Deutscher Buchpreis Auslese – die Shortlist für den Buchpreis 2012

Das Logo des Deutschen Buchpreis 2012; © Deutscher Buchpreis
Das Logo des Deutschen Buchpreis 2012 | Foto (Ausschnitt): © Deutscher Buchpreis

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat sechs Autoren auserkoren, die sich um ihre Verkaufszahlen weniger Sorgen machen dürfen als ihre Kollegen. Clemens J. Setz, Wolfgang Herrndorf, Ernst Augustin, Ursula Krechel, Stephan Thome, Ulf Erdmann Ziegler – das sind die Anwärter auf den deutschen Buchpreis 2012.

Natürlich hätte manch ein Kritiker eine ganz andere Auswahl getroffen – und so herrscht unter den Kritikern ein Kampf um die Deutungshoheit der deutschen Gegenwartsliteratur. Einigkeit herrscht in der Verwunderung, dass Rainald Goetz mit seinem kritischen Wirtschaftsweltroman nicht auf der Liste zu finden ist. Der proklamierte „Herbst der Krisenromane“ spiegelt sich auch sonst nicht in der Auswahl wider. Was sind das für Bücher, die die Tendenzen der deutschen Gegenwartsliteratur ausdrücken sollen?

„Robinsons blaues Haus“ – fantastische Refugien

Ernst Augustins Roman Robinsons blaues Haus führt in eine farbenfrohe, fantastische Welt voller seltsamer Gegebenheiten mit Höhen und Abgründen, Freunden und Verfolgern und ungreifbaren Identitäten. Räume und ihre Ausgestaltung sind in dieser Welt ganz wesentlich, ob sie in Form einer Taucherglocke oder einer einbruchsicheren Besenkammer auftauchen. Sie sind Schlupflöcher und Refugien, in denen Schutz vor der Außenwelt gesucht wird, Orte des Insichgehens. Die seelenkundliche Dimension des Romans vom langjährigen Psychiater Ernst Augustin wird hier ganz deutlich. Augustin selbst sagt: Robinson ist „ein Handbuch des Wohnens, wobei das Wohnen gleichbedeutend mit Leben ist“. So stehen die nach dem jeweiligen Seelenleben eingerichteten Räume nicht zuletzt für die verschiedenen Phasen, „sich mit sich selbst einzurichten“. Zu tun haben wir es hier also mit einem in verschiedenen Genresequenzen erzählten surrealen Handbuch des Lebens.

„Sand“ – Agententhriller oder postkoloniale Wüstensatire?

Nicht surreal, aber ebenfalls mit Verfolgern und Verwirrungen um Identitäten kommt Wolfgang Herrndorfs bereits mit dem Leipziger Buchpreis prämierter Roman Sand daher. Er spielt 1972 in Nordafrika, zur selben Zeit, als in München das olympische Dorf überfallen wird. Vier Bewohner einer Hippie-Kommune am Wüstenrand werden erschossen, nicht weit entfernt bekommt ein Mann einen Schlag auf den Kopf und verliert sein Gedächtnis, eine hübsche, aber nicht komplexfreie Amerikanerin ist auf vermeintlicher Geschäftsreise und nimmt sich seiner an – eine Abfolge von Katastrophen beginnt. Die Zusammenhänge, sofern es denn welche gibt, erschließen sich im Laufe des Buches. Oder eben auch nicht.

„Indigo“ – von Kindern, die krank machen

Den Preis für das schönste Buch würde sicher Clemens J. Setz erhalten. Der Inhalt allerdings ist noch düsterer, als es der weiche, graumelierte Umschlag vermuten lässt. Wie geht eine Gesellschaft mit einer Randgruppe um, die „anders“ ist? Die zwar keine äußerlichen Merkmale des Andersseins aufweist, aber die Menschen in ihrem Umfeld krank macht? Erbrechen, Durchfälle, Hautausschläge – das sind Symptome, die ein Indigo-Kind herbeiführt, sobald ein Mitmensch die gefährliche „Kontaktzone“ betritt. Abgeschottet von der Außenwelt werden die „Indigo-Kinder“ in speziellen Instituten unterrichtet, unter anderen von Protagonist Clemens Setz (das selbstreferenzielle Autorschaftsspiel sei hier nur nebenbei erwähnt). Dort stößt er auf die Praxis der „Relokation“ – ein Begriff, unter dessen Mantel einige der Kinder spurlos verschwinden – und sucht nun nach Antworten. Ein rätselhafter, collageartiger Roman, in dem sich der Autor Setz mit Freuden an Psychopathologien abarbeitet.

Clemens Setz über seinen Roman „Indigo“

„Nichts weißes“ – eine Hommage an das gedruckte Wort

Wunderbar poetisch, ganz behutsam nähert sich Ulf Erdmann Ziegler seiner schlafenden Protagonistin Marleen auf den ersten Seiten seines Romans Nichts weißes an, der sich als Hommage an das gedruckte Wort liest. Marleen Schullers Welt ist die der Typographie. Schon früh weiß sie, was sie will: die perfekte Schrift entwerfen, eine „Schrift ohne Stil“, eine, „die man gar nicht bemerkt“. Ein unsichtbarer Träger des reinen Wortes. Angefangen in der Nachkriegszeit beschreibt Ziegler den beruflichen Werdegang einer jungen Frau während einer Zeit, in der nicht nur der Bleisatz von der Computertechnik abgelöst wird und findet dafür eine unprätentiöse, direkte Sprache, die aber nicht an Poetik einbüßt.

„Fliehkräfte“ – Scheitern ohne Risiko

Das geschriebene Wort ist auch das Metier von Hartmut Hainbach, Professor für sprachanalytische Philosophie. Wie ist das, wenn man selbst auf der Höhe des Lebens angekommen ist, einigermaßen bekommen hat, was man wollte, die Leute um einen herum aber ständig die neue Herausforderung suchen? Ist der gescheitert, der nie etwas gewagt hat, oder scheitert der, der immer grübelnd auf der Stelle tritt und über das „Was wäre, wenn…“ nachdenkt? Nicht nur diese Fragen verhandelt Stephan Thome in Fliehkräfte, mit dem er sich in die desillusionierende Umgebung des einst sich selbst genügenden akademischen Establishments begibt.

„Landgericht“ – heimkehren in die Fremde

Einen historischen Familienroman, schnörkellos und realistisch, steuert Ursula Krechel mit Landgericht zur Shortlist bei. Krechel erzählt die Geschichte des jüdischen Richters Richard Kornitzer, der Jahre nach seiner Vertreibung aus Nazi-Deutschland zurückkehrt. Doch heimisch will ihm seine einstige Heimat nicht werden. Kornitzer trifft auf ein Nachkriegsdeutschland, in dem das Verdrängen des Geschehens Realität ist und die Maßnahmen zur Entnazifizierung und Wiedergutmachung nur schleppend vorangehen – oder gar nicht. So entspinnt sich die Geschichte der tragischen Figur Kornitzers, die gegen diese Realitäten kämpft, auf ihrem Recht beharrt und dabei mehr und mehr kohlhaas’sche Züge annimmt.