Märchen- und Erzählfestivals Erzählen als eigenständige Kunstform

Regina Sommer; © Zwischen-Zeiten
Regina Sommer | Foto (Ausschnitt): © Zwischen-Zeiten

Gerade im Jahr des 200. Jubiläums der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm erfreuen sich Märchen- und Erzählfestivals einer großen Beliebtheit. Aber was ist eigentlich ein Erzählfestival? Und was können Märchen in der heutigen Zeit noch leisten? Ein Überblick.

Berühmte Autoren, Interviews, Signierstunden: Der Lesungsbetrieb ist in Deutschland professionell organisiert. Während die Bühnenperformance von Literatur auf Festivals in Hamburg, Berlin und München ein fester Bestandteil der Literaturszene geworden ist, hat die der Märchen- und Erzählfestivals eine andere Tradition. Berühmte Autoren sucht man hier vergebens, denn im Vordergrund steht die Geschichte – und wie sie erzählt wird.

Es war einmal … im Jahr 1997

Mit Zwischen-Zeiten rief Regina Sommer 1997 in Aachen eines der ersten größeren Erzählfestivals in Deutschland ins Leben. Selbst Erzählerin von Märchen, Sagen und Geschichten, brachte sie die Tradition aus eigenen Erlebnissen im angelsächsischen Raum nach Deutschland. Grundlegend ist seitdem für das zweisprachig durchgeführte Festival die internationale Ausrichtung: Auf zahlreichen Einzelveranstaltungen dient das Erzählen nicht nur der Unterhaltung eines bunt gemischten Publikums, sondern auch dem Austausch untereinander.

Ebenfalls 1997 gegründet, ist Erzähl mir was in Remscheid die zweite große Institution in der deutschen Erzählfestival-Landschaft. Die Kunst des Erzählens erhält hier eine Bühne, die Geschichten reichen von 6.000 Jahre alten indianischen Schöpfungsmythen über die Artusepik und indische Mythentradition bis hin zu afrikanischen Heldenmythen.

Regina Sommer erzählt „Die Prinzessin mit der Laus“ (Brüder Grimm)

Der Sog des Wortes

Ein Erzähler, der sich so nennen will, muss traditionell eine Ausbildung von sieben Jahren absolvieren. Diese umfasst Kenntnisse in Bühnen- und Rezitationspraxis und ist dem Beruf des Schauspielers nicht unähnlich. Da Geschichten mündlich überliefert werden, spielt das Zuhören eine große Rolle. Danach kann ein Profi, der mindestens 100 Geschichten „können“ muss, selbst wählen, wie er seine Erzählung präsentieren und ausschmücken möchte.

Hier liegt auch der große Unterschied zum Literaturfestival: Ist ein Autor auf der Bühne immer an das vor ihm liegende Buch gebunden, aus dem er liest, so kann der Erzähler viel intuitiver auf das Publikum zugehen, Stimmungen erfühlen und sogar spontan den Lauf der von ihm erzählten Geschichte verändern. So hat ein Geschichtenerzähler gegenüber dem Buchautoren ganz andere Möglichkeiten, sein Publikum zu fesseln: allein mit dem Sog, den das gesprochene Wort auslöst.

Den Märchen eine Bühne

Natürlich stehen im Land der Grimmschen Märchensammlung, die 1812 in ihrer ersten Fassung veröffentlicht wurde, auch die deutschen Hausmärchen im Mittelpunkt zahlreicher Festivals: Überall versammeln sich vor allem im 200. Jubiläumsjahr der Erstveröffentlichung Zuschauer auf Märkten, Dorffesten und großen Festivals, um Geschichten zu lauschen, etwa auf dem Wiesmoorer Märchenfestival in Ostfriesland, dem interkulturellen Märchenfestival in Köln oder der Grimm-Jubiläumsveranstaltung „5 auf einen Streich“ in Hessen - dem Heimatland der Brüder Grimm, die dort die Geschichten für die berühmteste deutsche Märchensammlung sammelten.

Unterstützt wird die Pflege der heimischen Märchentradition von Vereinen wie der Europäischen Märchengesellschaft in Rheine und dem Stuttgarter Märchenkreis. Sie führen nicht nur Märchenabende für Schulen und Festveranstaltungen durch, sondern setzen sich auf Tagungen, Kongressen und Versammlungen auch mit der Bedeutung von Märchen in der heutigen Zeit auseinander.

Geschichten als gesellschaftliches Bindeglied

Ganz anders als die Erzählfestivals haben Märchenfestivals eine deutlich jüngere Tradition in Deutschland. In den letzten Jahren hat sich besonders Märchenland in Berlin der reichhaltigen Tradition verschrieben: Das Zentrum für Märchenkultur setzt sich in zahlreichen publikumswirksamen Veranstaltungen für die Verbreitung der Geschichten ein, die heute nicht mehr jedes Kind kennt.

Aber gerade der simple Aufbau, die aufregende Handlung und eine klare Botschaft machen Märchen zu einer kulturübergreifenden Institution. Auf den Märchentagen in Berlin und dem sächsischen Märchenfestival treten Schauspieler oder Politiker auf die Bühne und tragen die beliebtesten Geschichten vor.

So ist ein Märchenfestival nicht nur eine unterhaltende Vorstellung, sondern hat auch einen Bildungsauftrag, der zwischen den Kulturen vermittelt und das Geschichtenerzählen immer wieder für neue Generationen interessant macht. „Märchen zeigen in unserer heutigen Welt, in der der Einzelne meist nur noch als isolierter Leistungsträger wahrgenommen wird, Wege auf, um Gemeinschaft zu konstituieren und Zusammengehörigkeit zu schaffen“, wie die Macher von Märchenland, Silke Fischer und Monika Panse, betonen.

Erzählen als eigenständige Kunstform und Geschichten als gesellschaftliches Bindeglied: Die alte Tradition der Märchen, Sagen und Mythen hat – nicht nur im Jahr des Grimm-Jubiläums – einen festen Platz in der Öffentlichkeit. Auf Festivals, Festen und Erzählabenden wird sie jedes Mal aufs Neue lebendig, sobald der Erzähler mit seiner Geschichte beginnt.