum wie bei der Literaturkritik. | Foto (Ausschnitt): Mathias Bothor/photoselection

In der eigenen bewegten Familiengeschichte findet Julia Franck den besten Stoff für ihre Romane. Das Unglaubliche, das Unerhörte entfaltet die Berlinerin auch in „Rücken an Rücken“.

Die DDR ist seit 1990 tot. Aus den Köpfen, aus der Erinnerung aber ist sie nicht verschwunden. Wer im „realexistierenden Sozialismus“ aufwuchs, trägt diese Erfahrung lebenslang mit sich herum, wie gerade 2012 zahlreiche literarische Neuerscheinungen belegen. Julia Franck, 1970 in Ostberlin geboren, ging als Achtjährige mit Mutter und Schwester in den Westen; aber die ersten acht Jahre sind entscheidende Jahre, und in ihrem neuen Roman Rücken an Rücken, der in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren in der DDR spielt, zeigt sich, dass auch die Erlebnisse der vorangehenden Generation ein literarisches Bewusstsein prägen kann.

Erzählerische Kraft, bezwingende Bilder

Bei Julia Franck wird das Private – die Familiengeschichte und die erlittene „große Geschichte“ – zur Literatur. Das war schon bei der Mittagsfrau so, ihrem vierten Roman, mit dem sie 2007 den Deutschen Buchpreis gewann und ein großes, internationales Publikum. Es war ein strahlender Sieg: Der Roman, so war aus der Jury zu hören, habe sie, die Kritiker, wieder zu Lesern gemacht, man habe über die Heldin gestritten, als sei sie eine lebendige Person.

Die Heldin ist eine zutiefst ambivalente Figur und Julia Francks wirklicher Großmutter nachgebildet. Diese hatte im Sommer 1945 in den Wirren der Flucht ihren siebenjährigen Sohn auf einem ostdeutschen Provinzbahnhof ausgesetzt. Nie hat der Sohn die Mutter wiedergesehen, nie hat er von der Aussetzung, dem Trauma seines Lebens, gesprochen. Der Akt mütterlicher Barbarei ist für Julia Franck, die Enkelin, „die Begebenheit, zu der die Geschichte fehlte“: Sie hat sie geschrieben, hat die Vorgeschichte aufgeblättert, die die Großmutter zu dem Menschen gemacht hat, der sie geworden ist; hat ihre Motive zu erforschen gesucht. Nicht mit den Mitteln der Psychologie, sondern mit denen der Erzählkunst.

Damit aus einem solchen „Schicksal“ Literatur werden kann, braucht es mehr als Überlieferung, Recherche und Fantasie. Es braucht eine enorme erzählerische Kraft und Disziplin, bezwingende Bilder und einen obsessiven Rhythmus. So wird aus dem erlebten Schrecken der Schrecken, den das Erzählen entfaltet. Und der den Leser selbst zu dem kleinen Peter macht, der von den russischen Soldaten vor die Tür geschickt wird, wenn sie seine Mutter vergewaltigen.

Zwischen Wirklichkeit und Märchen

Das Unerhörte, das Unglaubliche lässt die Autorin nicht los, auch weil sie es in ihrer eigenen Familie im Überfluss vorfindet. Rücken an Rücken, der jüngste Roman Julia Francks, stellt ihre andere Großmutter ins Zentrum, von der mütterlichen Seite. Es ist eine nicht unprominente, fast historische Gestalt: die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger. Die Tochter einer Jüdin war vor den Nazis nach Italien geflohen. Nach dem Krieg verschrieb sie sich mit Leib und Seele der DDR und dem Projekt des „Neuen Menschen“. Im Roman heißt sie Käthe und vergisst über den hehren gesellschaftlichen Visionen, dass sie Verantwortung für ganz konkrete Menschen trägt: ihre vier Kinder. Die zieht sie in einem bohemehaft wirkenden alten Haus am Müggelsee bei Berlin groß – wenn man diese Mischung aus Vernachlässigung und Demütigung so nennen darf.

Da gibt es zwei jüngere Kinder, Zwillinge, die meist zu Pflegeeltern abgeschoben werden. Da gibt es vor allem Thomas und Ella, das zentrale Geschwisterpaar, das an der Kälte des Hauses, der Mutter, des sozialistischen Staates zugrunde geht. Ella, die vom Stiefvater und vom Stasi-Untermieter missbraucht wird, reagiert mit Schlaf- und Essstörungen, kommt ins Sanatorium und bleibt schließlich wie eingefroren in kindlichen Verhaltensweisen. Thomas, klug und sensibel, zerbricht als Individuum an den Anforderungen der Kollektive, in die er hineingezwungen wird. Gemeinsam mit seiner Geliebten begeht er einen an den Dichter Heinrich von Kleist erinnernden Doppelselbstmord. Ein Dichter ist auch Thomas; die Gedichte, die Julia Franck im Roman zitiert, stammen von ihrem Onkel, dem Sohn der wirklichen Bildhauerin. Er brachte sich 1962 um.

Die Nähe zur Wirklichkeit, in der solch Unglaubliches stattfand, kreuzt sich hier mit der Gattung des Märchens. Käthe ist einer realen Gestalt nachgebildet, zugleich aber die böse Stiefmutter, wie sie bei den Brüdern Grimm immer wieder auftaucht. Das Schicksal Thomas’ wiederum ist eine veritable Passion, hinter der man die Märtyrerlegenden aufleuchten spürt.

Literarische Schreckensräume

Wer Rücken an Rücken liest, taucht also in einen Schreckensraum ein, der seine eigene Plausibilität entwirft, auch wenn der Leser öfter mal „zu viel!“ ausrufen möchte. Aber „zu viel“ hat es in dem Katastrophenjahrhundert, aus dem Julia Franck ihre Stoffe bezieht, genug gegeben. Und wer sich gegen den Schrecken des Romans mit ästhetischen Argumenten wehrt, der wehrt sich vielleicht eher gegen die Verstörung, die der Aufenthalt in diesem literarischen Schreckensraum bei ihm selbst hinterlassen hat.

Julia Franck, 1970 geboren, ist eine immer noch junge Schriftstellerin, die mit ihrem dichten Haar, dem breiten Gesicht und der sanften, festen Stimme noch deutlich jünger wirkt. Mit den Vertreterinnen des sogenannten „Fräuleinwunders“ hat sie indes nichts zu tun. Mit ihren Büchern – darunter den Romanen Der neue Koch, Liebediener und Lagerfeuer sowie Erzählungen – hat sie sich in die erste Reihe der deutschen Literatur geschrieben. Die Mittagsfrau ist mit einer Million verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 33 Sprachen einer der erfolgreichsten deutschen Romane der vergangenen Jahrzehnte – erfolgreich beim breiten Publikum wie bei der Literaturkritik. Julia Franck lebt mit ihren beiden Kindern, die sie allein erzieht, als freie Schriftstellerin in Berlin.