Poetry Film Festival Verse auf der Leinwand

Der  Projektleiter des Zebra Poetry Film Festivals Zandegiacomo Del Bel; © Foto: Zebra Poetry Film Festival
Der Projektleiter des Zebra Poetry Film Festivals Zandegiacomo Del Bel | Foto (Ausschnitt): © Zebra Poetry Film Festival

Gedichte erzeugen Bilder im Kopf. Kein Wunder, dass seit den Anfängen des Kinos auch lyrische Werke in die Sprache des Films übersetzt werden. Wie vielfältig der Poesiefilm ist, zeigt alle zwei Jahre ein Festival in Berlin. Im Herbst 2012 geht es um den Länderschwerpunkt Polen.

Manche Probleme lassen sich am besten mit einer Kettensäge lösen: Da nennt ein Bauer zwei Ochsen sein Eigen, und doch besitzen sie vielmehr ihn, lassen ihn im Geschirr eingespannt auf den Feldern schuften, während sie bei einem gepflegten Bier Karten spielen. Bis der Bauer vom Weihnachtsmann eine Kettensäge geschenkt bekommt, den Motor anschmeißt und mit den faulen Tieren kurzen Prozess macht. Beim nächsten Mittagstisch gibt es Ochsensteak. Fröhliche Weihnachten.

Mit der Zerstörungslust des Comics

Der Autor Ignacy Krasicki hat seine Vers-Fabel The unsubordinate oxen einst nicht so rabiat enden lassen; schließlich lebte der polnische Adlige im 18. Jahrhundert und machte sich als Poet der Aufklärung einen Namen. Der Regisseur Maciej Majewski hat das Gedicht Krasickis adaptiert und 2007 mit Krasicki Reloaded einen Animationsfilm von neun Minuten Länge gedreht. Vom sanften Wind der Lyrik kann hier nicht die Rede sein. Der Film des Polen wird von der anarchischen Zerstörungslust des Comics durchbraust und erfüllt dennoch die Grundvoraussetzungen, um als Poesiefilm durchzugehen.

„Häufig werden die Gedichte einfach illustriert“, sagt Thomas Zandegiacomo Del Bel. „Andere Poesiefilmer arbeiten hingegen bewusst gegen den Text oder ergänzen die Vorlage mit eigenen Bildern. In der Regel wird aber versucht, den Rhythmus der Vorlage in der Montage zu übernehmen und die Stimmung des Gedichts einzufangen.“ Seit 2006 ist Zandegiacomo Del Bel Projektleiter beim alle zwei Jahre stattfindenden Zebra Poetry Film Festival. 2012 ist es vom 18. bis zum 21. Oktober im Berliner Kino Babylon zu Gast. Organisiert wird das Festival von der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit Interfilm Berlin, 2002 wurde es als Erweiterung des alljährlichen Poesiefestivals der Literaturwerkstatt ins Leben gerufen.

Schlagabtausch der Laute

890 Filme aus 63 Ländern hat die Programmkommission unter Leitung von Zandegiacomo Del Bel für das Festival 2012 bislang gesichtet, insgesamt rechnet er mit 900 Werken, vor allem von Filmhochschulen. Das ZEBRA-Programm hat sich mit den Jahren immer mehr ausgeweitet, 2010 hatte ein Regisseur aus Tel Aviv die Idee, dass drei Regisseure aus seiner Stadt nach Berlin fahren, um Gedichte von drei Berliner Poeten im Rahmen des Festivals zu drehen. Dass beim diesjährigen Länderschwerpunkt die Wahl auf Polen fiel, hat damit zu tun, dass Polen Mitausrichter der Fußball-EM war. So sollen dieses Mal Regisseure aus Polen mit Berliner Dichtern zusammenarbeiten, als Partner wünscht sich Zandegiacomo Del Bel die Filmhochschule in Lodz. Zudem wird es ein Spezial-Programm mit polnischen Poesiefilmen geben, darunter Krasicki Reloaded.

2012 hat das ZEBRA Festival einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem das Gedicht [meine heimat] von Ulrike Almut Sandig in einen Poesiefilm verwandelt werden soll. Außerdem wollen die Veranstalter erneut in die Vergangenheit blicken. Ein Programm beschäftigt sich mit den Poesiefilmen der Dreißigerjahre, die Retrospektive gilt dem Lebenswerk des österreichischen Lautdichters Gerhard Rühm. Dabei werden auch die Filme des Kärntners Hubert Sielecki gezeigt, der oft Texte Rühms adaptiert. In Dialog über Österreich (2012) sieht man zwei Männer in einem Wirtshaus sitzen, auf dem Teller des einen eine Wurst, der Teller des anderen: leer. Ein Schlagabtausch der Laute entwickelt sich zwischen den beiden. Bis einer schweigt. Rühm selbst liest das Gedicht auf der Soundspur – ein Poem zwischen nährender Wurst und verzehrendem Nichts.

„Dialog über Österreich“. Ein Wiener Lautgedicht

Der Poesiefilm ist so alt wie das Kino

Die Geschichte des Poesiefilms reicht zurück zu den Anfängen des Films: „Edison hat 1893 die ersten Filme vorgeführt und einige Jahre später mit seiner Firma eine Gedichtverfilmung produziert. Das war ’Twas Night before Christmas im Jahr 1905, basierend auf dem Weihnachtsgedicht von Clement Clarke Moore.“ Auftrieb bekam das Genre durch den impressionistischen Film in den Zwanzigern, in den Sechzigern veranstalteten die Beatniks in den USA die ersten Poetry Film Festivals. Seither hat der „poetry film“ seinen Wirkungsbereich immer mehr erweitert. Das Zebra Festival hat die Bahn in den deutschsprachigen Raum geschlagen und das deutsche Wort „Poesiefilm“ etabliert. Die Formen sind vielfältig, wobei die Zahl der Experimentalfilme laut Zandegiacomo Del Bel abnimmt, während die der Animationsfilme zugenommen hat. Bei den sogenannten Poetry-Clips wird das Gedicht direkt in die Kamera gesprochen, die Nähe zum Poetry-Slam ist dabei offensichtlich. Auch immer mehr Spielfilme gebe es, in denen die Rezitation eines Gedichts in eine Handlung eingebunden wird.

Auch im Netz findet der Poesiefilm steigende Verbreitung. Neben jenen Filmen, die auf Youtube zu sehen sind, wurde auf Vimeo ein eigener Kanal für Poesiefilme eingerichtet. Hier stellen Regisseure ihre Werke in eigener Verantwortung ins Netz. Wer jedoch Poesiefilme auf der Leinwand sehen will, sollte das Zebra Poetry Film Festival nicht verpassen. Wieso eigentlich Zebra, Herr Zandegiacomo Del Bel? „Zum einen existiert das Wort in vielen Sprachen, zum anderen hat das Zebra schwarz-weiße Streifen, so, wie bei uns mit Film und Poesie zwei Künste zusammengehen.“ Die Mischform treibt dabei die verrücktesten Blüten. Oder wer hätte gedacht, dass eine Kettensäge poetisch sein kann?